Demographie

Japan ist am Wendepunkt

07. August 2006 Der Gipfel ist überschritten, die Einwohnerzahl Japans sinkt. Während das Land gerade Italien als „weltälteste Nation“ mit 21 Prozent der Bevölkerung im Rentenalter abgelöst hat, ging nun auch die Zahl der Einwohner auf 127,65 Millionen zurück.

Wie das Tokioter Ministerium für Interne Angelegenheiten am Wochenende bekanntgab, war das der erste Rückgang seit Ende des Zweiten Weltkriegs. Zwischen April 2005 und März 2006 überstieg die Zahl der Todesfälle erstmals die der Geburten. Im vergangenen Jahr kamen 1,06 Millionen Kinder zur Welt, 4 Prozent weniger als im Vorjahr. Dem stand ein Anstieg der Todesfälle um 5 Prozent auf 1,07 Millionen gegenüber.

Sehr hohe Lebenserwartung

„Japan ist am Wendepunkt“, sagte Sozialministerin Kuniko Inoguchi. „Unsere sozial-, fiskal- und wirtschaftspolitischen Aufgaben sind riesig.“ Für die kommenden Jahre geht sie von einer weiteren Verringerung der Einwohnerzahl aus. Das Nationale Institut für Bevölkerungsentwicklung und Soziale Sicherheit (NIBS) rechnet damit, daß im Jahr 2020 noch 124 Millionen und 2050 knapp 100 Millionen Menschen in Japan leben werden.

Der Anteil junger Japaner unter 15 Jahren liegt derzeit mit 13,6 Prozent an der Gesamtbevölkerung auf dem tiefsten Stand der ganzen Welt. Mit einer durchschnittlichen Lebenserwartung von 78 Jahren für Männer und 85 Jahren für Frauen wird kaum ein anderes Volk älter.

Reformen beschleunigen

„Die demographische Entwicklung ist dramatisch“, sagte Finanzminister Sadakazu Tanigaki. Die Regierung werde ihre Reform beschleunigen müssen, um einen Kollaps der Sozialsysteme zu verhindern. Mit dem Schrumpfen der Bevölkerungszahl werde einerseits die Nachfrage auf dem Konsummarkt, andererseits die Zahl der Arbeitskräfte zurückgehen, falls keine größeren Zuwanderungen zugelassen und die Erwerbsquote nicht gesteigert würden.

Matsutani Akihiko, Professor am Nationalen Graduierten Institut für Politische Studien (NGIPS), prognostizierte, daß sich die Zahl der Arbeitskräfte bis 2030 um etwa 10 Millionen auf 54 Millionen verringern werde. Um volkswirtschaftliche Wohlstandsverluste zu vermeiden, müßten die Unternehmen ihre Produktivität rasch erhöhen.

Autobauer gehen nach Übersee

Konzerne wie Japans Autobauer richten sich schon auf die demographische Entwicklung ein. Als Mitte der siebziger Jahre die Geburtenquote unter die Reproduktionsrate von 2,1 Prozent je Frau rutschte, forcierten sie ihre Auslandspläne. Mit hohen Wachstumsraten rechnen sie heute nur noch in Übersee. Daher bauen sie neue Fabriken vor allem in Amerika, China und Mitteleuropa.

„Wir haben einige grundsätzliche Probleme in diesem Land“, sagte Sozialministerin Inoguchi. Um sie zu beheben, müßten die Unternehmen ihre Einstellungspolitik gegenüber jungen Frauen ändern. Auch sei es nicht hinnehmbar, warum junge Mütter einen großen Teil ihrer Kosten für Schwangerschaft und Geburt nicht über Krankenkassen abrechnen könnten.

Jeder fünfte Japaner ist Rentner

Darüber hinaus sei gegen Altersarmut vorzugehen, ohne das Renten- und Gesundheitssystem in den Bankrott zu schicken. In Japan erreicht momentan die kurz nach dem Zweiten Weltkrieg geborene Generation der „Baby-Boomer“ das Pensionsalter. Liegt die Geburtenquote heute bei 1,25 Prozent, lag sie damals bei 4,3 Prozent.

Mit dieser Generation könnten bis 2010 knapp 7 Millionen Menschen in Rente gehen. Das wären fast 10 Prozent der arbeitenden Bevölkerung. Nach Regierungsangaben zählt Japan heute schon 26 Millionen Menschen im Rentenalter, jeder fünfte Japaner. 2015 wird nach Einschätzung des Nationalen Instituts für Bevölkerungsentwicklung jeder vierte in Rente sein.

Fünfjahresplan für mehr Geburten

Um die Probleme der Pensionskassen zu entschärfen, hebt die Regierung gerade das Renteneintrittsalter von 60 auf 65 Jahre an, erhöht den Rentenbeitragssatz um jährlich 0,35 Prozent von momentan 13,6 auf 18,3 Prozent und kürzt die Rentenleistung von 59 auf 50 Prozent des Gehalts. Um eine unkontrollierbare Kostensteigerung im Gesundheitswesen zu verhindern, schraubte sie die Beitragssätze hoch und beteiligte die Patienten mit 30 Prozent an den Behandlungskosten.

Sozialministerin Inoguchi spult unterdessen ein auf fünf Jahre angelegtes Paket zur Erhöhung der Geburtenrate ab. Es zielt auf eine bessere Vereinbarung von Beruf und Familie. Zwei dieser Fünfjahrespläne gab es schon. Die Ergebnisse waren bescheiden.

Text: F.A.Z., 07.08.2006, Nr. 181 / Seite 9, fib.
Bildmaterial: F.A.Z.

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2009.
Alle Rechte vorbehalten.
Vervielfältigungs- und Nutzungsrechte erwerben
Verlagsinformation

Die perfekte Wohnung oder das ideale Haus zum Kaufen oder Mieten: Jetzt über 960.000 Angebote bei Immowelt.de und FAZ.NET!

Dax
Tec
Dow
Nas
18.12.2009 | 17:45
Dax 5.831,21
−0,23 %
 
        Vortag
21.12.2009 | 02:54
Name Kurs in %
DAX 5.831,21 −0,23%
TecDAX 815,34 −0,05%
MDAX 7.393,75 −0,14%
SDAX 3.555,37 +0,22%
REX 378,74 +0,12%
Eurostoxx 50 2.871,22 −0,71%
Dow Jones 10.328,90 +0,20%
Nasdaq 100 1.807,36 +1,64%
S&P500 1.102,47 +0,58%
Nikkei225 10.142,00 −0,21%
EUR/USD 1,4323 +0,07%
Rohöl Brent Crude 74,07 $ +0,28%
Gold 1.104,50 $ −1,12%
Bund Future 123,43 € −0,01%
FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche