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Die Blondheit des Widerstands

Von Peter Körte

Filmkritik „Black Book”

09. Mai 2007 Es mag seriöse Filmhistoriker ja in Verzweiflung stürzen, doch wenn man sich nach ein paar unvergesslichen Momenten der Filmgeschichte aus den letzten zwanzig Jahren umhört, dann hat Paul Verhoeven gute Chancen, mindestens einmal vertreten zu sein. Sharon Stone im kurzen weißen Kleid, die auf einem Stuhl sitzt und mitten im Verhör die Beine spreizt, das löste 1992 nach „Basic Instinct“ lange Diskussionen darüber aus, ob sie nun einen Slip trug dabei oder nicht, und mancher wird auch noch vor Augen haben, wie Elizabeth Berkley sich als Tänzerin in „Showgirls“ (1995) um eine Metallstange windet, um schließlich diese Stange auch mit der Zunge zu berühren.

Die Welt ist halt ungerecht, kulturell wertvolle Dinge geraten in Vergessenheit, aber dafür kann Paul Verhoeven nichts, der in den neunziger Jahren einer der erfolgreichsten Hollywood-Regisseure war und bei dem sich einige den Kalauer nicht verkneifen können, von seinem „basic instinct“ zu reden, weil es in seinen Filmen viel Gewalt gibt und auch nicht gerade wenig Sex. Verhoeven, der im Juli 69 wird, ist ein umgänglicher, gesprächiger Mann, sein Akzent im Englischen lässt jederzeit den Niederländer erkennen; er hat Mathematik und Physik studiert, bevor er zur Marine ging und dort den Umgang mit einer Kamera lernte, und dass er von den Basisgleichungen des Kinos einiges versteht, sieht man am Erfolg seiner Filme.

Unterhaltsam, spannend - und nicht durchgängig plausibel

Zuletzt lief es nicht mehr so gut in Amerika, und wohl auch deshalb hat er sich entschlossen, nach zwanzig Jahren wieder in seiner Heimat zu arbeiten, mit einer deutsch-niederländischen Crew und mit Gerard Soeteman, seinem langjährigen Drehbuchautor. „Black Book“ ist ein Weltkriegsstoff aus den besetzten Niederlanden, und vor dreißig Jahren, als Verhoeven „Der Soldat von Oranien“ drehte, eine patriotische Widerstandsgeschichte, hätte er mehr Probleme bekommen, weil im damaligen Selbstbild praktisch jeder Holländer im Widerstand aktiv gewesen war. Diese Legende ist auserzählt, längst ist in Holland klar, dass es Kollaboration gab, dass die Helden dunkle Seiten hatten und auch von scheinbar Wohlmeinenden holländische Juden gegen Geld oder Wertsachen den Nazis ans Messer geliefert wurden.

Obwohl fast zweieinhalb Stunden lang, ist der Film nie langatmig oder langweilig. Er ist unterhaltsam, weil er wie ein Thriller gebaut ist, was allerdings nicht heißt, dass seine Konstruktion auch durchgängig plausibel wäre oder man ihn als „wahre Geschichte“ missverstehen sollte. Das jüdische Mädchen, das sich erst bei Christen versteckt, das sich dann dem Widerstand anschließt und sich mit dem Chef des deutschen Sicherheitsdienstes in Den Haag einlässt, ist eine Rolle, mit der man groß herauskommt, und die dreißigjährige Carice van Houten hat diese Chance genutzt. Auch privat hat es sich gelohnt, denn seit den Dreharbeiten ist sie mit Sebastian Koch liiert, der den sanftmütigen Nazi spielt - ein Briefmarkenfreund von einer Menschlichkeit, bei dem man sich schon fragen muss, wie ein solcher Mann es zu einem der ranghöchsten Nazis in den Niederlanden gebracht haben soll.

Einer jener Momente, wo er es wissen will

Man kann sich allerdings nicht beschweren über einen Mangel an Spannung und an einschlägigen Stereotypen. Der sadistische Nazi (Waldemar Kobus) ist dabei, unter den Widerständlern sind Hasardeure und Kollaborateure, es gibt viele Schusswechsel, Verrat und Rache in dieser Zeit zwischen 1944 und der Befreiung; man kann dem Film höchstens vorwerfen, dass er 1956 in einem israelischen Kibbuz beginnt, wodurch klar ist, dass Ellis, die nun wieder Rachel heißt, davonkommen wird.

Und es gibt dann auch, weil es nun mal ein Film von Paul Verhoeven ist, einen jener Momente, wo er es wissen will. Rachel hat sich die Haare blond gefärbt, doch weil sie für die gute Sache mit dem Nazi ins Bett soll, reicht das nicht aus. Verhoeven und Soeteman haben sich ausgedacht, sie beim Blondieren ihrer Schamhaare zu zeigen, und es freut den Regisseur, dass diese Szene in jeder amerikanischen Kritik erwähnt wurde. In Holland, sagt er, habe niemand darüber geredet - was man nicht unbedingt glauben muss. So wenig wie die Behauptung, dieser Moment sei ein Plot Point. Den Punkt hätte er auch machen können, wenn sie sich das erste Mal auszieht. Aber das, sagt Verhoeven, habe er dann doch zu langweilig gefunden.

