Video-Filmkritiken

Kino

Ohne höheren Sinn: Mel Gibsons "Passion Christi"

Von Peter Körte

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18. März 2004 Daß einer blind war und nun sehend ist oder daß "die da sehen, blind werden", das passiert im Kino vermutlich öfter als im Evangelium des Johannes. Manchmal, wenn das Kino die Bibel als Treatment zu einem Drehbuch benutzt, kommt es auch zu einer Koinzidenz.

Mel Gibsons "Die Passion Christi", dessen Drehbuch auf allen vier Evangelien beruht, war bis vor kurzem der meistbeschriebene ungesehene Film der Kinogeschichte. Seit Aschermittwoch strengt sich alle Welt an, ihn zu einem der meistbesprochenen und meistgesehenen Filme zu machen - wobei nicht immer klar ist, ob dabei nun die Blinden sehend oder die Sehenden blind werden, weil sich die Debatten wie ein Schleier vor den Film gelegt haben.

Film oder religiöses Erlebnis

Schon vor Monaten, als durch eine gezielte Indiskretion das Drehbuch kursierte, hatten Vertreter jüdischer Organisationen befürchtet, der Film schüre antisemitische Ressentiments, und die meisten sahen sich nach Ansicht des Films bestätigt. Das Gros der professionellen amerikanischen Filmkritiker hat "Die Passion Christi" mehr oder minder deutlich verrissen. Das ist nicht weiter verwunderlich, weil sie eben einen Film gesehen haben, wohingegen die Begeisterten in dem Film einen religiösen Text wiedererkannt haben und der Film ihnen deshalb zum religiösen Erlebnis wurde.

Der Präsident der "National Association of Evangelicals" zum Beispiel hat die Spiritualität des Films mit der Michelangelos verglichen, weil er wie die Sixtinische Kapelle die Gläubigen für Jahrzehnte, wenn nicht Jahrhunderte inspirieren werde. Der Publizist Christopher Hitchens dagegen hat ihn eine "homoerotische Übung in düsterem Sadomasochismus" genannt, gemacht für all jene, die "gerne zusehen, wie gutaussehende junge Männer lang und anhaltend entblößt und ausgepeitscht werden".

Häßliche Begleiterscheinung

Der Vatikan-Sprecher wiederum, der vor Wochen noch das angebliche Papst-Wort "Es ist, wie es war" dementieren mußte, hat der italienischen Tageszeitung "Il messagero" in einem Interview erklärt: "Der Papst hat den Film gesehen und keinen Kommentar abgegeben. Das Schweigen der kirchlichen Hierarchie ist vielsagend. Es gibt hier nichts Antisemitisches, denn ansonsten hätte sie das angeprangert." Und er fügte den ebenfalls ziemlich vielsagenden Konditionalsatz hinzu, daß auch die Evangelien antisemitisch sein müßten, wenn der Film es wäre.

Die öffentliche Selbstinszenierung des Superstars Mel Gibson hat an genau dieser Polarisierung gearbeitet. Nicht bloß, weil er erklärte, der Heilige Geist habe bei den Dreharbeiten durch ihn gewirkt, oder weil sein Vater ein bekannter Holocaust-Leugner ist. Gibson hat immer wieder von Kampagnen gegen seinen Film geraunt und in einem Interview erklärt: "Krieg ist gräßlich. Im Zweiten Weltkrieg wurden zehn Millionen Menschen getötet. Einige von ihnen waren Juden in Konzentrationslagern" - was den Holocaust zur häßlichen Begleiterscheinung des Krieges macht.

Weitere Filme werden folgen

So ist aus zwei Stunden Kino in Amerika längst ein kulturelles Phänomen geworden. Es beginnt mit der Geschichte von einem Mann mit einer Mission. Mel Gibson, der die Beschlüsse des 2. Vatikanischen Konzils von 1965 ablehnt, investierte sein eigenes Geld in den Film, was in Hollywood als die größte Dummheit überhaupt gilt, und er ließ sich von einem zögerlichen Verleih auch noch die Marketingkosten aufbürden.

