Der F.A.Z.-Preisbericht

Die Inflation von 3 Prozent beunruhigt

Von Philip Plickert

07. Dezember 2007 Die Europäische Zentralbank (EZB) steckt in einer schwierigen Lage. Einerseits steigt der Druck von Seiten der Geschäftsbanken und der Politik, den Leitzins zu senken, um eine Ausweitung der Kreditkrise und eine Bremsung der Konjunktur zu vermeiden. Andererseits nehmen die Inflationsrisiken zu, worauf die EZB eigentlich mit einer strafferen Zinspolitik reagieren müsste.

Im November erreichte die Inflationsrate sowohl im Euro-Raum als auch in Deutschland die Marke von 3 Prozent. Im Euro-Raum ist dies der höchste Stand seit sechs Jahren, in Deutschland hat man eine solche Geldentwertung zuletzt 1994 erlebt. Damit ist für viele Bürger eine Schmerzgrenze erreicht, weil ihre auch im Aufschwung nur mäßigen Einkommenssteigerungen aufgefressen werden.

Treibstoffe, Heizöl und einige Nahrungsmittel deutlich teurer

„Wir erwarten, dass der Harmonisierte Verbraucherpreisindex in den kommenden Monaten deutlich über 2 Prozent liegen wird“, sagte EZB-Präsident Jean-Claude Trichet am Donnerstag nach der Ratssitzung der Notenbank. Erst im Verlauf des Jahres 2008 werde sich der Teuerungsdruck schrittweise abschwächen. Zu Beginn des Jahres 2007 lag die Inflationsrate im Euro-Raum mit 1,8 Prozent innerhalb der Spanne, welche die EZB als Preisstabilität definiert: „unter, aber nahe 2 Prozent“. Erst im September wurde dieser Wert mit 2,1 Prozent überschritten. Im Oktober lag die Inflation dann aber schon bei 2,6 Prozent, und im November erreichte sie nach einer Vorausschätzung von Euro-stat 3 Prozent. Besonders verteuert haben sich im Jahresvergleich Treibstoffe und Heizöl sowie einige Nahrungsmittel. In Deutschland berechnete das Statistische Bundesamt, dass die Preise für Heizöl im November zwischen 21,5 und 25,9 Prozent über dem Vorjahresniveau lagen, bei Kraftstoffen waren es bis zu 20 Prozent.

Diese dramatische Steigerung erklärt sich teilweise auch durch einen statistischen Basiseffekt: Im Sommer und Herbst 2006 fiel der Rohölpreis zeitweilig deutlich. Somit erscheint die Verteuerung besonders krass, wenn die aktuellen Preise mit denen von vor einem Jahr verglichen werden. In den kommenden Monaten wird dieser Effekt schwächer. Die Teuerungsrate dürfte dann wieder geringer ausfallen - wobei dies nur rechnerisch Entlastung bringt. Die Verbraucher werden nämlich weiter unter dem hohen Preisniveau leiden, auch wenn das Maß der Inflation wieder geringer ist.

Die „gefühlte Inflation“ geht steil nach oben

Ohnehin haben viele Bürger das Vertrauen in die von den Statistikbehörden errechneten Teuerungsraten teilweise verloren. Die „gefühlte Inflation“ ist, besonders seit Einführung des Euro, stark gestiegen. Im Jahr 2002 lag die wahrgenommene Teuerungsrate in Deutschland bis zu 5 Prozentpunkte über der gemessenen Inflationsrate, bis 2005 war der Aufschlag auf einen halben Punkt gesunken, wie der Schweizer Statistikprofessor Hans Wolfgang Brachinger ermittelt hat. In jüngster Zeit ist die subjektiv wahrgenommene Teuerung aber wieder steil nach oben geschossen - auf gut 7,5 Prozent.

Zur Berechnung der „gefühlten Inflation!“ werden die Güter des täglichen Gebrauchs, die häufig gekauft werden, höher gewichtet. Neben Benzin schlagen dementsprechend auch Nahrungsmittel kräftiger zu Buche. Beides verteuerte sich in den vergangenen Monaten teils erheblich: Die Nahrungsmittelpreise stiegen im November in Deutschland durchschnittlich um 4 bis 7 Prozent gegenüber dem Vorjahr, für einzelne Produkte noch erheblich stärker. Milch zum Beispiel verteuerte sich um gut 20 Prozent, Butter um fast 50 Prozent. Solche Kaufkraftverluste bewerten die Menschen höher als Kaufkraftgewinne, wenn zum Beispiel elektronische Geräte oder Telefongespräche seit Jahren billiger werden.

Konzept der „gefühlten Inflation“ methodisch fragwürdig

Obwohl das Konzept der „gefühlten Inflation“ methodisch fragwürdig ist und viele Ökonomen es ablehnen, hat diese wahrgenommene Teuerung unbestritten erheblichen Einfluss auf das Verhalten der Verbraucher. Die Psychologie spielt eben in der Wirtschaft eine nicht zu vernachlässigende Rolle. Ein Anstieg der gefühlten Inflation um 1 Prozentpunkt über die tatsächliche Inflation könnte das Konsumwachstum um 0,2 Prozentpunkte dämpfen, warnt die Deka-Bank. Somit steht die erwartete Erholung des Konsums, der im kommenden Jahr zum Treiber der Binnenkonjunktur und damit des Wachstums im Euro-Raum werden soll, unter erheblichem Vorbehalt. Das Aufkommen von Inflationsängsten wird dem wirtschaftlichen Aufschwung gefährlich.

Auch die Geldpolitiker haben mit Blick auf die monetäre Entwicklung im Euro-Raum bedenkliche Tendenzen festzustellen: Das Geldmengenwachstum hat nach den jüngsten verfügbaren Zahlen im Oktober einen neuen Rekordwert erreicht. Die breit gefasste Geldmenge M3 stieg um 12,3 Prozent. Die derzeit sehr hohe monetäre Dynamik deute aber nicht auf einen ebenso hohen künftigen Preisdruck hin, betont die EZB. Es drücken sich darin einige Sondereffekte - etwa die gestiegenen Geldzuflüsse aus dem Ausland - und strukturelle Veränderungen an den Finanzmärkten aus. Dennoch stärken die Zahlen die Argumente der geldpolitischen "Falken" im EZB-Rat, die eine Bremsung des Geldmengenwachstums wünschen. Die geldpolitischen "Tauben" hingegen werden weiter auf die konjunkturellen Risiken verweisen. Den jüngsten Anstieg der Inflation auf 3 Prozent können sie zudem als temporäre Überzeichnung abtun - denn im Durchschnitt der vergangenen zwölf Monate lag die Teuerung gerade noch unter 2 Prozent, also innerhalb der Definition von Preisstabilität.

Text: F.A.Z., 07.12.2007, Nr. 285 / Seite 14
Bildmaterial: F.A.Z.

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