11. Mai 2006 Die Europäische Zentralbank (EZB) hat angesichts bestehender Inflationsgefahren ihre Bereitschaft zu einer baldigen weiteren Zinserhöhung bekräftigt.
Der Präsident der niederländischen Zentralbank, Nout Wellink, hat vor den Folgen einer globalen Inflationsbeschleunigung und einer Ausweitung des amerikanischen Handelsbilanzdefizits gewarnt. Hiermit seien Risiken für die Weltwirtschaft und die Währungsmärkte verbunden, sagte Wellink am Donnerstag bei der jährlichen Pressekonferenz der Notenbank. Er verwies zudem auf die hohen Preise für Rohstoffe, besonders für Öl. Bislang habe die Weltwirtschaft diese jedoch gut verdaut, meinte Wellink.
25 Basispunkte mehr?
Mit Blick auf die Politik der EZB, deren Rat er angehört, sagte Wellink, daß für Anfang Juni eine Zinsanhebung um 25 Basispunkte nicht auszuschließen sei. Die EZB habe bereits im Dezember und März die Zinsen erhöht und um den gestiegenen Inflationsdruck einzudämmen, könnte eine weitere Straffung der Geldpolitik notwendig sein, betonte der Niederländer.
Der EZB-Rat übe sich in großer Wachsamkeit wegen der Risiken für die Preisstabilität, sagte EZB-Präsident Jean-Claude Trichet am Donnerstag bei einer Konferenz in Linz: In der Zukunft wie in der Vergangenheit wird die EZB weiter unmittelbar handeln wo nötig, um die Risiken für die Preisstabilität auf mittlere Sicht einzudämmen. Im EZB-Monatsbericht für den Mai hieß es, vor allem das sehr niedrige Zinsniveau und die reichliche Ausstattung der Wirtschaft mit Geld erforderten Wachsamkeit.
Wortwahl wie beim jüngsten Zinsschritt
Mit der Formulierung große Wachsamkeit hatte Trichet bereits vor einer Woche ein deutliches Signal gegeben, daß die Zentralbank bei ihrer nächsten Sitzung am 8. Juni in Madrid zum dritten Mal seit Dezember den Leitzins von derzeit 2,5 Prozent anheben wird. Mit dieser Wortwahl hatten die Währungshüter auch die beiden vorangegangenen Zinserhöhungen angedeutet.
Am Finanzmarkt wird nun gerätselt, ob es die EZB wie bisher bei 25 Basispunkten beläßt, oder ob sie sich zu einem größeren Schritt um 50 Basispunkte entschließen könnte (siehe zur Situation in Amerika Märkte rätseln nach Zinsschritt über Kurs der Fed). Die Zentralbanker hatten betont, sie folgten keinen festen Terminen mit ihrer geldpolitischen Straffung und würden immer auf Basis der aktuellen Daten entscheiden. Vor allem die Wachstumsdaten zum ersten Quartal sollten wichtig für den Zinsbeschluß sein. Mit einem Plus von 0,6 Prozent zum Vorquartal erhöhte sich das Bruttoinlandsprodukt im Euro-Raum wie allgemein erwartet. Das bestätige das bisherige Bild der EZB eines jährlichen Wachstums um die Potentialrate von zwei Prozent herum, sagte Trichet.
Euro-Anstieg könnte die Konjunktur bedrohen
Howard Archer, Chef-Volkswirt von Global Insight, rechnet nicht mit einem großen Zinsschritt der EZB. Dazu sei das Wachstum nicht stark genug. Die EZB werde im Juni und August um jeweils 25 Basispunkte auf 3,0 Prozent erhöhen. Darüber hinaus muß die EZB vorsichtig sein, die Bremse bei der Geldpolitik nicht zu fest anzuziehen, da der hohe Ölpreis und der Euro-Anstieg die Erholung bedrohen können.
Bei einem Aufschwung wächst aus Sicht der Notenbank die Inflationsgefahr, da Unternehmen Preise erhöhen und Gewerkschaften kräftige Lohnerhöhungen durchsetzen könnten. Der Preisdruck ist bisher aber - abgesehen vom direkten Einfluß der hohen Energiepreise - gedämpft, hieß es im Monatsbericht. Die Arbeitskosten stiegen nur mäßig, und die Firmen könnten ihre gestiegenen Produktionskosten nur begrenzt an die Verbraucher weitergeben.
Inflationserwartungen niedrig geblieben
Der langsame Aufschwung, die hohe Arbeitslosigkeit und der Wettbewerb von Niedriglohnländern dämpften die Löhne. Auf längere Sicht könnten indirekte Effekte der Rohstoffpreissteigerungen aber doch durchschlagen. Zudem würden Steuererhöhungen die Inflationsrate im kommenden Jahr erhöhen. Auch Trichet bekräftigte, daß es bisher zu Zweitrundeneffekten nicht gekommen sei, und die Inflationserwartungen vor allem dank der glaubwürdigen Geldpolitik der EZB niedrig geblieben seien.
Das Vertrauen in die Preisstabilität läßt sich auch an den Ergebnissen der aktuellen vierteljährlichen EZB-Umfrage unter Wirtschaftsforschern ablesen. Die Ökonomen hoben wegen des hohen Ölpreises ihre Inflationsprognosen für 2006 und 2007 jeweils um ein Zehntelprozent auf 2,1 Prozent an. Die langfristige Preisprognose blieb dagegen auf dem seit viereinhalb Jahren geschätzten Stand von 1,9 Prozent, was in etwa der EZB-Definition von Preisstabilität entspricht. Allerdings halten es die Prognostiker für immer wahrscheinlicher, daß der Preisanstieg 2006 und in den kommenden Jahren über zwei Prozent liegen wird.
Vorsichtige Wachstumsprognosen
Trotz des starken Anstiegs einiger Frühindikatoren in den vergangenen Monaten blieben die Befragten mit ihren Wachstumsprognosen vorsichtig. Die Prognose für 2006 wurde um ein Zehntel auf 2,1 Prozent angehoben, für 2007 werden unverändert 1,9 Prozent erwartet. Der ungebremste Optimismus der Unternehmen, der den Ifo-Geschäftsklimaindex zuletzt auf den höchsten Stand seit dem Wiedervereinigungsboom getrieben hatte trieb, hat Zweifel aufkommen lassen an der Zuverlässigkeit von Stimmungsumfragen. Eine Analyse der EZB ergab aber, daß diese weichen Daten die tatsächliche Entwicklung gut widerspiegeln. Dies gelte auch für den deutsche Ifo-Geschäftsklimaindex.
Text: Reuters
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa/dpaweb
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