Erklär mir die Welt (1)

Warum geht die Wirtschaft mal rauf und mal runter?

Von Gerald Braunberger

Beeinflussen Sonnenflecken (Nasa-Foto) das Wachstum?

Beeinflussen Sonnenflecken (Nasa-Foto) das Wachstum?

Vielleicht liegt es ja an den Sonnenflecken. Das dachte jedenfalls William Stanley Jevons, einer der bedeutendsten Ökonomen des 19. Jahrhunderts. Die Sonnenflecken beeinflußten den Ertrag der Ernten und damit die gesamte Wirtschaft, meinte Jevons, der so eine der berühmtesten Erklärungen für das Auf und Ab der Wirtschaft, in der Fachsprache Konjunktur genannt, gefunden hatte.

Freilich war der Brite nicht der erste Konjunkturforscher. Im Alten Testament wird berichtet, Josef habe einen Traum des ägyptischen Pharaos dahingehend gedeutet, daß sieben guten Jahren sieben schlechte folgen würden. Von Sonnenflecken war als Ursache damals nicht die Rede, vielmehr entsprangen Auf- und Abschwung eher dem Willen des Herrn. Josef beschied sich jedoch nicht mit einer Konjunkturprognose: Mit Billigung des Pharaos baute er Silos zur Lagerung des Getreides aus den guten Jahren für die danach folgenden schlechten Jahre.

Am Anfang steht ein Definitionsproblem

Seit den Tagen von Josef und Jevons hat die Erforschung der Konjunktur einen erheblichen, ganze Bibliotheken füllenden Aufschwung genommen. Doch um mit der Tür ins Haus zu fallen: Eine klare und eindeutige Antwort auf die Frage, was das Auf und Ab der Wirtschaft begründet, fällt noch immer nicht leicht.

Am Anfang steht ein Definitionsproblem. Lange Zeit war es üblich, als Konjunktur nur das Auf und Ab der Wirtschaft in einem kurzen Zeitraum von ein paar Jahren zu verstehen. Die Untersuchung der langfristigen Entwicklung der Wirtschaft sah dieses Verständnis nicht vor. Diese Trennung verschwindet allmählich.

Die Sonnenflecken und der Wille des Herrn

Eine in Lehrbüchern verbreitete idealtypische Darstellung bildet eine Sinuskurve ab, die einen mehrere Jahre währenden Zyklus symbolisieren soll: Einem Aufschwung der Wirtschaft folgt ein kurzfristiger Boom (das ist der Höhepunkt der Kurve), an den sich ein Abschwung anschließt, der nach Durchschreiten eines Tals (der Tiefpunkt der Kurve) in einen neuen Aufschwung mündet. Der Verlauf der deutschen Konjunktur zwischen Mitte der fünfziger und Mitte der sechziger Jahre ähnelt einer Sinuskurve. Leider sind solche idealtypischen Auf- und Abschwünge eher die Ausnahme als die Regel.

In der Wirklichkeit erscheint alles möglich: Manchmal wachsen Wirtschaften über einen langen Zeitraum mit hohen Raten, in anderen Fällen wurden lange Phasen nur sehr geringen Wachstums registriert - zum Beispiel in Italien in den vergangenen Jahren. Anfang der dreißiger Jahre hingegen brach die Wirtschaft so fürchterlich ein wie noch nie zuvor - und brauchte Jahre, um sich zu erholen. Dieser Vielfalt von Schwankungen in der Realität entspricht eine Vielfalt von Erklärungen des Konjunkturphänomens. Die Sonnenflecken und der Wille des Herrn sind allerdings aus der Mode gekommen.

Vor allem technischer Wandel beeinflußt die Konjunktur

Eine besonders einflußreiche Erklärung stammt aus Amerika und trägt den etwas abschreckenden Namen „Theorie realer Konjunkturzyklen“. Zu den Vätern dieser Theorie zählen die beiden Nobelpreisträger des Jahres 2004, Edward Prescott und Finn Kydland. Das Wort real bedeutet: Die Ökonomen tun in ihren Untersuchungen so, als funktioniere die Wirtschaft ohne Geld. Das klingt zwar zunächst ziemlich absurd, ist aber aus Gründen der Vereinfachung eine gängige Arbeitshypothese.

