Globalisierung

Die Angst vor der Japan AG ist Geschichte

Von Stephan Finsterbusch ,Tokio

28. September 2006 Yasuda sorgte für Furore. Als die japanische Versicherung 1987 für 40 Millionen Dollar eines der Sonnenblumenbilder des Malers Vincent van Gogh ersteigerte, sprach Europa vom Ausverkauf westlicher Werte. Japan war auf dem Vormarsch. Das Land hatte Ende der sechziger Jahre mit staatlicher Industriepolitik Deutschland als zweitgrößte Wirtschaft der Welt abgelöst. Zwanzig Jahre später machte es Amerika die Spitzenposition streitig. Während Washington riesige Handelsdefizite verzeichnete, erfreute sich Tokio hoher Überschüsse. Japan bezifferte seine Nettoauslandsguthaben auf 300 Milliarden Dollar. In Amerika schrillten die Alarmglocken.

Getragen von einer gigantischen Börsenrally und einem rasch aufgewerteten Yen stiegen japanische Firmen seit Mitte der achtziger Jahre bei vielen Unternehmen in Übersee ein. Die Sumitomo Bank beteiligte sich 1987 an Goldman Sachs. 1988 griff Sony nach den Filmstudios von Columbia. 1989 kaufte Mitsubishi das Rockefeller-Center in New York. In Deutschland konnten Unternehmen wie Grundig im Preiskampf mit der fernöstlichen Konkurrenz nicht mehr mithalten. Doch im deutschen Autobau trieb der Wettbewerbsdruck aus Japan Umstrukturierungen voran, die Hersteller wie BMW noch heute ganz vorn mitfahren lassen.

Abschirmung durch Importzölle

Erst langsam traten in Europa und Amerika an die Stelle alter Ängste neue Hoffnungen. Zwar platzte die Börsenblase 1990 und das Land versank für Jahre in der Deflation. Doch das Nettoauslandsvermögen vervierfachte sich. Japanisches Kapital wurde ein wichtiger Faktor für Arbeit und Wohlstand im Westen. Als Toyota im Frühjahr andeutete, in Europa ein Werk zu bauen, bewarben sich Hunderte deutsche Städte. Als Honda im Juni erklärte, in Indiana eine Fabrik zu errichten, feierte Amerika seine Wettbewerbsfähigkeit. Die Re-Industrialisierung Osteuropas ist ohne japanische Investoren nicht mehr denkbar.

Mit den globalen Aktivitäten lösten Japans Firmen die alten Bande zu heimischen Behörden. Im Zentrum des Wirtschaftswunders hatte jahrzehntelang das Handels- und Industrieministerium gestanden. Das Miti entwarf 1950 mit dem Finanzministerium und der Zentralbank einen Plan zum Wiederaufbau der kriegsgeschädigten Wirtschaft. Die Bank von Japan kanalisierte Bankkredite in Grundlagenindustrien und Wachstumsbranchen. Das Finanzministerium betrieb eine investitionsfreundliche Steuerpolitik. Das Miti koordinierte die Wirtschaft und schirmte Schlüsselbereiche wie Autobau und Mikroelektronik durch Importzölle vor Konkurrenz ab.

Alte Seilschaften zogen nicht mehr

Zur Wachstumsfinanzierung rückten Banken und Firmen eng zusammen und schmiedeten die Japan AG. Die Exportwirtschaft profitierte vom niedrigen Wechselkurs. Bis Ende der sechziger Jahre erreichte Japan ein durchschnittliches Wirtschaftswachstum von 10 Prozent im Jahr. Als Amerika 1971 das Währungssystem fester Wechselkurse stürzte, wertete der Yen kräftig auf. Durch den starken Yen konnten die Japaner auf ausländischen Märkten preiswert einkaufen.

Die Exporteure rationalisierten die Produktion, drangen auf Zugang zum internationalen Kapital und finanzierten sich zunehmend über die Börsen in Europa und Amerika. Tokios Banken verloren große Kunden und die Behörden die Kontrolle über die Japan AG. Doch klammerten sie sich an die Macht. Die Bank von Japan fuhr Mitte der achtziger Jahre die Zinsen herunter, hielt die Geschäftsbanken an, hohe Kredite in Immobilien- und Wertpapiermärkte zu lenken und blies eine gewaltige Spekulationsblase auf. Als diese platzte, standen die Banken vor den Trümmern ihrer Kredite. Die alten Seilschaften zogen nicht mehr. Reformer übernahmen die Macht. Sie entließen Ende der neunziger Jahre die Bank von Japan in die Unabhängigkeit und bauten das Miti und das Finanzministerium um. Die Japan AG war gescheitert und wurde entflochten.

Um Wechselkurs- und Deflationsrisiken zu umgehen, zogen viele Firmen Fabriken in Übersee hoch. Heute produzieren Japans Autobauer mehr Fahrzeuge im Aus- als im Inland, Sony stellt keinen Walkman mehr in Japan her, und auf den Kunstauktionen von Christie’s sind Japaner gern gesehene und zahlungskräftige Kunden.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa/dpaweb

 
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