Kathartische Himbeeren

Man kann sich nun über seine angebliche Arglosigkeit amüsieren und höflich fragen, ob er das ernstlich glaubt. Und bevor man die Gelegenheit nutzen kann, Verhoeven auch nach Sharon Stone zu fragen, kommt er schon von selbst zur Sache. Er habe Sharon Stone damals eine Geschichte erzählt, die er selbst erlebt hatte: „Als Student kannte ich ein Mädchen, das auch immer ohne Slip zu Partys kam. Ein Freund von mir fragte sie, ob sie wisse, dass man ihre Vagina sehen könnte. Sie antwortete: ,Klar, deshalb mache ich es ja.'“

Sharon Stone habe eingewilligt, die Szene ohne Slip zu drehen, hinterher habe sie sich das Ganze auf dem Monitor angeschaut und gesagt: „Okay, bis morgen.“ „Auch der Cutter“, fährt Verhoeven fort, „ein streng katholischer Mann, hat die Szene anstandslos eingebaut. Ich habe sie dann vergessen. Ich schwöre Ihnen, ich habe nie gedacht, dass diese Szene von großer Bedeutung für den Film wäre. Als Sharon dann das erste Mal den Film sah, kam sie zu mir und sagte: ,Schmeiß das raus!' ,Aber du wolltest es doch', habe ich gesagt. ,Ich verklage dich, wenn du es drinlässt.' ,Okay', habe ich gesagt, ,dann erklär dem Richter mal, warum du es gedreht hast.' Sie hat natürlich nicht geklagt.“

So war das also. Und wenn man schon mal dabei ist: Wie war das denn bei „Showgirls“? War das wirklich ernst gemeint? Oder sollte es einfach ein Film sein, der vorsätzlich „tacky“ ist, wie das im Englischen heißt, also billig, kitschig, klebrig, unverschämt? Natürlich fragt man das nicht so direkt, aber immerhin kann man sich erkundigen, warum Verhoeven, als er für die Goldene Himbeere, für den schlechtesten Film des Jahres, nominiert war, so viel Selbstironie bewiesen hat und zur Preisverleihung gegangen ist, was ein Mitglied des Hollywood-Establishments normalerweise nie tun würde. „Es war eine Art Katharsis für mich“, sagt der mehrfache Himbeeren-Empfänger heiter, „ich bin auf die Bühne gegangen, acht oder neun Mal, und schließlich bekam ich Beifall, ich wurde zum Helden. Am Ende brüllten die Leute sogar begeistert ,Showgirls, Showgirls'.“

Durch die Haarnadelkurven des Plots

Vor diesem Auftritt muss man Respekt haben. Der Mann kann austeilen - und einstecken, wie es scheint. Das Filigrane ist ohnehin nicht Verhoevens Sache, ist es nie gewesen, und allzu großer Feinsinn hätte ihm gewiss auch nicht geholfen bei Filmen wie „Robocop“ oder „Total Recall“, mit denen er sich in Amerika durchsetzte und die man sich auch nach fast zwei Jahrzehnten noch immer gut ansehen kann. Und wenn, wie jetzt bei „Black Book“, die Möglichkeit zur Kolportage in einem Stoff steckt, dann nutzt er sie auch, pusht das Melodrama, drückt aufs Tempo und steuert durch die Haarnadelkurven des Plots. Und wenn es auch richtig ist, dass „Black Book“ die schlichte Moralität von Hollywoods Kriegs- und Nazidramen unterläuft, indem er zeigt, dass hinter guten Taten böse Absichten stecken und moralisch obskure Handlungen einen sinnvollen Zweck haben können, dann macht er das so deutlich, dass es ein bisschen krude wirkt.

Paul Verhoeven stört das nicht. Seine Sicht der Welt, wie sie auch aus seinen Filmen spricht, ist nicht allzu optimistisch; ein Anlass zur Verzweiflung ist das nicht. Er wirkt nicht zynisch, bloß rustikal, wenn er erklärt, „dass wir als menschliche Wesen zwar nicht in einer hoffnungslosen, aber in einer beinahe hoffnungslosen Situation stecken. Unsere Bestimmung im Universum ist trostlos. Was haben wir denn im vergangenen Jahrhundert getan? Wir haben rund 150 Millionen Menschen umgebracht, es ist ein Zyklus von Fressen und Gefressenwerden.“ Das klingt zwar nach einem freundlichen Sozialdarwinismus, aber mit dieser Haltung hat er immerhin auch den Sprung von Holland nach Hollywood geschafft - und wieder zurück.

Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 06.05.2007, Nr. 18 / Seite 29
Bildmaterial: @bra mit Material von NFP

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