Video-Filmkritiken

Kino

Die Wucht antiker Tragödien: „Lilja 4-ever“

Von Hans-Dieter Seidel

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Film-Kritik: Oksana Akinshina in "Lilja 4-ever"

04. Dezember 2003 Das Mädchen heißt Lilja, ein Name, der überall auf der Welt begriffen werden sollte. Trotzdem wurde es für den internationalen Verleih des schwedischen Films, der diesen Namen im Titel führt, umbenannt und schreibt sich nun Lilya. Solch höherer Unfug will überhaupt nicht zu Stil und Stringenz sich fügen, mit denen der Regisseur Lukas Moodysson eine Passion verfolgt, wie sie aufwühlender kaum vorstellbar ist. Sein Film "Lilja 4-ever", um Menschenhandel der perfidesten Art sich drehend, ist als schonungslose Anklage zu verstehen, der Wucht antiker Tragödien vergleichbar, die niemals Katharsis und Rührung in eins setzen.

Der Beginn zeichnet schon das Ende vor. Ein junges Wesen, eher Mädchen als Frau, geprügelt und blutig, flieht in unwirtlicher Gegend eine Straße entlang, panisch Haken schlagend, denen hämmernde Rockmusik den Rhythmus vorgibt. Die Verstörte steigt auf das Geländer einer Brücke über eine vielbefahrene Autobahn - und niemand weit und breit, der sie abhalten könnte zu springen.

Reinheit im Elend

Doch Moment: "Drei Monate früher, irgendwo in der ehemaligen Sowjetunion" verweist ein Insert auf eine weit ausholende Rückblende, den Anfang vom Ende. Lilja, sechzehn Jahre alt, aber im Grunde noch ganz ein Kind, hat sich - ihr unschuldiges Lächeln deutet es an - inmitten der trostlosen Verhältnisse und schmutzstarrenden Tristesse, die sie umgeben, eine Reinheit bewahrt, als könnte ihr das Elend ringsum nichts anhaben. Aber nur Engel haben Flügel, sich zu erheben über Armseligkeit und Not. Den Menschenkindern bleibt allein die Illusion einer besseren Welt, die Amerika heißen könnte oder, näherliegend, Schweden.

Lilja ist überzeugt, mit der Mutter und ihrem augenblicklichen Liebhaber dem postsowjetischen Unrat entfliehen zu können, doch ihr Traum geht in Fetzen. Dem Mädchen wird aufs schäbigste mitgespielt und ein Stationendrama aufgezwungen, aus dem es kein Entrinnen gibt. Der versprochene Brief der Mutter mit einem Lebenszeichen und mit Geld trifft nie ein. Die Tante, die sich ein Sorgerecht anmaßt, schmeißt Lilja aus der vertrauten, einigermaßen anheimelnden Wohnung und zwingt sie in ein Dreckloch. Die Lehrerin hat nur Spott und Hohn für das Kind, dessen Sehnsucht nach Amerika so elend verflogen ist. Es kann nicht ausbleiben, daß Lilja den Einflüsterungen einer Freundin erliegt, ihre Unschuld überschminkt, den Weg aus dem Vorort in die Stadt und in die nächste Bar sucht und, allen inneren Widerstand hinunterwürgend, in der Prostitution lernt, was Selbstekel heißt.

Selbstverständlicher Wandel

In Oksana Akinschina hat Moodysson eine Schauspielerin gefunden, die den Wandel vom reinen Kind zur Hure und wieder zurück ins scheinbar Unbefleckte auf eine wie selbstverständliche Weise vorlebt, daß dem Augenzeugen der Atem stockt. Zweifellos sind die dokumentarisch zugerichteten Bilder des Kameramanns Ulf Brantas ohne Makel, erlaubt sich der Drehbuchautor und Regisseur Moodysson keinen einzigen billigen Effekt. Aber erst mit dieser außerordentlich stimmigen Besetzung der Hauptrolle gewinnt "Lilja 4-ever" den Rang eines Zeugnisses der Verelendung, das unbezwingbar ist, weil es alle zu Opfern macht.

Ein Elfjähriger, verstoßen wie Lilja, auf der Straße zu Hause und wundersam imstande, sich mit Leimschnüffeln am Leben zu halten, wird der einzige Vertraute des Mädchens - bis Lilja, wiederholt auf die Prostitution angewiesen, um ihr Dasein fristen zu können, den Versprechungen eines Freiers von Liebe und einem Arbeitsplatz in Schweden auf den Leim geht. Aus der gemeinsamen Reise wird nichts, in letzter Minute, und Lilja, die aufs neue wie schon von der Mutter bitter Betrogene, sieht sich endgültig der sexuellen Ausbeutung ausgeliefert. In Schweden geht ihre Kraft, sich zu wehren, elend zuschanden.

Surrealer Höhenflug

Vergeblich hat Volodya, mit seinen elf Jahren der bessere Menschenkenner, Lilja vor dem Hoffnungsglühen gewarnt, das sich am schwedischen Horizont auftat. Und auch Volodyas Tablettentod irgendwo in einem finsteren Treppenflur und der surreale Höhenflug des Films, daß der Junge nun als Liljas Schutzengel dem Mädchen nach Schweden folgt und es inständig zur Flucht aus dem Gewahrsam der Zuhälter drängt, bewahrt sie nicht vor dem Sprung vom Geländer. Selbst die Macht der Schutzengel ist endlich. Und die Magie des Heiligenbilds, an dem Lilja festhält, als könne es ihr die Rockschöße der Mutter ersetzen, muß sich irgendwann erschöpfen.

Eine Passion, keine Erlösung. Lukas Moodyssons Film, beim Festival von Venedig im vergangenen Jahr vorgestellt und jetzt bei uns endlich im Kino, mag nicht in Gang gesetzt, aber immerhin befördert haben, daß die schwedische Politik sich bewegen ließ, zu Anfang dieses Jahres die Gesetze zu verschärfen, indem "Menschenhandel zu sexuellen Zwecken" als Straftatbestand eingeführt wurde. Außerdem sollen ausländische Frauen, die in Gerichtsverfahren gegen Zuhälter aussagen, ein vorübergehendes Aufenthaltsrecht erhalten. Lilja in ihrer Not hätte das schon genügt.



Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 04.12.2003

 

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