Währungsunion

Warnung vor frühem Euro-Beitritt

23. Januar 2006 Die Deutsche Bundesbank warnt im Monatsbericht für Januar vor einer verfrühten Übernahme des Euro durch osteuropäische Mitgliedstaaten der Europäischen Union. "Käme der Beitritt zum Euro-Raum zu früh, dürfte sich eine adäquate Gestaltung des Konversionskurses schwierig gestalten", heißt es. Die Bundesbank sorgt sich, daß eine Fehlbewertung des Umrechnungskurses der Währungen zu größeren Leistungsbilanzsalden innerhalb des Euro-Raums und damit zu Anpassungskosten führen könne.

Trotz der bislang erreichten Konvergenz sei "noch keine signifikante und kontinuierliche Rückführung der Leistungsbilanzdefizite" in den osteuropäischen EU-Staaten zu beobachten. In Ungarn und Estland liege das Defizit höher, als es dem "Reifegrad" der Wirtschaften entspreche. Das deute auf möglichen Anpassungsbedarf hin.

Estland, Litauen und Slowenien hoffen, dem Euro-Raum im kommenden Jahr beitreten zu können. Der Währungskommissar der Europäischen Union, Joaquin Almunia, sagte unlängst, nach derzeitigem Stand würden weder Estland noch Litauen die Beitrittskriterien erfüllen, weil ihre Inflationsrate zu hoch sei.

Euro-Übernahme erschwert die Anpassung

Die meisten der acht neuen EU-Staaten in Mittel- und Osteuropa weisen seit Jahren große Leistungsbilanzdefizite auf. Die große Ausnahme ist Slowenien. In den vergangenen beiden Jahren lagen die Defizite in vier osteuropäischen EU-Staaten über 6 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP). Litauen schaffte es zwar, sein Leistungsbilanzdefizit von knapp 12 auf unter 9 Prozent zu reduzieren. In Estland und in Lettland lag das Defizit aber nach Bundesbankschätzungen auch 2005 über 10 Prozent des BIP. Entscheidend für den Beitritt zum Euro-Raum ist unter anderem, ob diese Defizite mittelfristig tragfähig sind. Sind größere Änderungen zu erwarten, würde eine faktische Fixierung des nominalen Wechselkurses durch die Euro-Übernahme die dann erforderliche wirtschaftliche Anpassung erschweren.

Im Monatsbericht heißt es, daß - mit Ausnahme Polens - in allen osteuropäischen EU-Staaten der Anteil der ausländischen Direktinvestitionen am Kapitalzufluß gesunken sei. Dem damit verbundenen Risiko kurzfristiger und abrupter Kapitalabflüsse stehe jedoch der dynamische Aufbau von Währungsreserven in den Ländern entgegen. Doch warnt die Bundesbank vor einer gewissen Überhitzung der Kreditvergabe in einigen der Länder, was im Verbund mit Leistungsbilanzdefiziten erfahrungsgemäß Risiken berge. Offensichtlich hat sie dabei vor allem Estland, Litauen und Lettland im Blick, wo die Kreditvergabe 2004 mit 28, 32 beziehungsweise 40 Prozent wuchs.

Hohe Auslandsverschuldung

Die Auslandsverschuldung liege, gemessen am BIP, in Estland (2004: 89,1 Prozent), Lettland (80) und Ungarn (70,4) deutlich über dem verschiedentlich als kritisch angesehenen Schwellenwert von 60 Prozent des BIP, heißt es. Dies gelte zwar auch für Slowenien, sei aber wegen der dort nahezu ausgeglichenen Leistungsbilanz weniger problematisch.

Die Untersuchung zeigt, daß die Leistungsbilanzsalden vor allem Folge der wirtschaftlichen Konvergenz sind. In die osteuropäischen EU-Staaten fließt im Aufholprozeß viel Investitionskapital, das im Gegenzug zu Leistungsbilanzdefiziten führt. Zudem trägt eine reale Aufwertung der Währungen dazu bei, daß die heimische Sparleistung vergleichsweise gering ist. Bei einer weiteren Annäherung der Pro-Kopf-Einkommen an das westliche Niveau und einem Ausbau der Finanzmärkte erwartet die Bundesbank einen Abbau der Leistungsbilanzdefizite.

Text: pwe. / F.A.Z., 24.01.2006, Nr. 20 / Seite 13

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