Video-Filmkritiken

Kino

Die Tücken der Gewöhnlichkeit

Von Peter Körte

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Film-Kritik: Ben Becker in "Ein ganz gewöhnlicher Jude"

18. Januar 2006 Es gibt vermutlich eine Menge Leute, die Bernd Eichinger für den wahren Regisseur des „Untergangs“ halten und sich deshalb wundern, daß Hollywood ausgerechnet den Mann mit dem im Englischen unaussprechlichen Namen verpflichtet hat. Oliver Hirschbiegel hat gerade mit Nicole Kidman und Daniel Craig das dritte Remake von „Invasion der Körperfresser“ abgedreht, und das klingt ganz wie der logische Aufstieg nach dem „Downfall“.

Der 48jährige hat zuvor aber noch einen anderen Stoff verfilmt, dessen Wahl man auch sehr folgerichtig finden kann und ebensogut rätselhaft. „Ein ganz gewöhnlicher Jude“ heißt die knapp neunzigminütige Soloperformance von Ben Becker, ein Kinomonolog, wie ihn Hirschbiegel schon vor vier Jahren mit Hannelore Elsner für „Mein letzter Film“ einstudiert hat. War es der Wunsch nach Abwechslung, war es unverlangte Buße, womöglich stille Konsequenz, die von den bröckelnden Charaktermasken im Führerbunker zur Identitätskrise eines deutschen Juden von Mitte Vierzig führte?

Protokoll eines Wutanfalls

Der Journalist Emanuel Goldfarb erhält von der jüdischen Gemeinde einen Brief: die Bitte eines Lehrers, ein Mitglied der Gemeinde möge sich den Fragen seiner Schulklasse stellen, und an dem politisch beflissenen, mit einem anbiedernden „herzlichen Schalom“ unterzeichneten Schreiben entzündet sich Goldfarbs Wut.

Er versucht, sich sein Gegenüber vorzustellen, er läuft ruhelos durch seine Wohnung, brüllt eine Absage ins Diktaphon, hämmert Blatt für Blatt in seine alte Kugelkopfschreibmaschine, kramt in alten Fotos, er erinnert sich an die gescheiterte Beziehung zu einer Goi und an das gemeinsame Kind, und was ihm im Laufe einer durchwachten Nacht durch den Kopf geht, das ist eine Art Protokoll: Wie es sich lebt, als Jude, der 1959 in der Bundesrepublik geboren wurde.

Problem einer Sonderrolle

Das Drehbuch hat der Schweizer Autor Charles Lewinsky geschrieben. Es ist kein rhetorisch sonderlich brillanter Text, er ist nicht ohne Pointen und voller oft erzählter Anekdoten und Weisheiten, er erregt sich über die „eklige Einfühlsamkeit“ und über das „Lea-Rosh-Gesicht“, aber er ist in all dem doch ziemlich weit entfernt vom Sarkasmus eines Henryk M. Broder. Und wenn er von der Verzweiflung Goldfarbs erzählt, die sich im imaginären Dialog Luft macht, von der Ohnmacht, dann hat der Film in Ben Becker bestimmt nicht den richtigen Darsteller.

Es ist eine dieser Rollen, auf welche die handelsüblichen Adjektive wie furios und meisterlich herabrieseln, obwohl Becker sie mit jener kraftmeiernden Selbstgefälligkeit bewohnt, mit der er noch seine tragischsten Rollen ausstattet wie einen Anzug mit zu dicken Schulterpolstern. Er darf aufdrehen, immer ein wenig zu druckreif deklamieren, bis man glaubt, man säße in einem deutschen Subventionstheater. Und so hat man einen gedruckten Text, einen Charakter, der sagt: „Ein ganz gewöhnlicher Mensch möchte ich sein. Ein ganz gewöhnlicher Jude“, gespielt von einem Schauspieler, der sich mit über Vierzig noch immer für eine jugendliche Urgewalt hält und im Interview auf die Frage, ob er sich als ganz gewöhnlicher Deutscher fühle, sagt: „Nö, ein ganz gewöhnlicher bin ich nicht, ich bin Ben Becker“ - und dann ist da auch noch ein Regisseur, der nichts dagegen unternimmt, daß dieser Sonderrollenversessene einen spielt, der seiner Sonderrolle partout entrinnen will.



Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 15.01.2006, Nr. 2 / Seite 23

 
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