Was allen Erfolgsformeln Hollywoods widersprach, wurde selbst zum Erfolg - mehr als 200 Millionen Dollar hat "Die Passion Christi" in Amerika bisher eingespielt. Die "New York Times" prophezeite daher schon, dieser Kassenerfolg werde dazu führen, daß die Hollywoodstudios Projekte entwickeln, die auf dasselbe Publikumssegment zielen, das sich für "Die Passion Christi" begeisterte.

Historische Tatsachen

Man sieht daran: Es geht nicht so sehr um Bilder und ums Kino, es geht ums Geschäft, und vor allem geht es um Werte, um einen moralischen Richtungsstreit. In Amerika hat man die Auseinandersetzung bereits als Kulturkampf im Wahljahr wahrgenommen. Man liegt deshalb auch nicht ganz falsch, wenn man bei den aufgeregten Debatten um die Gibson-Passion an den Aufschrei der moralischen Mehrheit gegen die Homoehe denkt und an die nackte Brust von Janet Jackson im Fernsehen.

Die Front verläuft dabei zwischen denen, die glauben, und den sogenannten Säkularisten, und sie ist kein Nebenschauplatz, weil in Amerika politische und ideologische Kämpfe noch immer gern im Gewand des Religiösen ausgetragen werden - immerhin halten sechzig Prozent der Bevölkerung die Geschichten der Bibel für historische Tatsachen. Die Bigotterie, daß dieselben den Film empfehlen, die andere Filme wegen ihrer Gewaltdarstellung am liebsten verboten sähen, gehört zum Geschäft wie seinerzeit die Belagerung von Kinos, in denen Martin Scorseses "Die letzte Versuchung Christi" lief, der natürlich nicht blasphemisch ist, weil er einfach den Menschen Jesus zeigte, ohne an der Passion zu zweifeln.

Bemerkenswertes Phänomen

Gibsons Film ist in dieser Dreifaltigkeit aus Erbauung, Erregung und Entertainment nur ein besonders drastischer Beleg für die Formel "Jesus sells", Jesus verkauft sich gut. Daß die Bibel eine prima Actionvorlage ist, beweist auch der zwölfte und letzte Band in der "Left Behind"-Serie, die im evangelischen Verlag Tyndale House erscheint. Am 30. März kommt "The Glorious Appearing" in den Buchhandel; auf Grund der Vorbestellungen ist die Startauflage von 1,9 Millionen Exemplaren bereits verkauft. Das Buch beruht auf der Offenbarung des Johannes, und es erzählt davon, wie der mit Israel verbündete Antichrist seine Armeen im Tal von Megiddo zur Entscheidungsschlacht zusammengezogen hat. Die Welt sieht dem Ende aller Tage entgegen, und die bedrohten Gläubigen erwarten das glorreiche Erscheinen Christi.

Daß "dramatische, gewalttätige Bibelinterpretationen zu einem der bemerkenswertesten Phänomene der amerikanischen Kultur in diesem Jahr gehören", wie die "New York Times" feststellte, belegt auch noch Dan Browns Bestseller "The Da Vinci Code", der auf deutsch gerade unter dem irreführenden Titel "Sakrileg" erschienen ist. Er erzählt in der Form eines Thrillers von der Suche nach dem Heiligen Gral, von Verschwörungen böser Männer, die dem Opus Dei angehören, und vom Vermächtnis des Templerordens - vor allem aber kolportiert er eine Gegenversion zur vatikanischen Geschichtsschreibung, wenn er über Maria Magdalenas Schwangerschaft und über Jesus' Sohn spekuliert, dessen Nachfahren noch in der Gegenwart leben sollen.

Geistliche Hilfestellung vor und nach dem Kinogang

Hollywood hat schon zugegriffen: Oscar-Gewinner Ron Howard soll den Stoff verfilmen. Vermutlich hat der deutsche Autor Andreas Eschbach einfach Pech gehabt, daß nach seinem Bestseller "Das Jesus Video" (1998) nur das deutsche Fernsehen kam und ihn in einen eher mäßigen Zweiteiler verwandelte. Jetzt wäre Eschbachs Zeitreiseroman ein heißes Spekulationsobjekt, weil auch in ihm, wie es der Titel eines Passionsfilms aus dem Jahre 1965 mit hollywoodscher Bescheidenheit formuliert, "The Greatest Story Ever Told" das erzählerische Rückgrat bildet.

