Von Benedikt Fehr und Claus Tigges
15. Januar 2008 Der Anteil Chinas und Indiens an der Weltwirtschaft ist nach neuen Daten des Internationalen Währungsfonds (IWF) deutlich geringer als bisher angenommen. Das nährt Zweifel an der weitverbreiteten Hoffnung, dass das kräftige Wirtschaftswachstum in den Schwellenländern die negativen Folgen der Konjunkturflaute in den Vereinigten Staaten wird abfedern können. Auch die Europäische Zentralbank (EZB) macht ihre Prognose für das Wirtschaftswachstum im Euro-Raum zumindest zum Teil an dieser Hoffnung fest - die nun in Frage gestellt wird.
Nach den neuen IWF-Schätzungen hat der Anteil Chinas an der Weltwirtschaft im Jahre 2007 nicht 15,8 Prozent betragen, sondern nur 10,9 Prozent. Der Anteil Indiens wurde von 6,4 auf 4,6 Prozent zurückgenommen, derjenige der amerikanischen Wirtschaft hingegen von 19,3 auf 21,4 Prozent hochgesetzt. Revidierte Zahlen für den Euro-Raum wurden noch nicht genannt. Die neuen Zahlen ergeben sich aus neuen Schätzungen für die Kaufkraftparitäten der einzelnen Länder, die ein Fachkomitee, das International Comparison Program, im Dezember vorgelegt hat. Benutzt man für die Kalkulation der Länderbeiträge statt der alten oder jetzt neu berechneten Kaufkraftparitäten hingegen die am Markt festgestellten Wechselkurse, betrug der Anteil Chinas an der Weltwirtschaft nach IWF-Angaben sogar weniger als 5 Prozent, derjenige Indiens nur 1,6 Prozent.
Sanfte Landung
Aufgrund der neuen Daten hat der IWF auch seine Vorhersage für das Wachstum der Weltwirtschaft im Jahre 2007 zurückgenommen, von 5,2 auf 4,7 Prozent. Auch die Wachstumsraten für die früheren Jahre wurden nach unten revidiert. Bei Kalkulation des Weltwirtschaftswachstums über die Wechselkurse ergeben sich für 2006 statt der bislang angenommenen 5,1 nur 3,8 Prozent. Auch die Beiträge, welche die einzelnen Volkswirtschaften im vergangenen Jahr zum Wachstum der Weltwirtschaft geleistet haben, ändern sich durch die neuen Berechnungen deutlich: Nach der neuen Kaufkraftparitäten-Schätzung betrug der Beitrag Chinas nicht rund 35 Prozent, sondern nur etwa 26 Prozent - und sogar nur etwa 20 Prozent, wenn über den Yuan-Wechselkurs zum Dollar gerechnet wird. Während der Euro-Raum nach der Kaufkraftparitäten-Schätzung nur etwa 8 Prozent zum Wachstum der Weltwirtschaft beigesteuert hat, waren es nach der Berechnung über die Wechselkurse am Markt doppelt so viel.
Auch nach den beiden neuen Berechnungen hat China im vergangenen Jahr den größten Wachstumsbeitrag geleistet - allerdings deutlich weniger als bislang angenommen. Hingegen erscheint das Gewicht anderer Wirtschaftsmächte, darunter Japan, Brasilien, Russland und die Ölexporteure, eher etwas höher. In der Gesamtbetrachtung werfen die neuen Zahlen aber Zweifel auf, ob es dem Rest der Welt gelingen wird, sich von einem Abschwung der amerikanischen Wirtschaft abzukoppeln.
Unterdessen geht die Weltbank in ihrem aktuellen Bericht Global Economic Prospects 2008 davon aus, dass eine robuste Konjunktur in vielen Entwicklungs- und Schwellenländern in diesem Jahr einen wichtigen Ausgleich zum schwachen Wachstum in den Vereinigten Staaten schaffen werde. Der Weltwirtschaft steht darum nach einigen Jahren mit hohen Wachstumsraten eine sanfte Landung bevor. Die Weltbank-Ökonomen erwarten eine Abschwächung des globalen Wachstums von 3,6 Prozent im Jahr 2007 auf 3,3 Prozent in diesem Jahr.
Wie groß ist die chinesische Volkswirtschaft?
Um diese Frage zu beantworten, muss man den Wert der Produktion in den einzelnen Ländern miteinander vergleichen. Das ist leichter gesagt als getan. Eine Methode besteht darin, die Produktion des einen Landes mit Hilfe des offiziellen Wechselkurses in die Währung eines anderen Landes umzurechnen und dann beide Produktionswerte miteinander zu vergleichen. Die Schwierigkeit liegt hier darin, dass viele Staaten ihre Wechselkurse nicht frei schwanken lassen, sondern politisch fixieren. Beispielsweise hält die chinesische Regierung den Yuan-Kurs durch ständige Interventionen niedrig - was die Ergebnisse dieser Berechnungen verzerrt.
Eine zweite Methode besteht darin, die unterschiedliche Kaufkraft der jeweiligen Währungen abzuschätzen. Dabei wird zum Beispiel berücksichtigt, dass Handarbeit und entsprechende Dienstleistungen in Schwellenländern meist deutlich billiger sind als in Industrieländern. Das Fachkomitee International Comparison Program hat dazu in 147 Ländern nationale Durchschnittspreise für rund eintausend genau spezifizierte Produkte analysiert. China wurde zum ersten Mal in die Analyse einbezogen. Aus der neuen Kalkulation haben sich ganz neue Gewichte für den Anteil der einzelnen Länder an der Weltwirtschaft ergeben.
Text: F.A.Z., 15.01.2008, Nr. 12 / Seite 9
Bildmaterial: F.A.Z.
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