Von Michael Althen
14. Mai 2003 Es beginnt mit den Lichttürmen, die zum Jahrestag der Anschläge am 11. September 2002 über Ground Zero errichtet wurden. Gewaltige Scheinwerfer schickten ihre Strahlen in den New Yorker Nachthimmel, und ihr Licht zeichnet in der Skyline nach, was einst die Twin Towers waren. Spike Lees Film beschwört die Lücke, die sie hinterlassen haben, und ist im Grunde selbst so etwas wie ein Mahnmal aus Licht, das durch den Projektorstrahl zum Leben erweckt wird. "25 Stunden" hatte ursprünglich mit 9/11 gar nichts zu tun. Weil aber die Vorlage von David Benioff ohnehin eine ganz eigene Liebeserklärung an beider Heimatstadt ist, konnte und wollte Lee die Geschehnisse nicht ignorieren und hat sie auf eine Weise in den Film eingefügt, die daraus nun eine Ode an den ungebrochenen New Yorker Lebenswillen macht.
Man spürt das Loch, das die Anschläge ins Selbstbewußtsein der Stadt gerissen haben. Seine dauernde Präsenz läßt die Ränder und Kanten schärfer erscheinen, und in gewisser Weise ist es genau das, wovon diese Geschichte sowieso handelt. Erzählt wird vom letzten Tag, den Monty Brogan (Edward Norton) in Freiheit verbringt, ehe er eine siebenjährige Haftstrafe wegen Drogenbesitzes antreten muß. Er muß sich von der Geliebten, dem Vater, den Freunden und Bekannten verabschieden, muß nach Möglichkeit noch herausfinden, wer ihn verpfiffen hat - und sich überlegen, ob es nicht doch besser wäre, sich eine Kugel in den Kopf zu jagen. Auch diese Figur steht also vor einem Loch, und alles, was in diesen letzten 24 Stunden passiert, ist gegen dieses drohende siebenjährige Nichts abgesetzt und gewinnt in dem Maße schärfere Konturen, als die Endgültigkeit der Abschiede immer bewußter wird.
Ein Mann, eine Stadt: In beider Leben klafft dieses schwarze Loch, dessen Sog alle Energien zu verschlingen droht, und wenn sie sich in etwas ähneln, dann in der gelassenen Art, mit der sie versuchen, die Situation nach Lage der Dinge unter Kontrolle halten. Der Film hätte wahrscheinlich auch ohne diese Doppelung seinen Sog entwickelt, aber die Verschränkung verleiht der Geschichte noch einmal ein ganz anderes Gewicht.
Es gibt die Lichttürme unterm Vorspann, und in der irischen Kneipe von Montys Vater (Brian Cox) erinnert eine Fotowand an die umgekommenen Feuerwehrmänner, aber die gespenstischste Szene findet im 44. Stockwerk des World Financial Building statt, wo sich Montys Freunde (Bary Pepper und Philip Seymour Hoffman) unterhalten: Als die Kamera ihnen über die Schultern blickt, sieht man aus dem Fenster direkt hinab auf das gähnende Loch von Ground Zero, auf die planierte Unglücksstelle, die im nächtlichen Scheinwerferlicht daliegt und uns anstarrt wie eine Augenhöhle, aus der der Augapfel entfernt wurde. Einige Kritiker haben den Einsatz der Musik an dieser Stelle moniert, dabei ist das natürlich genau der richtige Moment, um zu unterstreichen, daß in dieser Geschichte noch ganz andere Gefühle am Werk sind als nur jene, welche die einzelnen Menschen umtreiben.
