Video-Filmkritiken

Filmkritik

Das Herz altert zuletzt: „Rocky Balboa“

Von Edo Reents

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Film-Kritik: Sylvester Stallone als "Rocky Balboa"

07. Februar 2007 Das Letzte, was sich Sieger und Besiegter damals zu sagen hatten, war, dass dieser Kampf eine einmalige Sache war: „Es gibt keine Revanche!“, keuchte Apollo Creed, worauf der nur nach Punkten unterlegene Rocky Balboa sagte: „Ich will auch keine Revanche.“ Sylvester Stallone hatte in der Titelrolle des „Rocky“ unter der Regie von John G. Avildsen und nach eigenem Drehbuch seine Mission auf Anhieb erfüllt. Das Drama vom Außenseiter, der seine Chance bekommt und sich dann mehr als wacker schlägt, war zu Ende; mehr gab es nicht zu erzählen. Aus Rocky, dem einfachen, aber mit dem unersetzlichen Wissen des Verlierers gesegneten, grundehrlichen Mann, wurde danach eine Kampfmaschine, die zwar athletisch beeindruckte, aber unter der ideologischen Überfrachtung zusammenbrach.

Sylvester Stallone muss gespürt haben, dass er mit der Ausweitung der individuellen Perspektive in den politischen Zeitgeist seiner einfach-genialen Idee untreu werden würde, und fuhr deshalb seit 1982 zweigleisig: Die „Rambo“-Reihe konnte ihrem Zweck - nämlich in ideologisch streng determinierten Zeiten etwas auszusagen über die uramerikanische Mentalität -, viel unverhohlener nachgehen. Natürlich war auch der Ur-“Rocky“ von 1976 nicht ohne Tuchfühlung zu seiner Zeit; aber der Bezug zur aufkommenden Carter-Ära, die schon deshalb lichter zu werden schien, weil der Vietnam-Krieg zu Ende war, gab nur die Folie ab, auf der sich die Aufsteigergeschichte desto plausibler erzählen ließ. Bei „Rocky II“, 1978 von Stallone selbst und nicht schlecht inszeniert, funktionierte sie schon nicht mehr: Der schließlich gewonnene Titel brachte Wohlstand und Sättigung für einen Helden, der sich nur in der Aufwärtsbewegung glaubwürdig ausnahm.

Sinatra hat es schon immer gesagt

Aus all dem wäre zu folgern, dass man einen Film wie „Rocky“, der drei Oscars gewann und wohl einer der besten Filme der siebziger Jahre ist, nur einmal machen kann. They never come back - diese Regel hatten aber gerade die großen Boxer gebrochen: Muhammad Ali, der das reale Vorbild für das schwarze, smarte Großmaul Apollo Creed abgab, und George Foreman, der mit fünfundvierzig Jahren noch einmal Weltmeister wurde. Sylvester Stallone ist jetzt sechzig und konnte sich an einen sechsten und nun wohl wirklich allerletzten Teil nur deswegen wagen, weil er sich eine andere Weisheit zu eigen gemacht hat, an der man in unseren comebackseligen Zeiten kaum noch vorbeikommt und die er dann auch zitiert. It's not ...

Dafür muss Stallone dahin zurückkehren, wo er ganz am Anfang stand: in die Einsamkeit. Seine Frau Adrian (damals gespielt von Talia Shire), die er mit Hartnäckigkeit, Witz und Wärme zum Blühen gebracht hatte, ist tot; das Restaurant, das ihren Namen trägt, dient ihm vor allem dazu, helmutrahn-haft seine sportliche Legende zu verwalten; sein Sohn, ein blasser Angestellter, der sich schikanieren lässt, ist ihm entfremdet; und Paulie, sein ewig zu kurz gekommener Schwager (abermals stimmig: Burt Young), ist noch älter geworden als er selbst.

Rocky - ein zutiefst sympathischer Mann

Man mag einwenden, dass ein Sechzigjähriger, der es sportlich noch einmal wissen will, noch unglaubwürdiger ist als die comic- und klischeehaften Fights, in die Stallone seine Helden in den achtziger Jahren schickte. Aber darum geht es hier gar nicht; abgesehen davon, dass der Film jede konkrete Altersangabe vermeidet. Man spürt, wie viele Jahre vergangen sind; doch wenn man Rocky das erste Mal sieht, wie er aus seinem kleinen Reihenhaus heraustritt, meint man, die Zeit, die das große Thema dieses Films ist, wäre stehengeblieben: Der gutmütig-bärenhafte Gang, der Hut - Rocky ist immer noch ein zutiefst sympathischer Mann.

