03. Juli 2007 Im Wettbewerb um den Zuschlag für das Konjunkturgutachten des Bundeswirtschaftsministriums haben vier Bewerber gewonnen. Minister Michael Glos (CSU) entschied sich für eine Mischung aus bisherigen und neuen Teilnehmern. Dabei sind auch ausländische Institute aus der Schweiz und Österreich. Weil manche Bewerber als Konsortien auftraten, erhöht die Zahl der an dem Gutachten beteiligten Institute sich von bislang fünf auf acht.
Das Ministerium hat bislang keine detaillierten Angaben gemacht, nach welchen Kriterien es sich entschieden hat. Dies stößt beim Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) auf scharfe Kritik, weil es als einziges der bisherigen Teilnehmer von der Prognose ausgeschlossen wurde.
Die nun ausgewählten Institute sollen von Herbst an zwei mal jährlich ein Gutachten zur wirtschaftlichen Lage in der Welt, im Euro-Raum und in Deutschland vorlegen, verknüpft mit einer Konjunkturprognose. Im Frühjahr sollen sie zugleich eine Mittelfristprognose erstellen. Das Gutachten ist nach bisherigen Angaben weiter mit 1,3 Millionen Euro dotiert; der Auftrag gitl für drei Jahre.
Die F.A.Z. dokumentiert die Gewinner und Verlierer der Konkurrenz.
Die Gewinner:
Institut für Weltwirtschaft, IfW, Kiel
Gegründet 1914, ist das IfW das älteste der deutschen Forschungsinstitute. Der Schwerpunkt liegt traditionell auf der Weltwirtschaft und heute auf Fragen der Globalisierung. Eine Stärke ist die nationale und internationale Konjunkturforschung. Seit 2004 ist der amerikanische Arbeitsmarktexperte Dennis Snower Präsident; er betont noch stärker die wissenschaftliche Ausrichtung des IfW. Von den 121 Mitarbeitern arbeiten 8 im Prognosezentrum Konjunktur. Der Etat beträgt in diesem Jahrt rund 9,9 Millionen Euro; 22 Prozent kommen davon aus Drittmitteln, also Forschungsaufträgen der Ministerien oder Zuwendungen von Stiftungen. Das IfW gehört als Forschungsinstitut der Leibniz-Gemeinschaft an. Das bedeutet, das die Grundfinanzierung von 9,8 Millionen Euro von Bund und Ländern hälftig getragen wird.
Rheinisch-Westfälisches Institut für Wirtschaftsforschung, RWI, Essen, und
Institut für Höhere Studien, IHS, Wien
Das Rheinisch-Westfälische Institut für Wirtschaftsforschung (RWI) in Essen wurde 1926 als Abteilung West des heutigen DIW gegründet und ist seit 1943 selbständig. Unter der Leitung von Christoph Schmidt hat das Institut seinen Ruf seit 2002 deutlich verbessert; die Konjunkturabteilung wird allgemein als gut bewertet. Die wichtigsten Forschungsschwerpunkte sind neben der Konjunkturforschung der Arbeitsmarkt, der Bildungsforschung, die Migration und die Energie- und Umweltökonomie. Eine Besonderheit bietet das RWI in der regionalen Analyse des Strukturwandels gerade in Nordrhein-Westfalen sowie in der Handwerks- und Mittelstandsforschung. Das Institut beschäftigt 85 Mitarbeiter, darunter 52 Wissenschaftler. 8 Ökonomen arbeiten in der Konjunkturabteilung. Der Etat betrug 2006 rund 4,6 Millionen Euro, etwa 30 Prozent davon sind Drittmittel. Das RWI gehört als Forschungsinstitut der Leibniz-Gemeinschaft an.
Das IHS in Wien wurde 1963 vom Soziologen Paul Lazarsfeld und dem Ökonomen Oskar Morgenstern gegründet. Leiter der berühmten interdisziplinären Denkfabrik für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften ist der Ökonom Bernhard Felderer. Bekannt ist das IHS für die Prognose der österreichischen Konjunktur, die es mit dem Wifo für die Regierung erstellt. Das IHS beschäftigt 60 Wissenschaftler. Das IHS finanziert sich zu einem Drittel über Auftragsforschung. Die Grundfinanzierung kommt vom Österreichischen Ministerium für Bildung und Wissenschaft, von der Oesterreichischen Nationalbank, der Stadt Wien und anderen Stiftern.
Ifo-Institut für Wirtschaftsforschung, München, und
Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich, Kof
Das Ifo-Institut für Wirtschaftsforschung wurde 1949 gegründet. Bekannt ist es durch seine monatlichen Konjunkturumfragen, die im Ifo-Geschäftsklimaindex münden. Präsident ist der rührige Ökonom Hans-Werner Sinn, der das Ifo-Institut über das Center for Economics Studies (CES) mit der Ludwig-Maximilians-Universität in München verknüpft hat. Sinn hat das Institut 1999 übernommen, es stärker europaweit ausgerichtet und zu neuem Glanz geführt. Das Institut ist in der Forschung breit aufgestellt: Schwerpunkte sind Konjunktur und Finanzmärkte, der öffentliche Sektor, Sozialpolitik und Arbeitsmärkte, und - als Besonderheit - der internationale Institutionenvergleich. 162 Mitarbeiter, davon 94 Wissenschaftler werden vom Ifo-Institut beschäftigt; die Konjunkturabteilung zählt 10 Ökonomen. Das Ifo-Institut verfügt über einen Etat von rund 12,7 Millionen Euro; ein Viertel stammt aus Drittmitteln. Das Ifo-Institut, das eine Außenstelle in Dresden unterhält, gehört als Service-Einrichtung der Leibniz-Gemeinschaft an. Das bedeutet, dass die Grundfinanzierung zu zwei Dritteln vom Bund und zu einem Drittel von den Ländern getragen wird.