Der Grundgedanke der Theorie lautet, daß Schwankungen der Wirtschaft das Ergebnis zufälliger und nicht prognostizierbarer Einflüsse seien. Dabei kann es sich um Naturkatastrophen handeln, Veränderungen der Wirtschaftspolitik (wie eine drastische Steuererhöhung), eine dramatische Verteuerung von Energie oder um bahnbrechende Erfindungen. Die Theorie arbeitet meist mit der Annahme, vor allem technischer Wandel beeinflusse die Konjunktur. In diesem Lichte ließe sich der in manchen Ländern kräftige Konjunkturaufschwung Ende der neunziger Jahre als Folge der „new economy“ erklären.

Ein Blick in die Vergangenheit lehrt Erstaunliches

Neu ist die Idee, der technische Fortschritt bestimme die wirtschaftliche Entwicklung, nicht. Mitte der zwanziger Jahre des 20. Jahrhunderts vertrat der sowjetische Ökonom Nikolai Kondratjew die Ansicht, die wirtschaftliche Entwicklung der Industrienationen verlaufe in etwa 50 Jahre langen Zyklen, wobei gegen Ende des Zyklus zahlreiche Erfindungen gemacht würden, die den nächsten Aufschwung und damit den nächsten Zyklus einläuteten.

Moderne Ökonomen stehen dem Konzept der Kondratjew-Zyklen skeptisch gegenüber. Sie erkennen keinen Grund für einen gesetzmäßigen Ablauf der Wirtschaftsentwicklung, sondern nehmen an, technischer Fortschritt sei unvorhersehbar. Doch lehrt ein Blick in die Vergangenheit Erstaunliches: So läßt sich die Zeit von 1780 bis 1849 als erste Phase der Industrialisierung verstehen mit der Dampfmaschine als wichtigster Erfindung; diese Periode heißt daher „Dampfmaschinen-Kondratjew“.

Ihm schloß sich von 1849 bis 1890, dem Zeitalter des Eisenbahnbaus, der „Eisenbahn-Kondratjew“ an. Der Zyklus zwischen 1890 und 1940 wird als „Elektrotechnik- und Chemie-Kondratjew“ bezeichnet, dem von 1940 bis 1990 der „Automatisierungs-Kondratjew“ folgte. Seit 1990 befinden sich die Industrienationen nach dieser Lesart in einem „Informations- und Kommunikations-Kondratjew“.

Wirtschaftlicher Abschwung durch zu großes Sparen?

John Maynard Keynes (1944)

John Maynard Keynes (1944)

Einflüsse wie technischer Fortschritt oder Naturkatastrophen reichen oft nicht aus, das Auf und Ab der Wirtschaft zu erklären. Nach einem Bonmot ist die Beschäftigung mit Wirtschaftstheorie ohne eine Betrachtung des Geldes so sinnvoll wie „Hamlet“ ohne die Hauptfigur, den Prinzen von Dänemark. Vielleicht liegt es ja auch am Geld - vor allem, wenn es nicht ausgegeben wird?

Schon seit langer Zeit existiert die These, ein wirtschaftlicher Abschwung entstehe durch zu großes Sparen der Bürger und zu geringe Investitionen der Unternehmen. Denn die Welt ist unsicher, und so mögen Menschen aus Gründen der Vorsicht oder wegen negativer Zukunftserwartungen viel sparen und die Unternehmen wenig investieren. In diesem Fall stürzt die Wirtschaft in eine Krise, aus der sie sich möglicherweise nicht mehr aus eigener Kraft befreien kann.

Die Stimmung hat zumindest kurzfristig Einfluß

Diese Ansicht wurde in der Weltwirtschaftskrise der dreißiger Jahre von dem Briten John Maynard Keynes popularisiert - der Grundgedanke ist allerdings viel älter. Daß der Wirtschaftsverlauf zumindest kurzfristig von Stimmungen der Menschen abhängig sein kann, wird heute kaum bestritten. Eine allgemeingültige Theorie entstand daraus jedoch nicht.

So streiten bis heute namhafte Fachleute über die Frage, worin die Ursache der Weltwirtschaftskrise der dreißiger Jahre bestanden hat. Manche meinen, damals habe zu wenig Geld zirkuliert, andere behaupten allen Ernstes, die hohe Arbeitslosigkeit sei das Ergebnis eines Anfalls von Massenfaulheit gewesen. Vielleicht waren es ja doch die Sonnenflecken.

Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 18.06.2006, Nr. 24 / Seite 60
Bildmaterial: F.A.S., F.A.Z., picture-alliance / dpa

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