Video-Filmkritiken

Film der Woche

In der Klamm der Geschichte: „Der Herr der Ringe II“

Von Andreas Kilb

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Video-Kritik: John Rhys-Davies als Zwerg Gimli in "Der Herr der Ringe - Die zwei Türme"

03. Januar 2002 Beginnen wir, bevor wir uns dem vermutlich erfolgreichsten Film der kommenden zwölf Monate zuwenden, mit einer kleinen Rückblende in eine Welt vor unserer Zeit. Damals, im Kriegswinter 1914/15, schrieb ein junger deutscher Literaturprofessor an seiner "Theorie des Romans", die er mit einer Hymne auf die klassische Epik eröffnete: "Selig die Zeiten, für die der Sternenhimmel die Landkarte der gangbaren und zu gehenden Wege ist . . .". Der Mann hieß Georg Lukács, und der Bildungsroman des neunzehnten Jahrhunderts, dem seine Studie galt, war zum Zeitpunkt ihrer Abfassung längst Geschichte. Statt dessen stand, durch den Zivilisationsbruch des Weltkriegs befördert, die Wiederauferstehung just jener epischen Formen bevor, deren Totenlied unser Autor gerade sang - bei Marcel Proust und James Joyce, bei Pound und Musil und anderen mehr. Aber davon wußte Georg Lukács noch nichts.

Er wußte auch nichts von jenem seltsamen Namensvetter, der sechzig Jahre später mit einer Art epischer Landkarte des Sternenhimmels bei den Studiobossen der Twentieth Century Fox in Hollywood vorstellig wurde. Dieser Mann - er hieß George Lucas - hatte eine breitangelegte Generationengeschichte aus einer Welt lang vor unserer Zeit entworfen und wollte daraus einen Film machen, oder besser: neun Filme. Aber dann wurde es doch fürs erste nur einer: "Krieg der Sterne". Dieser aber hatte einen so gewaltigen Erfolg, daß drei Jahre später ein zweiter folgte und noch einmal drei Jahre später ein dritter; und als George Lucas nach zehn Jahren erfolgloser Versuche in anderen Genres endlich einsah, daß er für immer an den "Krieg der Sterne" gekettet war, da beschloß er, an die erste Trilogie in umgekehrter zeitlicher Folge noch eine zweite zu heften, eine Vorgängersaga. Und wenn ihm genügend Lebenszeit bleibt, dann wird Lucas auch noch eine dritte Trilogie aus seinem Stoff herausmendeln, solange, bis die drei Ringe des Sternen-Epos vollendet sind.

Natürlich hatte Lucas Tolkien gelesen, als er sein Projekt entwarf. So wie Tolkien Lukács gelesen hat - oder zumindest die Epen, auf die dieser sich bezog: die "Ilias" und die "Odyssee", den "Beowulf" und die Artussage, die Gesänge der Edda und die "Divina Commedia", das Rolandslied und den "Parzival". Denn John Ronald Reuel Tolkien, Professor für angelsächsische Sprachen und Literatur in Oxford, war ein Experte für klassische Epik - und ein glühender Hasser der Moderne, die er in seinen Kindheitsjahren in einem Vorort von Birmingham von ihrer pechschwarzen Seite kennengelernt hatte. Im Jahr 1915 allerdings war Tolkien noch nicht Professor, sondern Soldat. Er bereitete sich auf seinen Einsatz gegen das Reich Mordor vor, das damals noch Deutsches Kaiserreich hieß und gerade die Ebenen von Rohan-Flandern mit seinen grauen Horden überschwemmte. Der Ekel und die Angst, die Tolkien in den Schützengräben an der Somme kennenlernen sollte, flossen drei Jahrzehnte später in seine Beschreibung der Totensümpfe von Dagorlad und der Ork-Bataillone vor Helms Klamm ein, so wie in den Bergwerken von Orthanc und den glühenden Essen von Gorgoroth ein Stück des industriellen Birmingham weiterlebt. Die Tolkien-Forschung aber beißt sich bis heute am Zweiten Weltkrieg fest, den der Professor bloß als Zeitungsleser mitverfolgte.

Man muß von Lukács und Lucas reden, wenn man über Tolkien spricht, denn der "Herr der Ringe" ist das missing link zwischen der "Theorie des Romans" und dem "Krieg der Sterne", so wie Peter Jacksons Verfilmung das Bindeglied zwischen der retrospektiven Epochenstimmung im Westen und den gleichzeitigen Fortschritten der Computeranimation bildet. Denn Tolkien machte, auf allerdings karikaturhafte Weise, mit der Sehnsucht des Romantheoretikers nach einer "abgerundeten Welt" des "fertig daseienden Sinnes" ernst. Mit dem "Herrn der Ringe" und seinen belletristischen Beibooten entwarf er diese Welt: ein abgeschlossenes Erzähl-Universum mit eigener Kosmogonie, eigener Zeitrechnung und Raumgestalt. In dieser Aufzählung steht freilich der entscheidende Begriff am Ende. Die Topographie, die räumliche Beschreibung von Mittelerde, ist das erzählerische Kernproblem der "Ringe"-Trilogie. Tolkien hat es teilweise gelöst, indem er seinen Helden Frodo Beutlin diese Welt von Nordwesten nach Südosten durchqueren und auf dem Weg die Vertreter einiger seitab liegender Landschaften treffen läßt. Tolkiens Verleger haben es endgültig gelöst, indem sie seit den sechziger Jahren jeder neuen Ausgabe des "Herrn der Ringe" eine Landkarte von Mittelerde beilegten. Mit Tolkien beginnt die Ära der Fantasy-Kartographie. Die Welt über unseren Köpfen ist seit Einstein grenzenlos; die Welt in unseren Büchern wird wieder Karte.

