Film-Kritik: Rudy Youngblood in "Apocalypto"
14. Dezember 2006 Im letzten Sommer lief es ja nicht ganz so gut für Mel Gibson. Er hatte zuviel getrunken, sich ans Steuer gesetzt, und als die Polizei ihn anhielt, sprudelten lauter antisemitische Sätze aus ihm hervor. Das war überraschend - daß so viele von dieser Tirade überrascht waren, Leute, die doch vermutlich auch Die Passion Christi gesehen hatten. Das ohnehin schon leicht ramponierte Image des Fünfzigjährigen verfiel weiter, obwohl er sich mäßig zerknirscht zeigte, wie sich das für einen Hardcore-Katholiken gehört.
Einflußreiche Hollywood-Manager erklärten offen, nie wieder mit ihm zusammenarbeiten oder sich auch nur einen seiner Filme ansehen zu wollen. Aber weil man der Haltbarkeit solcher Schwüre offenbar nicht recht traut, herrscht jetzt wieder Unruhe, kaum daß die ersten amerikanischen Kritiken zu Gibsons neuem Film Apocalypto sehr positiv ausfielen: Ob sich die Academy womöglich trauen wird, den Film für die Oscars in die engere Wahl zu ziehen?
Mel Gibson und die Qual des Fleisches
Man sollte sich darüber nicht allzu viele Sorgen machen. Untertitel im Kino verschrecken das Publikum mehr als antisemitische Äußerungen auf der Straße. Denn statt Aramäisch und Latein wie in der Passion Christi wird hier Mayathan gesprochen, statt auf den Kalvarienberg geht's in den Dschungel von Yucatan, doch die Qual des Fleisches - das ist auch diesmal Mel Gibsons große Mission.
Wieder reist er zurück in eine Vergangenheit, von der auch Historiker nur ein sehr unscharfes Bild rekonstruieren können; wie schon in Braveheart (1995), der an der Wende zum 14. Jahrhundert spielte, ist die Welt der Mayas um 1500 weit genug von unserer Zivilisation entfernt, um diverse Grausamkeiten zu lizenzieren, und zugleich nah genug, um der Gegenwart einen trüben Spiegel vorzuhalten. Und weil Gibson für den edlen Wilden nicht allzuviel übrig hat, weil ihm das, was er für kulturell legitimierte Barbarei hält, interessanter erscheint, haben ihn manche einen Sadisten (Hollywood Reporter) genannt oder einen Primitiven (Time), und das Branchenblatt Variety sprach wie ein verständnisvoller Therapeut: Die Dämonen, die sein Privatleben verwüsten, beflügeln seine Kreativität. Das sagt sich so schön, fast so schön wie die Formel von der Sucht nach den nie zuvor gesehenen Bildern.
Mayas im Blutrausch
Es ist, keine Frage, schon ziemlich eindrucksvoll, wie Dean Semlers Digitalkamera mit ungeheurer Beweglichkeit durch den Dschungel stolpert, taumelt, klettert und rennt. Sie folgt dem schwarzen Panther, welcher den Helden namens Jaguarkralle jagt, sie ist mitten im Getümmel, wenn die Keulen niedersausen, und schwebt gravitätisch über den Massen, die sich um eine Pyramide scharen. Denn wie die Schotten brüllten und die Juden den Tod Christi verlangten, so berauschen sich die Mayas an Menschenopfern und rollenden Köpfen. Daß allerdings angesichts einer Sonnenfinsternis selbst unter den Hohepriestern leichte Hysterie ausbricht, ist insofern erstaunlich, als die Mayas eine Menge von Astronomie verstanden.
