Video-Filmkritiken

Kino

Lars von Triers laubgesägtes Lehrstück: „Manderlay“

Von Verena Lueken

Video in voller Größe

Film-Kritik: Bryce Dallas Howard in "Manderlay"

09. November 2005 Amerika ist ein Prospekt. Weiß mit schwarzen Linien. Auf ihm fährt eine Kolonne schwarzer Spielzeugautos von den Bergen im Westen nach Süden bis nach Alabama.

Mit Hilfe einer sanft einlullenden Erzählerstimme dort angekommen, kippt der Prospekt aus der Aufsicht in die Horizontale, die Autos werden real, und aus einem von ihnen steigt, gutgekleidet und arrogant, Willem Dafoe. Er ist ein Gangster, der weiß, wie das Leben in Amerika funktioniert. Seine schwerbewaffnete Bande auch. Ihm folgt in pelzbesetztem Mantel Bryce Dallas Howard. Sie spielt seine Tochter Grace. Leise ruft sie dem Vater ihre verstorbene Mutter ins Gedächtnis. Dafoes Gesicht reißt für einen Moment auf, die Tochter schaut fragend, auch triumphal. Doch dann ist der Augenblick schon wieder vorbei und der hübsche Anfang des Films „Manderlay“ auch.

Der Ärger beginnt

Denn nun tritt eine Schwarze auf, und mit ihr beginnt der Ärger. In den folgenden hundertdreißig Minuten wird uns vorgeführt, warum die amerikanische Demokratie notwendig scheitert und wie die naive Grace, die an diese Demokratie glaubt, am Ende deren Scheitern besonders gewalttätig bezeugt.

In der Welt des Lars von Trier, des dänischen Regisseurs und Dogma-Erfinders, reicht Amerika von „Dogville“ in den Rocky Mountains nach „Manderlay“ in Alabama, vom imaginären Schauplatz seines ersten Films einer geplanten Amerika-Trilogie zu dem des zweiten, der jetzt in die Kinos kommt - und später wohl bis nach Washington, wo der dritte Teil einmal spielen soll. Das Jahr ist immer noch 1933, die große Depression kurz vor ihrem Höhepunkt. In Lars von Triers Amerika leben zu diesem Zeitpunkt Sklaven, Sklavenhalter und Gangster, wobei zu den Gangstern noch ein Anwalt gehört, zu den Sklavenhaltern ein Trickbetrüger. Man kann nicht sagen, daß Lars von Trier mit seiner Meinung über Amerika hinterm Berg hielte.

Ein Wunder. Aber kein großes

Das Kino von Lars von Trier ist eine Bühne. Darauf sind in Umrissen Zimmer, Gärten und Felder gemalt, es gibt ein hohes Gittertor, ein paar Säulen, eine Ahnung von einem Bett, einen Tisch, ein paar Stühle. Wie in „Dogville“ reduziert von Trier die Ausstattung auch in „Manderlay“ auf Andeutungen. Daß wir ihm das durchgehen lassen und ihm in der Geschichte folgen, die er in diesem fast leeren Raum inszeniert, ist ein Wunder. Aber kein großes. Denn von Trier macht kein Theater, indem er mit spärlichen Mitteln große Wirkung erzielt, sondern benutzt die Kamera als dramatisierendes Instrument, setzt verschiedene Brennweiten ein, schunkelt mit der Handkamera den Zuschauer der Hauptdarstellerin an den Hals, stellt Nähe her oder Distanz, beschleunigt oder verweilt, lädt aber nie zur Identifikation ein. Denn dies ist ein Lehrstück - episches Theater unter vereinfachten Bedingungen.

Die Kamera wirkt als Verstärker der didaktischen Rhetorik, die von Trier sich beim Berliner Ensemble im Keller geklaut hat. Zusammen mit seiner laubgesägten Ideologie und einem Erzähler (John Hurt), der auf geschickte Weise die Szenen miteinander verbindet und die Leerstellen der dargestellten Geschichte füllt, ergibt das eine Form, in der europäische Kritiker seit „Dogville“ die Zukunft des Kinos vermuten. Weil uns endlich mal jemand zeigt, daß das Kino in seiner gewöhnlichen Gestalt eine Illusionsmaschine ist. Wie lange genau sollen wir geschlafen haben, um das für eine Enthüllung zu halten, die nun auch ästhetisch glaubhaft auf die Leinwand kommt? Lars von Trier verkauft uns eine Avantgarde für Vollidioten, weil er seine Pose des Amerika-Anklägers gern auf dem zweiten Standbein einer Hollywood-Kritik ausbalanciert.

Ihr habt uns gemacht

Die „Manderlay“-Geschichte geht etwa so: Die Schwarze lockt Grace auf die Plantage Manderlay, auf der ein Sklave ausgepeitscht werden soll. Die Sklaverei ist zwar seit siebzig Jahren abgeschafft, auf Manderlay besteht sie aber fort, was Grace nicht dulden will. Sie bleibt dort, um die von ihr befreiten Sklaven durch die Zeit der Baumwollernte zu begleiten und muß feststellen, daß keiner der demokratischen Werte, die sie den Schwarzen nahezubringen sucht, ihnen viel bedeutet. Statt der Freiheit, in der sie arm sind und Verantwortung tragen, wären sie lieber wieder Sklaven, für die gesorgt wird. Am Ende hat der stolze Timothy, der Graces sexuelle Phantasien belebt und eines Nachts mit ihr eine der trübsinnigsten Sexszenen des Kinos spielen darf, das Geld für die Ernte gestohlen und die Gemeinschaft verraten. Festgebunden steht er wieder am Gitter und wartet auf die Peitsche. „Ihr habt uns gemacht“, sagt er Grace ins Gesicht. Die schlägt zu.

Für Lars von Trier führt eine direkte Linie von Manderlay in den Irak und alle anderen Teile der Welt, denen Amerika die Freiheit bringen will, was in dem Studio, das der Regisseur als sein Amerika spärlich möbliert und beschriftet hat, durchaus darstellbar wäre. Es ist der Vorteil dieses hochartifiziellen Filmemachens, daß der geographische wie der historische Raum auf Zimmergröße zusammenschrumpft. Die Wege werden kurz und die Argumentationslinien auch. Die brutale und für jeden intelligenten Amerikaner beschämende Geschichte der Rassenbeziehungen in den vergangenen dreihundertfünfzig Jahren allerdings hat inzwischen eine Komplexität erreicht, die auf Lars von Triers Prospekten keinen Platz findet.

„Manderlay“ ist fast vierzig Minuten kürzer als „Dogville“, was das Beste ist, das sich über den Film sagen läßt, denn es bedeutet auch, daß von Trier ihn etwas straffer konstruiert hat. Außerdem gibt er uns etwas Neues zu sehen, nämlich das noch nicht zum Überdruß abgefilmte Gesicht von Bryce Dallas Howard, die den blutleeren Abstraktionen ihres Regisseurs den Rhythmus ihres Atems schenkt. Am Ende aber ist von Trier wieder ganz bei sich. Da läßt er den Abspann über Fotografien von Jacob Holdt laufen, der in den siebziger Jahren fotografiert hat, wie elend die Schwarzen in den Vereinigten Staaten dran sind. Lars von Trier beutet das freudig aus, um sich als Schulmeister zu inszenieren, der auf sehr schwierige Fragen sehr einfache Antworten kennt.



Text: F.A.Z., 09.11.2005, Nr. 261 / Seite 39

 
FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche