Von Hans. D. Barbier
05. November 2004 Eine Globalisierung, die uns arbeitslos macht oder in Armutslöhne treibt, wollen wir nicht. Wer wollte einem solchen Gedanken widersprechen? Niemand wird "so eine Globalisierung" haben wollen.
Aber macht denn die Globalisierung arm? Daß das nicht so ist, können deutsche Arbeitnehmer feststellen, wenn sie sich - beispielsweise - auf den Weg zu jenem karibischen Ferienziel machen, das sie in vertrauter Verkürzung "Domrep" nennen: in die Dominikanische Republik. Den Weg zum Flughafen legen sie in einem Auto zurück, das in technischer Ausstattung und Komfortqualität für einen durchschnittlichen deutschen Arbeitnehmer kaum erschwinglich wäre, wenn es in allen seinen Teilen mit dem Lohn eines deutschen Automobilarbeiters kalkuliert werden müßte.
Der deutsche Durchschnittsarbeitnehmer kann sich das Auto nur deshalb leisten, weil mehr und mehr Zulieferungsteile dort produziert werden, wo die Kollegen deutlich weniger verdienen: neuerdings und mit rasch wachsenden Mengen auch in China. Bis zum Flughafen kann sich der globalisierungsbedrängte Arbeitnehmer also schon mal mit dem Gedanken trösten: Ohne den unbekannten Chinesen hättest du dieses Auto nicht, oder es bliebe dir vom Lohn so wenig, daß du nicht verreisen könntest.
Bis zur Landung nur Gewinner der Globalisierung
Und dann geht es ans Einchecken. Warum ist der Flug in einen anderen Teil der Welt so erstaunlich billig? Weil die Maschine völlig ausgebucht ist. Und warum kann der Carrier in vielen Maschinen so viele Leute in die Karibik transportieren? Weil das Urlaubsangebot für so viele in Deutschland arbeitende Menschen erschwinglich ist. Und warum ist es erschwinglich? Weil Essenbereiten, Bettenmachen, Poolsäubern und Parkpflegen in der Dominikanischen Republik nicht zu deutschen Löhnen zu kalkulieren sind. Und warum setzen die Menschen dort alles daran, einen niedrig bezahlten Job in einem Urlaubsresort zu ergattern? Weil er angenehmer ist und besser bezahlt wird als das meiste, was ihr Land sonst an Arbeit zu bieten hat.
Bis zur Landung in der Domrep gibt es also nur Globalisierungsgewinner. Was aber ist, wenn der reisende Arbeitnehmer bei seiner Rückkehr erfährt, daß sein Arbeitgeber die Produktion nach Südosteuropa verlagert hat, weil er zu den hohen deutschen Kosten nicht mehr wettbewerbsfähig war? Dann zeigt es sich, daß irgendwer einen Kostenfaktor der Globalisierung übersehen hat: den Kostenfaktor "Flexibilität". Für nichts gibt es nichts. Das gilt auch für die Vorteile der Globalisierung.
Ein energiegeladenes Netz: Mehrwert für alle, die sich anpassen
Der internationale Austausch von Kapital, Arbeit, Gütern und Ideen ist so etwas wie ein energiegeladenes Netz. Dieses Netz produziert Mehrwert des Tausches für alle - aber nur für alle diejenigen, die bereit sind, sich Veränderungen der Märkte anzupassen. Die Globalisierung verursacht Anpassungskosten: in den Produktionsprozessen, in den Arbeitsanforderungen, in den Produktqualitäten, in Löhnen und Preisen.
Diese Wahrheit ist deutschen Arbeitnehmern vorenthalten worden: von Gewerkschaftlern, die die Sonne der Freiheit nur über der 35-Stunden-Woche leuchten sehen; von Arbeitgeberpräsidenten, die in jedem Lohnabschluß einen Sieg der Vernunft erblicken; von Arbeitsministern, die vorgeblich günstige Lohnvereinbarungen für allgemeinverbindlich erklären; von Sozialministern, die medizinischen Fortschritt und längere Lebensdauer in steigende Arbeitskosten verwandeln; von einer Gesellschaft, die sich nichts dabei denkt, daß die Deutschen fast dreimal so lange Urlaub machen wie die Japaner.
Die Globalisierung macht arm, wenn man Institutionen und Verhältnissen die Macht gibt, die Menschen zu zwingen, auf Veränderungen mit Starrheit zu antworten statt mit Flexibilität. Gute Reformen zielen darauf ab, solche Institutionen und Verhältnisse zu ändern, mehr Freiheit für Flexibilität zu schaffen.
Der Autor ist Vorsitzender der Ludwig-Erhard-Stiftung.
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 05.11.2004, Nr. 259 / Seite 17
Bildmaterial: F.A.Z.