Filmkritik: Katharina Thalbach in "Strajk"
07. März 2007 Zu den Wohltaten dieses Films gehört es, Katharina Thalbach einen Fabrikkran bedienen zu sehen. Sie klettert, von Schwindelgefühl und Brechreiz geplagt, enge und schlecht gesicherte Treppen hinauf, erreicht mit Hängen und Würgen die Fahrerkanzel, erbricht sich in höchster Not in ihre Ledertasche und legt zitternd ihre verschwitzten Hände auf die Kranhebel. Kaum aber sitzt sie an ihrem Arbeitsplatz, ist ihre Angst wie weggeblasen, mühelos beherrscht sie das klobige Gerät, das tonnenschwere Stahlteile quer durch die finstere Werfthalle befördert. Die Kumpel unten an den Schweißbrennern, aber auch die Kollegen hinter der Kamera können sich auf die Filmarbeiterin Thalbach uneingeschränkt verlassen.
Katharina Thalbach spielt Agnieszka Kowalska, eine Heldin der Arbeit in der Danziger Lenin-Werft, und so sicher, wie sie ihren Kran steuert, manövriert sie stellenweise auch den Film Strajk durch die Klippen und Untiefen der polnischen Zeitgeschichte, die darin dargestellt werden soll. Weil aber Volker Schlöndorff, der Regisseur, einen Ehrgeiz hat, der über die Figur der Agnieszka weit hinausgeht, nimmt er Katharina Thalbach allzu oft den Steuerknüppel aus der Hand. Das tut seinem Film nicht gut, und so kommt es, dass Strajk als Ganzes eher an eine Ansammlung von Bauteilen erinnert als an ein fertiges Kinoprodukt.
Der Aufkleber Historische Figur
Denn Schlöndorff will, aufgehängt an der Biographie der Agnieszka Kowalska, beinahe die gesamte Geschichte der polnischen Gewerkschaftsbewegung erzählen, von den Anfängen in den sechziger Jahren über den blutig niedergeschlagenen Werftarbeiterstreik von 1970 bis zur Gründung der Solidarnosc zehn Jahre später. Dagegen ist auf den ersten Blick wenig zu sagen, denn Anna Walentynowicz - das reale Vorbild der Agnieszka Kowalska - hat diese Geschichte tatsächlich miterlebt, sie gehörte zu den Protagonisten des Ausstands von 1980. Aber gerade bei historischen Figuren kommt es im Kino darauf an, dass sie nicht mit dem Aufkleber historische Figur vor die Kamera gestellt werden. Eben dies tut Schlöndorff. Schon die erste Einstellung, die Agnieszka mit Schweißbrenner zeigt, hat das Pathos einer Denkmalenthüllung: Seht her, die heilige Proletaria! Dann folgt ein Archivbild mit eingeblendeter Jahreszahl, und schon ist klar, dass Strajk nicht etwa eine spannende und bewegende Frauengeschichte ist, sondern ein historisch einwandfreier, politisch korrekter Geschichtsfilm.
Aber selbst als historisches Epos hätte der Film noch einiges für sich, wenn eben darin, im Historischen, seine Stärke läge. Aber Strajk ist, wie viele von Schlöndorffs Filmen, stark im Kleinen, Anekdotischen und schwach im Großen. Seine Massenszenen sehen wie schlechtes Fernsehen aus, seine Streikversammlungen würden keinen Fabrikdirektor beunruhigen. Interessant ist der Film nur dann, wenn er von Agnieszkas Versuchen erzählt, ihr Privatleben und ihre Heldenrolle unter einen Hut zu bringen. Etwa das jahrelange Tauziehen mit dem Parteisekretär (Andrzej Grabowski), der insgeheim der Vater ihres unehelichen Kindes ist: Er will seinen Sohn sehen, sie verlangt Witwenrenten für die Frauen der bei einem Brand getöten Kumpel; er zieht an den Drähten der Parteibürokratie, um Mutter und Kind auseinanderzubringen, sie mobilisiert die Arbeiter. Im Kino steckt das Politische oft eher in den Porträts als in den großen Tableaus. Für Strajk gilt das unbedingt.
Aber vielleicht könnte Schlöndorff als Deutscher in Polen gar keinen besseren Film drehen. Diesen Eindruck bekommt man jedenfalls, wenn man von seinen Skrupeln liest, das Thema überhaupt anzupacken, und er verstärkt sich, wenn man an die Filme denkt, mit denen Andrzej Wajda die polnische Wirklichkeit jener Jahre eingefangen hat, den Mann aus Marmor vor allem und den Mann aus Eisen - Klassiker des Kinos, die (zumindest bei uns) heute tief vergessen sind. Die Geschichte der Kranfahrerin Agnieszka ist dazu eine Art Epilog. Aber keine Konkurrenz.
Text: F.A.Z., 07.03.2007, Nr. 56 / Seite 37
Bildmaterial: Progress Film-Verleih