12. Dezember 2004 Die deutsche Wirtschaft leidet an einer zu geringen Nachfrage. Kräftige Lohnerhöhungen helfen aber nicht, dieses Problem zu überwinden. Das hat Thomas Mayer, Chefvolkswirt für Europa der Deutschen Bank, dieser Zeitung gesagt. Wie andere Ökonomen wendet sich Mayer damit gegen die Ratschläge des Würzburger Volkswirts Peter Bofinger. Dieser hatte in den vergangenen Wochen dafür geworben, mittels Lohnerhöhungen gemäß der Produktivitätssteigerung die Nachfrageschwäche in Deutschland zu beheben (Peter Bofinger: Ich bin nicht der Kluncker des 21 Jahrhunderts"). Auch Joachim Scheide vom Institut für Weltwirtschaft in Kiel (IfW) kann Bofingers Argumenten wenig abgewinnen. "Es kommt nicht darauf an, daß die Beschäftigten einen hohen Lohnzuwachs haben", sagt Scheide. Entscheidend sei, daß über mehr Beschäftigung die Binnenkaufkraft gestärkt werde. Übermäßige Lohnerhöhungen seien in dieser Hinsicht schädlich.
Die von Bofinger neu angefachte Debatte über den richtigen Kurs der Lohnpolitik schien in Deutschland in den vergangenen Jahren wenn nicht gelöst, so doch zumindest zu den Akten gelegt zu sein. Das hat sich mit der Berufung Bofingers in den Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung im Frühjahr geändert. Vehementer und lautstärker als sein Vorgänger auf dem Gewerkschaftsticket verficht der Ökonom einen nachfragepolitischen Kurs - und stellt sich damit nicht nur gegen die Mehrheit der "Wirtschaftsweisen", sondern auch gegen die schwindende Verhandlungsmacht der Gewerkschaften.
Tarifpolitik geschwächt
Angesichts der steigenden Arbeitslosigkeit und der Konkurrenz auf den Weltmärkten haben die organisierten Arbeitnehmervertreter in den vergangenen Monaten zahlreichen Standortsicherungsverträgen zustimmen müssen, die oft Mehrarbeit ohne höhere Lohnzahlungen mit sich brachten. Auch die generellen Tarifabschlüsse blieben hinter den Erwartungen zurück. So sind die Tarifverdienste je Stunde in der Gesamtwirtschaft in den ersten neun Monaten dieses Jahres nur noch um 1,4 Prozent gestiegen - so gering wie zuletzt 1997. Bereinigt um die Preissteigerungen, bleibt ein reales Plus von 0,4 Prozent. Berücksichtigt man zudem Kürzungen von nichttariflich fixierten Zusatzleistungen wie dem Urlaubsgeld, stiegen die Effektivverdienste um 0,3 Prozent und preisbereinigt fielen sie um 0,7 Prozent.
Nach der Kaufkrafttheorie ist dieser Nachfrageschwund verwerflich und ein Grund für die deutsche Wirtschaftsmisere. Die Löhne müßten nur stark genug steigen, heißt es in der einfachen Form des Arguments, um so den privaten Konsum und das Wirtschaftswachstum anzuregen. Vernachlässigt wird dabei, daß höhere Löhne für die Unternehmen höhere Kosten und einen Verlust an Wettbewerbsfähigkeit bedeuten. Höhere Stundenlöhne führen ferner dazu, daß Beschäftigung abgebaut wird. "Je stärker der Anstieg der Löhne, desto höher ist der Beschäftigungsabbau", sagt Scheide vom IfW. So bliebe der erhoffte Nachfrageschub aus: Wenn nur die Beschäftigten etwas von höheren Löhnen haben, aber zugleich mehr Menschen in die Arbeitslosigkeit geschickt werden, sind die Chancen für einen Konsumanstieg gering. "Gesamtwirtschaftlich rechnet sich das nicht", sagt Scheide.