Gerade dann wirkt der Film am stärksten, wenn er aus sich heraustritt und sich über die Geschichte eines Dealers und seiner letzten Stunden in Freiheit erhebt. Wenn der Mann vor dem Spiegel steht, auf dem in großen Lettern "Fuck you" prangt, und sich langsam hineinsteigert in eine Haßtirade gegen alles und jeden, gegen die Stadt New York und das, was sie im Herzen ausmacht, "fuck you"; gegen die Weißen und Schwarzen, die Katholiken und die Muslime, die Italiener und Koreaner, "fuck you too"; gegen alle Bevölkerungsschichten und Berufsgruppen, Rassen und Geschlechter - ein einziges großes "Fuck you". Und je länger man all die Beschimpften fröhlich lachend durchs Bild ziehen sieht, desto deutlicher wird, daß es sich um eine ganz große Liebeserklärung handelt und der ganze Haß dieses Mannes im Grunde nur dem eigenen Spiegelbild gilt. Je länger er nach jemandem sucht, dem er die Schuld an seinem Unglück zuschieben kann, desto klarer wird, daß all die vermeintlichen Sündenböcke natürlich gar nichts mit seinem Elend zu tun haben, sondern im Gegenteil für all das stehen, was der Mann vermissen wird, wenn er anderntags seine Haftstrafe antreten muß.
Das Studio hatte diese Szene aus dem Drehbuch des Romanautors David Benioff rausgestrichen, sie könne mißverstanden werden - Spike Lee hat die Einstellungen trotzdem gedreht, und es braucht schon einen Regisseur wie ihn, damit der emotionale Transfer dieser Tirade funktioniert - und einen Schauspieler wie Edward Norton. Norton hat die Rolle für ein Zehntel seiner üblichen Gage übernommen und wußte genau, warum. Sein Monty ist eine jener überlebensgroßen Figuren wie vor ihm der "Taxi Driver" Travis Bickle, die der Stadt ein Gesicht verleihen, in dessen Widersprüchen sie sich wiedererkennen kann. Der Dealer, für den wenig spricht außer seiner Bereitschaft, keine Entschuldigungen für sein Tun zu suchen, taugt in seiner ganzen Zwiespältigkeit als perfekter Spiegel für die Anziehungskraft der Stadt, und Norton schafft es tatsächlich, mit seinem feinen, nach innen gekehrten Lächeln die ganze Arroganz eines "American Gigolo" auszuspielen und doch für sich einzunehmen. Was diese Fähigkeit angeht, zwei Gesichter zugleich zu zeigen, ist er der einzig würdige Nachfolger von Dustin Hoffman, der einem ähnlich kleinen Körperbau dieselbe Spannkraft abgerungen hat.
Vielleicht ist das alles aber auch nur Spike Lee zu verdanken, der zum ersten Mal ein fremdes Buch verfilmt hat und dabei so bei sich ist wie seit Jahren nicht mehr, obwohl er natürlich auch mit seinen letzten unterschätzten Filmen wie "Clockers" und "Summer of Sam" durchaus entscheidende Beiträge zur filmischen Stadtgeschichte von New York geleistet hat. Es gelingt ihm, diesem Mann, seinen beiden so unterschiedlichen Freunden, der bildschönen Geliebten (Rosario Dawson), den Dealern und Gangstern, der ganzen Stadt eine Präsenz zu verleihen, die nur entstehen kann, weil ihr auch der nötige Raum zugestanden wird.
Es gibt eine Szene in einem New Yorker Club, wo die Freunde ihren Abschied begießen wollen, wo die Musik so laut donnert, die Männer so cool und die Mädchen so schön sind, daß man für Momente völlig vergißt, wo man sich befindet - daß dies ein Film ist, der einen unsichtbaren Sog beschreibt und nicht das Leben selbst, wie wir es uns erträumen. Am Ende bringt der Vater den Sohn ins Gefängnis und entwirft ihm jenes andere Leben, das er nie gelebt hat, ein Gespensterreich der Freiheit, und Spike Lee erlaubt uns, einen Blick auf jene 25. Stunde zu werfen, für die jeder Tag zu kurz ist - und die uns nur das Kino schenken kann.
Bildmaterial: AP