Dies ist die Ausgangssituation, aus der heraus Stallone in „Rocky Balboa“ den Faden noch einmal aufnimmt. Überraschend ist es, dass eine Figur in sein Leben tritt und gewissermaßen den Adrian-Ersatz gibt, die im ersten „Rocky“ eine kurze, aber aussagekräftige Szene hatte: Das ehemalige Nachbarsmädchen Marie zeigte dem Hinterhofboxer voller Verachtung den Mittelfinger („F. . . dich doch, du Schlappschwanz!“), worauf Rocky weiterzog und sich sagte: „Ja, ja, du hast es nötig, anderen Leuten Ratschläge zu geben.“ Alte Beleidigungen haben ein langes Leben. Der von Selbstkritik durchsetzte Mutterwitz des ersten Teils ist hier einer Wehmut gewichen, und wenn der Film darunter nicht begraben wird, dann liegt das daran, dass sein erzählerischer Kern, auf den Stallone sich beharrlich und mit einfachen filmischen Mitteln konzentriert, noch funktioniert: Wie kann ich, in der Sprache des jungen Rocky Balboa, beweisen, „dass ich nicht nur irgend so'n Penner“ bin?

Es geht nicht um Sieg oder Niederlage

So tritt der Film in einen andauernden, nie ermüdenden Dialog mit seiner Urfassung ein: Rockys Wecker klingelt immer noch um fünf Uhr morgens, in der Wohnung steht ein Aquarium mit Schildkröten, jedermann spricht ihn von der Seite an, und sein Training bestreitet er mit den bekannten, unorthodoxen Methoden. Für jeden, dem „Rocky“ einmal etwas bedeutet hat, ist es ein trauriges Fest, das alles wiederzusehen. Selbst Rockys Körper ist immer noch beeindruckend, wenn auch sichtlich gealtert.

Obwohl der Film mit neunzig Minuten fast Unterlänge hat, lässt er sich Zeit, die Dinge zu entwickeln. Rocky ertrotzt sich seine Boxerlizenz mit dem in Philadelphia doppelt stimmig wirkenden Hinweis auf das von der Unabhängigkeitserklärung garantierte Streben nach Glück, wobei sich alle die Frage stellen, was Glück für einen alternden Boxer bedeuten könnte: „Man braucht Mumm, um in den Ring zu steigen, wenn man weiß, dass man verdroschen wird.“ Denn die Niederlage ist absehbar; der Champion Mason Dixon (Antonio Tarver) ist in ungleich besserer Verfassung, muss sich allerdings nachsagen lassen, dass er noch nie über die volle Distanz gehen musste. Hierin und nur hierin könnte Rockys Chance liegen: Wer hat die größeren Nehmerqualitäten? Es geht gar nicht um Sieg oder Niederlage; es geht um den Respekt, den einer vor sich selber hat.

Damals hatte Stallone die Idee, dass auch der Underdog seine Chance bekommt, noch direkt inszeniert; heute erscheint der nach Las Vegas verlegte Kampf als Resultat einer veränderten Medienwelt: Erst Computersimulationen, in denen die besten Boxer gegeneinander antreten, lassen die Strippenzieher darauf kommen, die Frage zu stellen: Welche Chance hätte Balboa gegen den amtierenden Weltmeister? Dessen faires Angebot gegenseitiger Schonung schlägt der Herausforderer, der immer noch über einen furchterregenden Punch verfügt, aus: „Viele kamen nach Las Vegas, um zu verlieren - ich nicht.“ Dann ist der Moment für das Frank-Sinatra-Zitat gekommen: „It's not over until it's over.“ Ob das ein Spruch der siebziger oder achtziger Jahre sei, will der Vertreter der Hiphop-Generation wissen, für die diese Zeit beinahe so weit entfernt ist wie für Rocky damals der Zweite Weltkrieg.

Sein eigentliches, höchst zeitgemäßes Anliegen

Hinter dieser Konfrontation zweier Generationen verbirgt der Film „Rocky Balboa“ sein eigentliches, höchst zeitgemäßes Anliegen. Die Metapher vom Dasein als Kampf, die auch andere Filme damals nutzten, geht nun auf in einer Trauerarbeit, in welcher der Held noch einmal auf seine Würde hin überprüft wird. Das Herz altert zuletzt, und für einen Boxer, der es ernst meint, gilt das erst recht. Für die Boxchoreographie, die keinen Vergleich zu scheuen braucht, hat Stallone seine alten Instinkte noch einmal mobilisiert. Wie der Kampf ausgeht? Das spielte schon damals kaum eine Rolle.

Schließlich ertönt der finale Gong: „Es ist die letzte Runde deines Lebens“, brüllt Paulie ihn anfeuernd an. Jeder große Boxer, sagt einer der quasseligen Sportreporter am Ende, hat noch einen großen Kampf in sich. Das hat Sylvester Stallone mit diesem zutiefst bewegenden, würdevollen Film bewiesen.



Text: F.A.Z., 07.02.2007, Nr. 32 / Seite 33
Bildmaterial: 20th Century Fox

 

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