Das Problem des Films "Der Herr der Ringe: Die zwei Türme", des zweiten Teils der Kinotrilogie, liegt nun darin, daß er diese Landkarte nicht in den Griff bekommt. Zwar gibt sich Peter Jackson, der Regisseur, alle Mühe, die Orte, an denen seine Geschichte spielt, die Ebene von Rohan und die Berge von Emyn Muil, den Turm Isengard und das schwarze Tor Morannon, die Stadt Osgiliath und die Burg Helms Klamm, miteinander zu verbinden. Aber es gelingt nicht. In einer Fantasy-Topographie gibt es keine topographische Logik. Mit den Orten aber hängen auch die Geschichten in der Luft. Das Ereignis wird Episode, das epische Kettenglied zum Puzzle. Denn die Ring-Gefährten aus Teil eins haben sich getrennt. Frodo Beutlin sucht mit seinem Freund Sam weiter den Weg nach Mordor, während Aragorn, Legolas und Gimli durch das Ritterland Rohan irren, auf der Spur der Hobbits Merry und Pippin, die von einer Uruk-hai-Truppe des Zauberers Saruman entführt wurden. Am Wald von Fangorn werden die Entführer von Eomers Reitern abgefangen, und Merry und Pippin können mit Hilfe des Ents Baumbart entkommen. Aragorn und seine Begleiter werfen sich daraufhin in die Schlacht um Helms Klamm, das von einer Ork-Armee belagert wird. Derweil werden Frodo und Sam von dem Mischwesen Gollum zum Rand des Schattengebirges geleitet.

Für Uneingeweihte liest sich diese Inhaltsangabe wie der Einladungstext zu einem neu errichteten Themenpark. Und das ist sie letztlich auch. Die klassischen Themenparks von Disney zeigen eine Welt, in der jede Attraktion ihren unverrückbaren Ort hat, vom Märchenschloß bis zum Dinosaurierland. Tolkiens Buch und seine Verfilmung wenden dieses Prinzip im kontinentalen Maßstab an. Jede der in Neuseeland gefilmten Landschaften ist ihre eigene Postkarte, jede Figur ihre eigene Allegorie. Der wandernde Wald von Fangorn wäre in Disneyland ein Problem der Hydraulik; bei Peter Jackson ist er eine Frage der digitalen Animation. In manchen Bildern bleibt der Computerzauber faul, aber ein Wesen wie Gollum, mit dem Körper einer humangenetisch aufgepeppten Eidechse und den großen Kulleraugen von E.T., wäre ohne ihn nicht entstanden. Es ist die Kreatur, die Kinderherzen bricht. So kommen auch die Kleinsten im Kino auf ihre Kosten.

Der Mittelteil, der Anfang und Ende der Trilogie verklammert, ist zugleich die Sollbruchstelle ihres Erzählfadens. Der Text beginnt zu arbeiten, er schwitzt und stampft und enthüllt die wahren Ursprünge der Geschichte. Folgerichtig haben Jackson und seine Koautoren die Schlacht um Helms Klamm in den Mittelpunkt des Films gestellt. Es ist die Nacht, in der die industriell gefertigten Orks gegen die Mauern branden, hinter denen die Reste des Volks von Rohan verschanzt sind, der Moment, in dem sich die Moderne an der Magie des Mittelalters bricht. Vieles an der langen, immer wieder durch Parallelhandlungen unterbrochenen Schlachtsequenz ist verzeihlich: daß sie in einer Burg ohne Burggraben spielt; daß sie den Gegner nur als gesichtslose Masse zeigt; daß sie beinahe jeder militärischen Logik Hohn spricht. Aber daß Jackson nicht zeigt, wie Eomers Entsatzarmee schließlich die Orks niederringt, ist durch nichts zu entschuldigen, denn es verstößt gegen eines der Grundgesetze des Kinos: Wir wollen sehen, was wir glauben sollen.

So ist dieser zweite "Ringe"-Film vor allem ein Versprechen auf den nächsten. Als "Die Gefährten" vor einem Jahr ins Kino kamen, wurde das Dreihundert-Millionen-Dollar-Budget der gesamten Trilogie noch als zu hoch getadelt. Inzwischen zeigt sich, daß "Der Herr der Ringe" unter den großen Kinoproduktionen seiner Zeit eine der preisgünstigeren ist. Dennoch liegt eine eigene Ironie darin, daß Tolkien, der Verächter des Maschinenzeitalters, nun mit einer maschinell produzierten Filmserie die Massen bewegt. Aber so ist das mit den gangbaren und zu gehenden Wegen: Irgendwann werden sie beschritten.



Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18.12.2002, Nr. 294 / Seite 35
Bildmaterial: Warner Bros. Film

 
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