06. September 2006 Die Europäische Zentralbank (EZB) hält sich die Option offen, ihre Leitzinsen auch im kommenden Jahr weiter anzuheben. "Es gibt keinen Beschluß, daß wir die Normalisierung der Zinsen zum Jahresende beenden werden", sagte Axel Weber, der als Präsident der Deutschen Bundesbank dem EZB-Rat angehört, am Dienstag abend im Internationalen Club Frankfurter Wirtschaftsjournalisten.
Weber trat damit Spekulationen entgegen, daß der EZB-Rat mit Blick auf die Parlamentswahlen in Frankreich im kommenden Jahr auf Leitzinsanhebungen verzichten könnte. Nach Webers Aussagen ist der Rat auch nicht darauf festgelegt, den Leitzins stets um 25 Basispunkte zu erhöhen. Alternativen würden diskutiert, sagte er und deutete die prinzipielle Möglichkeit eines "großen Zinsschritts" von 50 Basispunkten an.
Bundesbank rechnet mit höherem Wachstum
Weber erwartet, daß die deutsche Wirtschaft in diesem Jahr mit mindestens 2 Prozent wachsen wird, 2007 mit einer Rate von 1 bis 1,5 Prozent. Bisher war die Bundesbank für 2007 nur von einem Zuwachs von rund 1 Prozent ausgegangen. Die Wirtschaft im Euro-Raum werde wegen vorgezogener Konsumnachfrage aufgrund der anstehenden deutschen Mehrwertsteuererhöhung im dritten und vierten Quartal jeweils mit rund 0,6 Prozent wachsen. Im ersten Quartal 2007 dürfte die schwächere Konsumnachfrage das Wachstum auf 0,4 Prozent drücken, sagte Weber. Als ein Risiko für diese Prognose nannte er eine sehr starke Abkühlung der Konjunktur in den Vereinigten Staaten.
Weber betonte mehrfach, daß die EZB die Leitzinsen weiter anheben werde, wenn die Wirtschaft des Euro-Raums in den kommenden Quartalen wie erwartet mit Jahresraten von rund 2 Prozent wachse; das entspricht Quartalsraten von rund 0,5 Prozent.
Noch zwei Zinsschritte werden in diesem Jahr erwartet
An den Finanzmärkten wird erwartet, daß die Zentralbank den Leitzins Anfang Oktober und Anfang Dezember um jeweils 25 Basispunkte auf dann 3,5 Prozent erhöhen wird. Die Wahrscheinlichkeit für einen weiteren Zinsschritt Anfang 2007 auf 3,75 Prozent wird derzeit als eher gering eingeschätzt.
Weber stellte heraus, daß die EZB den Leitzins stärker als erwartet anheben werde, wenn sie dies zur Bekämpfung der Inflationsgefahren für nötig erachte. Dieses Risiko sei durchaus gegeben, zum Beispiel wenn der Ölpreis kräftig steigen sollte. Zudem gebe es das Risiko, daß die deutsche Mehrwertsteuererhöhung inflationstreibende Lohnabschlüsse nach sich ziehe.
Derzeit geht die EZB in ihrem Hauptszenario davon aus, daß die Inflation im Euro-Raum in diesem und im kommenden Jahr rund 2,4 Prozent betragen wird. Darin berücksichtigt ist laut Weber, daß die Anhebung der deutschen Mehrwertsteuer von 16 auf 19 Prozent zu Beginn 2007 die Teuerungsrate im Euro-Raum um rund 0,3 Prozent nach oben treiben dürfte. Selbst wenn man diesen vorübergehenden Effekt herausrechne, auf den die Geldpolitik nicht reagieren sollte, liege die erwartete Jahresinflation immer noch oberhalb von 2 Prozent, sagte Weber und verteidigte damit weitere Leitzinsanhebungen. Die EZB strebt auf mittlere Frist eine Inflationsrate von "unter, aber nahe 2 Prozent" an. Für das Jahr 2008 könne hinsichtlich der Inflationsrisiken keine Entwarnung gegeben werden, sagte Weber.
Weiter expansive Geldpolitik
Nach seiner Einschätzung ist die Geldpolitik weiterhin expansiv. Mit derzeit 0,5 Prozent sei der Realzins (Nominalzins minus Inflationsrate) keinesfalls "neutral", sagte Weber. Von einem neutralen Realzins könne eher gesprochen werden, wenn dieser Zinssatz ungefähr der Rate entspreche, mit der die Wirtschaft mittelfristig spannungsfrei wachsen könne. Die EZB veranschlagt diese Potentialwachstumsrate für den Euro-Raum auf "2 Prozent plus", für die deutsche Wirtschaft setzte Weber sie mit knapp 1,5 Prozent an.
Text: F.A.Z., 07.09.2006, Nr. 208 / Seite 12, bf./pwe.
Bildmaterial: REUTERS
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