Deutsche Wirtschaft

Die schlechten Nachrichten häufen sich

Die deutsche Wirtschaftsleistung geht dramatisch zurück

Die deutsche Wirtschaftsleistung geht dramatisch zurück

06. Dezember 2008 Die Aussichten für die deutsche Wirtschaft werden immer düsterer. Das zeigt der abermals starke Rückgang des Auftragseingangs in der deutschen Industrie, den das Bundeswirtschaftsministerium am Freitag vermeldete. Die Bestellungen gingen im Oktober preis- und saisonbereinigt um 6,1 Prozent gegenüber dem Vormonat zurück – aus dem Inland und Ausland gleichermaßen. Dieser Wert ist seit der Wiedervereinigung nur zweimal übertroffen worden: im September 2008, als die Aufträge um 8,3 Prozent eingebrochen waren, und im Juli 2007. Damals sanken die Bestellungen um 6,7 Prozent. Einen besonders starken Auftragseinbruch mit minus 8,2 Prozent mussten die Produzenten von Investitionsgütern hinnehmen. Das Ordervolumen der Konsumgüterhersteller sank hingegen nur um 1,6 Prozent.

Ökonomen kommentierten den Auftragseinbruch mit dramatischen Worten. Für den Volkswirt der Bank Unicredit, Andreas Rees, könnte der derzeitige Abschwung in die schlimmste Rezession seit dem Zweiten Weltkrieg münden. Commerzbank-Volkswirt Ralph Solveen sieht die deutsche Wirtschaft bereits dort angelangt. Und eine rasche Besserung sei nicht in Sicht.

Bundesbank: Eine der stärksten Rezessionen seit dem Krieg

Ökonomen kommentierten den Auftragseinbruch mit dramatischen Worten

Ökonomen kommentierten den Auftragseinbruch mit dramatischen Worten

Nach der jüngsten Prognose der Deutschen Bundesbank vom Freitag könnte Deutschland im nächsten Jahr tatsächlich in eine der stärksten Rezessionen seit dem Zweiten Weltkrieg rutschen. Die Ökonomen rechnen damit, dass 2009 das kalender- und preisbereinigte Bruttoinlandsprodukt (BIP) um 0,8 Prozent schrumpfen wird. Die stärksten Einbrüche der gesamtwirtschaftlichen Leistung gab es bisher 1975 mit einem Minus von 0,9 Prozent und 1993, als das BIP um 0,8 Prozent schrumpfte.

In diesem Jahr werde das BIP noch um 1,3 Prozent zunehmen, schreibt die Bundesbank in ihrem Monatsbericht weiter. Für 2010 ist sie verhalten optimistisch: Das BIP könnte dann um 1,2 Prozent steigen. Die Fachleute geben jedoch zu, dass derzeit jede Vorhersage äußerst unsicher sei. Kein Katastrophenszenario zeichnet die Bundesbank von der Lage auf dem Arbeitsmarkt. Bisher reagierten die Unternehmen flexibel auf die schlechten Aussichten und entließen noch kein Stammpersonal, sondern bauten Überstunden ab und machten vom Kurzarbeitergeld Gebrauch. Die Zunahme der Zahl der Arbeitslosen könnte sich 2009 in Grenzen halten und rund 100 000 betragen. Wenig beunruhigt ist die Bundesbank auch über die Preisentwicklung. Die Inflation taxiert sie 2009 und 2010 auf 0,8 und 1,4 Prozent. Mit einer Deflation rechnet sie „aus heutiger Sicht“ nicht.

Immer weniger Aufträge

Auch aus den Betrieben kommen schlechte Nachrichten. So meldet der regionale Unternehmerverband Hessenmetall, dass in seiner Herbstumfrage 56 Prozent der befragten Betriebe der Metall- und Elektroindustrie für das Frühjahr mit einer schlechteren Geschäftslage als jetzt rechnen. Schon heute bezeichnet ein Drittel die Auftragslage als nicht ausreichend, fast zwei Drittel erwarten für die kommenden Monate eine Verschlechterung. Die Unternehmen glauben, dass sie im Frühjahr 4 Prozent weniger Menschen beschäftigen werden als ein Jahr zuvor. Für Aufsehen sorgte am Freitag der Chefökonom der Deutschen Bank, Norbert Walter, der in der „Bild Zeitung“ warnte, dass das BIP um rund 4 Prozent schrumpfen könnte – allerdings habe ein solches Szenario eine Wahrscheinlichkeit von nur 30 Prozent.

Ifo: Kredite werden knapper

Dass die Banken ihre Kreditvergabe bisher allgemein stark eingeschränkt hätten, kann die Bundesbank nicht erkennen. Das Münchner Ifo-Institut warnte aber am Freitag vor einer gefährlichen Kreditverknappung für die deutschen Unternehmen. Eine Umfrage unter rund 4000 Betrieben habe ergeben, dass die Banken seit August deutlich zurückhaltender Darlehen gewährten, sagte Hans-Werner Sinn, der Präsident des Wirtschaftsforschungsinstituts, am Freitag. Im November habe mehr als jedes dritte Unternehmen die Kreditvergabe seiner Banken als restriktiv bezeichnet. Normalerweise sei nur für etwa jedes vierte Unternehmen mit einer solchen Einschätzung zu rechnen, sagte Sinn. „Eine Kreditklemme würde ich es bisher noch nicht nennen, aber die Kredithürde wird höher.“

Ohne Zweifel haben sich die Finanzierungsbedingungen für Unternehmen seit Mitte 2008 drastisch verschärft. Das hat zu einer Verlangsamung des Kreditwachstums geführt. Allerdings zeigen die jüngsten vorliegenden monetären Statistiken der Europäischen Zentralbank noch keinen Einbruch des Kreditwachstums: Die Kredite an den privaten Sektor stiegen im Oktober um 0,3 Prozent gegenüber dem Vormonat, nach 0,5 Prozent im September. Die Kreditvergabe an Unternehmen nahm zuletzt mit einer Jahresrate von 11,9 Prozent zu. „Das ist positiv, dass das Kreditvolumen noch wächst“, sagte der Ökonom Volker Wieland von der Universität Frankfurt. „Es kann sein, dass bislang noch Unternehmen bereits vorher vereinbarte Kreditlinien abrufen, aber für Neukredite das Angebot schon sehr viel knapper wird.“

Sinn räumte ein, dass es letztlich ein Werturteil sei, ab wann von einer Kreditklemme gesprochen werden könne. Doch sei die Ifo-Zahlenreihe beunruhigend. „Wenn die Kredithürde noch höher werden sollte, hätten wir ein Problem.“ Vor allem die Aussagen der Großunternehmen seien „alarmierend“: Rund 40 Prozent der befragten Betriebe mit mindestens 50 Millionen Euro Jahresumsatz bezeichneten im November die Kreditvergabe als restriktiv. Sinn erklärte dies damit, dass größere Unternehmen stärker von privaten Großbanken und Landesbanken abhängig seien. Und diese seien von der Finanzkrise härter als die Sparkassen getroffen worden.

Text: lib./ppl./rike./theu., F.A.Z.
Bildmaterial: ddp, dpa

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