Natürlich ist es in dieser Konstellation so bequem wie absehbar, wenn Gibsons Film in Deutschland als unchristlich oder dumm abgetan wird, wenn man "theologische Tiefe" vermißt und zu geistlicher Hilfestellung vor und nach dem Kinogang rät. Evangelische Bedenkenträger haben im Nebensatz auch erwähnt, der Film schüre antijüdische Ressentiments, katholische Vertreter sahen zu viel Blut und zu wenig Heilsgeschichte, aber keinen Antisemitismus, und Michel Friedman schrieb in "Bild": "Antisemitismus, der unter dem Deckmantel eines Films daherkommt." Die CDU/CSU-Fraktion des deutschen Bundestages allerdings neigte nach einer Sondervorführung mehrheitlich zum Prädikat "Meisterwerk".

Im Namen eines höheren Sinns

Wie immer jedoch das Echo der Debatte hier ausfallen wird - zunächst ist und bleibt "Die Passion Christi" immer noch ein Film. Einer der tut, wovon das Kino seit seinen Anfängen lebt: von der Suche und der Sucht nach dem nie gesehenen Bild. Was man sieht in diesen zwei Stunden, das hat man so im Kino noch nicht gesehen. Es sind nicht die oft klinisch oder trashig wirkenden Massaker der Horrorfilme, es sind nicht die über alle Gesetze der Physik triumphierenden Spezialeffekte wie die Saurier aus "Jurassic Park" und das Mittelerde im "Herrn der Ringe".

Gibsons Passion ist ein einziger Blutrausch, weil er mit einer beispiellosen Gnadenlosigkeit zeigt, was man einem menschlichen Körper antun kann, bis er nur noch einem Klumpen Fleisch gleicht. Er nimmt den Ausdruck "Schmerzensmann" wörtlich, und er variiert die typische Geste der Inquisition, wenn er vor der Geißelung Christi durch die römischen Soldaten die einschlägigen Instrumente zeigt. Das mag Ausdruck eines Sadomasochismus sein, der jedoch nicht einfach auf die Zuschauer zurückfällt, sondern vor allem etwas von der Bereitschaft gläubiger Christen erzählt, ihn im Namen eines höheren Sinns billigend in Kauf zu nehmen.

Mittelmäßiger Spezialeffekt

Daß der Film den Hohepriester Kaiphas als klassischen Schurken und den Jerusalemer Mob als blutdurstig porträtiert, daß er Pilatus entgegen den historischen Tatsachen als menschenfreundlichen Zauderer zeigt, daran kommt man nicht vorbei. Ob diese Lesart nun den Evangelien entspricht, das können die Neutestamentler ruhig unter sich ausmachen. So einfach jedoch, wie es sich Mel Gibson macht, so einfach kann man es sich mit seinem Film nicht machen. Er ist eine Kino-Grenzerfahrung, die einen sehen läßt, was man vielleicht lieber nicht gesehen hätte.

Daß man ihn sehen muß, um angesichts dessen, was über ihn geschrieben wird, nicht blind zu werden, und daß man nicht blind wird, wenn man ihn gesehen hat, heißt noch nicht, daß er ein guter Film ist. Vor der Schlaumeierpose jedoch, die ihn mit theologischen Argumenten mal verdammt und mal verteidigt oder mit ästhetischen Urteilen abtut, steht seine Wirkung. Er malträtiert das Fleisch mit einer Inbrunst, die ihre eigene Dialektik entfaltet: Den höheren Sinn, den er dem Leiden abpressen will, schafft er genau damit ab. Die Auferstehung sieht nur noch aus wie ein technisch ziemlich mittelmäßiger Spezialeffekt.



Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 14.03.2004, Nr. 11 / Seite 27

 
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