Die schweizerische Kof wurde 1938 gegründet; sie ist bekannt für die Umfragen zum Geschäftsklima in der Schweiz und ihre nationalen Konjunkturprognosen. Das Institut wird von der Eidgenössischen Technischen Hochschule, der Schweizerischen Gesellschaft für Konjunkturforschung und einem Förderverein getragen. Seit 2006 steht der junge Ökonom Jan-Egbert Sturm dem Institut vor; er war früher Leiter der Konjunkturabteilung am Ifo-Institut. Die Kof verfügt über einen Etat von rund 5 Millionen Franken, rund 30 Prozent davon stammen aus der Auftragsforschung. Sie beschäftigt 40 Mitarbeiter, darunter 30 Forscher.
Institut für Wirtschaftsforschung Halle, IWH,
Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung, IMK, Düsseldorf, und
Österreichisches Institut für Wirtschaftsforschung, Wifo, Wien
Das IWH wurde 1992 als Teil des staatlichen Aufbaus Ost gegründet. Das Institut beschäftigt 51 Wissenschaftler, 14 gehören der Abteilung Makroökonomie und Konjunkturforschung an. Lag der inhaltliche Schwerpunkt zunächst auf der Analyse des Wandels in Ostdeutschland und Osteuropa von der Plan- zur Marktwirtschaft, richtet sich das Institut unter dem Direktor Ulrich Blum zunehmend am Forschungsschwerpunkt "Institutioneller Wandel und globale Integration" aus. Der Etat betrug 2006 gut 5 Millionen Euro; rund 10 Prozent stammen aus Drittmitteln. Das IWH gehört als Forschungsinstitut der Leibniz-Gemeinschaft an.
Das IMK ist das jüngste der deutschen Institute und wurde von der gewerkschaftseigenen Hans-Böckler-Stiftung 2005 gegründet, um dem keynesianisch orientierten Konjunkturforscher Gustav Horn eine neue Heimat zu geben. 14 Mitarbeiter beschäftigen sich mit der Konjunkturanalyse und der Wirtschaftspolitik, mit Fragen von Deflation und Inflation sowie des Arbeitsmarktes.
Das Wifo wurde 1927 von den Ökonomen Friedrich August von Hayek und Ludwig von Mises gegründet. Das Institut erstellt zusammen mit dem IHS Konjunkturprognosen für die Regierung. Leiter ist Karl Aiginger. Der Etat beträgt 11 Millionen Euro; das Institut beschäftigt 100 Mitarbeiter, davon 25 in der Konjunkturforschung.
Die Verlierer:
Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung, DIW, Berlin, und
Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung, ZEW, Mannheim
Das DIW in Berlin wurde 1925 als Institut für Konjunkturforschung gegründet. Das DIW ist das größte deutsche Wirtschaftsforschungsinstitut; der Etat betrug 2006 rund 18,8 Millionen Euro. 38 Prozent werden durch Aufträge finanziert. Unter den 184 Mitarbeitern sind 96 Wissenschaftler; 12 sind in der Konjunkturabteilung tätig. Galt das DIW lange Zeit als keynesianisch-linkslastig, hat Präsident Klaus Zimmermann seit 2000 die wissenschaftliche Qualität deutlich erhöht. Das Institut deckt ein breites Forschungsfeld ab. Viel Medienpräsenz erreicht es durch seine Arbeiten zum Klimawandel. Ein besonderer Schwerpunkt ist das Sozioökonomische Panel, eine seit Jahren laufende Befragung von 12 000 privaten Haushalten. Das DIW gehört als Forschungsinstitut der Leibniz-Gemeinschaft an.
Das ZEW in Mannheim, gegründet 1991, beschäftigt 153 Mitarbeiter, darunter 100 Forscher. Präsident Wolfgang Franz verwaltet 13 Millionen Euro, 40 Prozent davon sind eingeworbene Drittmittel. Wichtige Schwerpunkte sind neben der Wachstumsanalyse die Finanzmärkte, Arbeitsmärkte und Soziale Sicherung, Industrieökonomik, Unternehmensbesteuerung, die öffentliche Finanzwirtschaft und Umweltthemen. Das ZEW gehört als Forschungsinstitut der Leibniz-Gemeinschaft an.
Institut der deutschen Wirtschaft, IW, Köln
Das arbeitgebernahe Institut in Köln wurde 1951 von Wirtschaftsverbänden gegründet. Es vertritt eine marktwirtschaftliche Linie und forscht in der Bildungs-, Arbeitsmarkt-, Wirtschafts- und Sozialpolitik. Direktor Michael Hüther überwacht einen Etat von rund 10 Millionen Euro plus Drittmittel in etwa gleicher Höhe. Das rein privatwirtschaftlich finanzierte IW beschäftigt rund 90 Forscher.
Nicht berücksichtigt hat das Ministerium ferner das Bak-Institut aus Basel in der Schweiz.
Text: pwe./ppl. / F.A.Z., 04.07.2007, Nr. 152 / Seite 10
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