F.A.Z.-Konjunkturbericht

Im Abwärtssog der Weltwirtschaft

Von Philip Plickert

31. Juli 2008 Abkoppelung war gestern. Heute ist der Abwärtssog der Weltwirtschaft auch im Euro-Raum zu spüren. Im Frühjahr hat die lange erwartete Schwächephase begonnen. Schon im ersten Quartal wuchs das Bruttoinlandsprodukt (BIP) in einigen Ländern kaum noch oder schrumpfte gar, so in Dänemark, Irland und Portugal. Nimmt das BIP, die Wirtschaftsleistung, in zwei Quartalen nacheinander ab, so definieren Ökonomen dies als Rezession. Dänemark steckt nach den vorliegenden Daten bereits in einer Rezession; in Irland, Spanien und Portugal ist eine solche wahrscheinlich. Auch in Großbritannien und Italien, in Frankreich und vielleicht sogar in Deutschland könnte eine rezessive Phase drohen.

Der sinkende Auftragseingang in der Industrie, die im Mai mit minus 3,5 Prozent einen unerwartet starken Rückgang hinnehmen musste, deutet auf eine Bremsung hin. Zuletzt hat die Industrie, der Motor des Aufschwungs der vergangenen zweieinhalb Jahre, im Mai auch schon eine um 1,9 Prozent geringere Produktion gemeldet. Auch wichtige Frühindikatoren - das Ifo-Geschäftsklima, das von der EU abgefragte Unternehmervertrauen und besonders das Verbrauchervertrauen sowie der Einkaufsmanagerindex - sind jüngst eingebrochen.

Verteuerung der importierten Rohstoffe

Die Gründe für die Schwäche sind klar: Zum einen kühlt sich die Weltwirtschaft deutlich ab, was das Exportwachstum dämpft. Auch der hohe Euro-Wechselkurs belastet. Die Ausfuhr aus dem Euro-Raum nach Großbritannien ist in den ersten fünf Monaten nur noch schwach gewachsen, die Ausfuhr in die Vereinigten Staaten, den zweitwichtigsten Exportmarkt, ist gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 3 Prozent gesunken. Allerdings konnte der kräftige Anstieg der Ausfuhr nach China und vor allem nach Russland diesen Ausfall bislang noch wettmachen.

Besonders die deutsche Exportwirtschaft hat in den vergangenen Jahren stark profitiert von Bestellungen aus den Schwellen- und Rohstoffländern. Doch sind auch dort die Aussichten für das Wachstum nicht mehr so rosig. Stark belastet wird die Konjunktur des Euro-Raums durch die Verteuerung der importierten Rohstoffe, besonders von Erdöl und Erdgas. Das entzieht den Volkswirtschaften des Euro-Raums viel Kaufkraft und belastet den Konsum, der ohnehin in den vergangenen Quartalen nur schwach zugelegt hat oder gar gesunken ist. Die Binnenkonjunktur war durch die Investitionsnachfrage bestimmt, die jetzt aber merklich schwächer wird. Weiterhin verunsichert die nicht endende Finanzkrise.

Einbruch der Bauindustrie

Trotz dieser Belastungen ist wegen des starken ersten Quartals in Deutschland zumindest noch ein Wachstum von bis zu 2 Prozent möglich. In Frankreich, wo der bislang die Konjunktur stützende Konsum abflaut, sagt das Statistikamt Insee noch 1,6 Prozent BIP-Wachstum voraus. Für Italien, die drittgrößte Volkswirtschaft des Euro-Raums, erwarten die meisten Ökonomen allenfalls Stagnation. Durch überhöhte Lohnabschlüsse bei geringem Produktivitätswachstum hat die exportorientierte italienische Wirtschaft an Wettbewerbskraft eingebüßt.

Eine starke Bremsung erlebt derzeit Spanien. Im ersten Quartal ist es noch um 0,3 Prozent gewachsen, doch im Frühjahr und Sommer halten viele Beobachter ein schrumpfendes BIP für wahrscheinlich. Nach dem Boom, der im vergangenen Jahrzehnt regelmäßig Wachstumsraten von mehr als 3 Prozent gebracht hat, ist diese Abkühlung dramatisch. Vor allem die überdimensionierte Bauindustrie bricht ein, die weit mehr als ein Zehntel der Wirtschaftsleistung ausmacht. Die Preise für Immobilien sind zuletzt um gut ein Drittel gegenüber dem Vorjahr gefallen, während die variablen Hypothekenzinsen steigen, was die Budgets der Haushalte und den privaten Konsum belastet. Auch die Industrieproduktion entwickelt sich schwach. Der Tourismus hingegen und auch einige Großunternehmen verdienen noch recht gut.

Die Wachstumskräfte sind erschöpft

Anders als im restlichen Euro-Raum, wo die Arbeitslosigkeit noch leicht zurückgeht und die Quote von durchschnittlich 7,2 Prozent stabil bleibt, ist sie in Spanien zuletzt deutlich gestiegen - zum Sommeranfang überschritt die Arbeitslosenquote 10 Prozent. Finanzminister Pedro Solbes gesteht zwar ein, dass sich Spaniens Wirtschaft in einer Krise befinde, er erwartet jedoch immer noch 1,6 Prozent Wachstum in diesem Jahr und etwa 1 Prozent im kommenden Jahr. Vielen Beobachtern erscheint das zu optimistisch, zumal Solbes frühere Prognosen oft korrigieren musste.

Noch kräftiger als in Spanien könnte es in Irland bergab gehen. Die Gründe für die dort drohende Rezession sind ganz ähnlich: ein Bauboom, der durch real sehr niedrige Zinsen befeuert wurde, und ein langer - auch durch EU-Geld angeschobener - Aufschwung. Die Wachstumskräfte sind nun erschöpft. Im ersten Quartal ist die Wirtschaftsleistung um 0,2 Prozent gegenüber dem Vorquartal geschrumpft, eine Rezession erscheint wahrscheinlich. Das hängt auch mit der Schwäche in Großbritannien zusammen, das nach fast anderthalb Jahrzehnten Wachstum auf eine Krise zusteuert.

Zur schwächelnden Wirtschaft kommen noch Inflationsrisiken hinzu - die Teuerungsrate von 4 Prozent im Juni wird vermutlich im Juli nochmals leicht steigen, weshalb sich manche Beobachter an die Stagflation der siebziger Jahre erinnert fühlen. Auch damals hatte sich der Preis für Öl deutlich verteuert. Die Politik versuchte dem Abschwung durch mehr Staatsausgaben und Geldmengenwachstum entgegenzuwirken - eine Lohn-Preis-Spirale kam in Gang. Die Europäische Zentralbank (EZB) hat nun mit der leichten Leitzinserhöhung ein Signal gegen steigende Inflationserwartung gesetzt.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: F.A.Z.

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