Zu begreifen, welchen Sinn die kultischen Handlungen jenseits der fotogenen Raserei erfüllen könnten, dazu hat offenbar auch der historische Fachberater den Regisseur, Produzenten und Koautor Gibson nicht animieren können. Mehr als vage Hinweise auf die Dekadenz einer Kultur sind da nicht. Da ist nur ein wolkiges Motto, demzufolge ein Reich erst erobert werden kann, wenn es von innen her verfault ist. Damit kann man sich einen Reim auf jede Gegenwart machen: Wenn man sie nur finster genug anschaut, dann schaut sie auch sehr finster zurück. Und unter diesem Blick wird alles, was archaisch erscheint, zum Atavismus.
Der Ronaldinho des Urwalds
Apocalypto zeigt die Grausamkeiten ostentativ vor, aber natürlich sieht jeder, der mal bei einem gutsortierten Metzger war, daß das herausgetrennte Herz ein Schweineherz ist, und ein waagerecht aus einer scheußlichen Kopfwunde hervorsprühender Blutstrahl gehört zum Repertoire jedes Horrorfilms. Auch die Verletzungen, welche Jaguarkralle im Laufe des Films erleidet, sind mehr, als selbst die Kinoheldenanatomie erlaubt. Dafür ist der Mann ein Geistesblitz des Castings. Der Schauspieler Rudy Youngblood, ein von Komantschen und Yaqui abstammender Texaner, hat eine nicht nur entfernte Ähnlichkeit mit Ronaldinho, den alle Welt als kindliches Genie liebt. Und wenn er einen Wasserfall hinunterspringt, wenn er kleine Holzpfeile mit dem Gift einer Kröte tränkt und durch ein aus gerollten Blättern improvisiertes Blasrohr auf seine Verfolger abfeuert, ist das auch nicht schlechter als die Übersteiger des Mannes aus Brasilien.
Man muß ja auch gar keinen ethnologischen Prädikatsfilm machen; man hätte vielleicht nur etwas mehr als ein Szenario entwickeln können, das in jedem beliebigen Dschungel bei jedem beliebigen Stamm spielen könnte, solange es dort nur bizarre Piercings, furchteinflößende Waffen und blutige Rituale gibt. Es hätte schon gereicht, sich mal The New World von Terrence Malick anzuschauen. Und ob Schottenrock, grobes Sackleinen oder Lendenschurz - die Struktur der Erzählungen ist bei Gibson stets so simpel, daß man gar nichts verraten kann. Zu ahnen, was auf Idylle, Überfall und Verschleppung folgen muß, wenn der Held wider Willen auch noch seine schwangere Frau und seinen Sohn in einem Erdloch in Sicherheit gebracht hat, setzt keine hellseherischen Fähigkeiten voraus.
Wie Action im Dschungel halt aussieht
Mel Gibson ist daher auch weder ein Sadist noch ein Primitiver; er ist einer, der die Rezensentenfloskel bildgewaltig hartnäckig mit Gewalttätigkeit in Bildern verwechselt. Er ist so sehr ein Entertainer von heute, daß er immer nur den Fundus des Archaischen plündern kann. Sein Fundamentalismus ist nicht genuin oder authentisch, er ist ein Rückkoppelungseffekt der Moderne, was sich am besten daran sehen läßt, daß er das Unbekannte, das Fremde nur spektakulär erscheinen lassen kann, indem er die digitalen Techniken des Spektakels ausreizt.
Daß Gibson durchaus eine Ahnung davon hat, spürt man im Purismus der Untertitelung: Englisch oder Synchrondeutsch sprechende Mayas wären einfach nur grotesk; es ist schon seltsam genug, wenn ein blutrünstiger Krieger im Angesicht des Todes ein paar Worte hervorstößt und man dazu I'm fucked liest. Aber auch Bilder sind eine Sprache. Sie haben sogar eine Grammatik, und wenn man beim Erzählen nur die konventionellsten Verknüpfungsregeln anwendet, dann sieht am Ende noch der exotischste Stoff so aus, wie Action im Dschungel halt immer aussieht.
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 10.12.2006, Nr. 49 / Seite 31
Bildmaterial: Constantin-Film
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