Devisen

Warum Amerikas Weltmacht den Dollar stabilisiert

Von Gerald Braunberger

Der Dollar gestützt von einem Riesen auf tönernen Füßen

Der Dollar gestützt von einem Riesen auf tönernen Füßen

04. Juni 2006 Kaum eine Gattung Mensch geht einem so sehr auf die Nerven wie ewige Propheten des Nieder- oder Untergangs. Die Diskussion über das Defizit in der amerikanischen Leistungsbilanz und die daraus sich ableitende Verschuldung der Vereinigten Staaten im Ausland kennt solche Propheten des Unheils in großer Zahl. Leider müssen wir uns in sie einreihen.

"Kann das Defizit Bestand haben?" fragte der bekannte Ökonom Paul Krugman besorgt - und zwar schon im Jahre 1987! Seitdem wurde Krugmans Frage so häufig gestellt, daß sich aus den einschlägigen Arbeiten eine kleine Bibliothek zusammenstellen ließe. Das Thema ist zur Zeit wieder aktuell, da nach neuesten Schätzungen die amerikanische Leistungsbilanz in diesem Jahr ein neues Rekorddefizit ausweisen dürfte. Ein Ende der Entwicklung ist vorerst nicht abzusehen - das heißt aber nicht, daß es immer so weitergehen wird.

Billige Konsumgüter, ausländische Autos und teures Rohöl

Defizit in der Leistungsbilanz bedeutet: Die Amerikaner kaufen mehr Güter und Dienstleistungen im Ausland ein, als sie ins Ausland verkaufen. Diese Differenz ist sprunghaft gestiegen; der 2005 erreichte Saldo von 805 Milliarden Dollar entspricht nahezu dem Doppelten der jährlichen Wirtschaftsleistung respektabler Länder wie Australien oder der Niederlande.

Das amerikanische Defizit verdankt seine Existenz vor allem dem Import riesiger Mengen meist billiger Konsumgüter (zum Beispiel aus China), dem Kauf ausländischer Autos sowie dem Einkauf teuren Rohöls. Für die amerikanischen Konsumenten ist dies eine frohe Nachricht - sie profitieren von den hohen Einfuhren.

Doch jede Bilanz besteht aus zwei Seiten: Wer im Ausland mehr ein- als verkauft, muß die Differenz dem Ausland bezahlen - und das bedeutet: die Verschuldung der amerikanischen Volkswirtschaft im Ausland nimmt mit dem wuchernden Defizit in der Leistungsbilanz in einem beängstigenden Tempo zu: Die amerikanischen Schulden im Ausland betrugen Ende 2005 2180 Milliarden Dollar.

Gewaltige Dollarbestände in Japan und China

Zu sehen sind sie zum Beispiel in den Bilanzen der Notenbanken von Japan und China, die über gewaltige - meist in amerikanischen Staatspapieren angelegte - Dollarbestände verfügen. Kein anderes Land auf dieser Welt könnte sich ähnlich langfristige und hohe Defizite seiner Leistungsbilanz und die damit verbundene Zunahme seiner Auslandsverschuldung erlauben, ohne daß sich die bange Frage nach der Solidität seiner Währung stellte - mit möglichen schweren Turbulenzen an den Finanzmärkten, die der gesamten Weltwirtschaft schweren Schaden zufügen könnten.

Weil Amerika als Weltmacht Nummer eins die mit Abstand wichtigste Währung in der Welt besitzt und wirtschaftlich besser dasteht als alle anderen Regionen, gelten für das Land andere Regeln als für kleinere Volkswirtschaften. Wenn irgendwo auf dem Globus eine Krise ausbricht, setzt eine Flucht in den Dollar ein - Amerika profitiert vom Status eines politisch und wirtschaftlich "sicheren Hafens".

Der Dollar trotz dem Lehrbuch

Man kann das am Wechselkurs sehen. Eigentlich müßte nach dem Lehrbuch die Währung eines Landes, das ein hohes Defizit in seiner Leistungsbilanz aufweist, gegenüber anderen Währungen an Wert verlieren. Ein Blick auf den Wechselkurs zwischen Euro und Dollar relativiert jedoch dieses Bild (siehe Grafik): Zwar hat der Euro seit dem Jahr 2000 gegenüber dem Dollar an Wert gewonnen, aber dennoch liegt sein Kurs heute kaum höher als 1999.

Weil die amerikanische Leistungsbilanz schon seit den siebziger Jahren Defizite aufweist und der vielbeschworene "Dollar-Crash" bis heute nicht passiert ist, flüchten sich manche Fachleute in eine Mischung aus Sarkasmus und Ratlosigkeit. "Es ist schon erstaunlich, an was sich Menschen alles gewöhnen können", meint der bekannte Außenhandelsökonom Jagdish Bhagwati.

Wenn es gut geht, muß die Theorie umgeschrieben werden

Ein europäischer Geldpolitiker sagt: "Vielleicht geht es gut, was die Amerikaner machen. Aber in diesem Fall wird man die ökonomische Theorie umschreiben müssen." Das Unbehagen ist in internationalen Organisationen und Zentralbanken seit langem zu spüren. Ihre Vertreter begnügen sich jedoch mit vorsichtigen Kommentaren, um an den Finanzmärkten keine Panik zu erzeugen.

Weil Ökonomen selten einig sind, finden sich jedoch auch Vertreter der Ansicht, das Leistungsbilanzdefizit sei unbedenklich. Vielmehr sei die Bereitschaft des Auslands, in Amerika Geld anzulegen, sogar ein Zeichen der Stärke der amerikanischen Wirtschaft.

Niedergang nach vorangegangener Überdehnung der Macht?

Ob im Leistungsbilanzdefizit eine Gefahr für Dollar und Weltwirtschaft besteht, läßt sich mit rein ökonomischen Analysen kaum beurteilen - schon weil sie den Einfluß der Politik ausblenden. Interessant ist ein Blick auf historische Betrachtungen der Wechselwirkungen von Wirtschaft und Politik, wie sie etwa Paul Kennedys Klassiker "Der Aufstieg und Fall der großen Mächte" leistet.

Darin zeigt Kennedy, daß dem Niedergang großer Mächte häufig eine Phase der Überdehnung ihrer Macht und ihrer Ressourcen vorausgegangen ist, die den Kollaps nur beschleunigte, sobald die anderen Mächte bemerkten, daß der vermeintliche Riese nur noch auf tönernen Füßen stand. Mit einer Relativierung der amerikanischen Macht in der Welt mag daher auch eine Neubewertung des Dollar einhergehen.

Potentielle Supermächte werden selbstbewußter

An diesem Punkt befinden wir uns offenbar noch nicht. Doch die Anzeichen für einen nachlassenden Einfluß der amerikanischen Supermacht sind unverkennbar. Potentielle Supermächte wie China und Indien führen sich gegenüber Washington immer selbstbewußter auf. So verweigert sich Peking der amerikanischen Forderung, seine Währung aufzuwerten.

Profitiert hat der Dollar früher auch von der besonderen Leistungsfähigkeit der amerikanischen Finanzmärkte. Heute kaufen sich amerikanische Börsen im Ausland ein, weil sie um die Bedeutung ihres Heimatmarktes fürchten. Der Glanz des Dollar wird matter.

Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 04.06.2006, Nr. 22 / Seite 39
Bildmaterial: picture-alliance / dpa/dpaweb

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