Beschäftigung hängt an Lohnstückkosten
Tatsächlich belegt ein Blick auf die Statistik eher das Gegenteil der Kaufkrafttheorie. Mit einer gewissen Verzögerung beschleunigte der Beschäftigungszuwachs in Deutschland sich immer dann, wenn zuvor die Lohnstückkosten über mehrere Jahre gesunken waren. Die Lohnstückkosten beziehen auch die Produktivität der Arbeitnehmer ein und berücksichtigen so, ob und inwieweit Lohnanstiege durch eine höhere Schaffenskraft gedeckt sind. Vor diesem Hintergrund sieht Mayer von der Deutschen Bank die Standortsicherungsverträge nur positiv. "Wenn diese Deals erfolgreich sind, sichert das Beschäftigung und zieht Investitionen nach sich. Wenn diese Deals scheitern, führt das zum Stellenabbau und dem Rückbau des Kapitalstocks. Die Unternehmen entscheiden sich dann, im Ausland aufzubauen statt im Inland."
Gesamtwirtschaftlich freilich führt die zurückhaltende Lohnpolitik bei noch andauerndem Abbau von Vollzeitstellen dazu, daß die Lohnsumme insgesamt sinkt. Die Arbeitnehmerentgelte stagnierten - um den Preisanstieg bereinigt - im Jahr 2000, und seither sind sie gefallen. Nachfragetheoretiker fürchten darob, daß die sinkende Kaufkraft bei erhöhtem Güterangebot die Preise fallen läßt, weil die Nachfrage ausbleibt. Von "deflationären Tendenzen" ist die Rede. Doch ist diese Rechnung ohne das Ausland gemacht. Mayer sagt: "Diese marxistische Unterkonsumptionstheorie ist völlig übertrieben." Das durch Lohnzurückhaltung zusätzlich gewonnene Güterangebot erlaube es, auf den Weltmärkten Marktanteile zurückzugewinnen. "Auch Japan hat sich über die ausländische Nachfrage saniert", meint der Deutsche-Bank-Ökonom.
Lohnzurückhaltung wirkt langfristig
Trotz der jüngsten Lohnzurückhaltung hat die Wettbewerbsposition der deutschen Unternehmen und damit der hiesigen Arbeitsplätze sich im internationalen Vergleich aber offensichtlich noch nicht verbessert. Zwar sind die Lohnstückkosten im verarbeitenden Gewerbe von 1990 bis 2003 jahresdurchschnittlich mit 1,7 Prozent um einen Prozentpunkt langsamer gewachsen als im Zeitraum 1980 bis 1989, wie eine Untersuchung des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft in Köln (IW) zeigt. Zugleich aber wuchsen die Lohnstückkosten in den wichtigsten Industriestaaten im Schnitt nur um 0,3, nach 3,1 Prozent. Im Klartext: Arbeitskraft in Deutschland ist in den neunziger Jahren unattraktiver, weil international relativ teurer geworden. Und dabei sind die neuen Mitgliedstaaten der Europäischen Union noch gar nicht berücksichtigt.
Die hausgemachte Verschlechterung der Kostensituation wurde nach der Studie des IW zudem durch die Aufwertung der D-Mark von 1993 bis 1995 und des Euro seit 2001 verstärkt. Die Kostenschere, die sich seit der deutschen Wiedervereinigung zwischen dem Ausland und Deutschland ohnehin öffnete, ging in diesen Jahren der Aufwertung noch weiter auseinander. Die Gründung der Europäischen Währungsunion hat Deutschland in dieser Hinsicht zwar geholfen. Die nominalen Wechselkurse zu den übrigen Euro-Staaten sind seit dem Jahr 1999 endgültig fixiert. Das reicht aber nicht, um den Wettbewerbsnachteil der deutschen Arbeitsplätze im verarbeitenden Gewerbe auszugleichen - zumal die deutschen Lohnstückkosten nach Daten der Europäischen Union sich gerade mal seit zwei Jahren spürbar unter dem Euro-Durchschnitt entwickeln. Nach IW-Angaben lagen die deutschen Lohnstückkosten im verarbeitenden Gewerbe im vergangenen Jahr 10 Prozent über den italienischen und sogar 16 Prozent über den französischen. Mayer sagt: "Immerhin machen wir Fortschritte; die Lohnstückkosten sind zuletzt gesunken. Dieser Prozeß muß weitergehen."
Trotz der erreichten Lohnzurückhaltung hat die Wettbewerbsposition der hiesigen Unternehmen und Arbeitsplätze sich im internationalen Vergleich nicht stark verbessert.
Text: pwe. / Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13.12.2004, Nr. 291 / Seite 13
Bildmaterial: F.A.Z.
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