28. Februar 2007 An diesem Mittwoch legt der indische Finanzminister Shri Palaniappan Chidambaran den neuen Haushalt des Landes vor. Die allgemeine wirtschaftliche Lage ist vielversprechend; Indien muss sich mit seinen Wachstumsraten kaum mehr hinter dem chinesischen Nachbarn verstecken.
Das Investmenthaus Goldman Sachs beispielsweise erwartet, dass Indien mindestens bis zum Jahr 2020 eine Wachstumsrate von 8 Prozent aufrechterhalten kann. Barun Mitra, Direktor des Liberty Institute in Delhi, einer 1996 gegründeten unabhängigen Denkfabrik, sieht Indien mit seinen demokratischen und rechtsstaatlichen Institutionen gegenüber China auch mittelfristig in einer besseren Position. Der Wandel von einer agrarischen zu einer nichtagrarischen Wirtschaft indessen sei den Chinesen viel besser geglückt.
Herr Mitra, Indien ist seit einigen Jahren dabei, sich von einer agrarisch geprägten Wirtschaft in ein Land der Hochtechnologie und der Dienstleistungen zu wandeln, und überspringt dabei den weiteren Ausbau der Industrie. Der Dienstleistungssektor ist heute schon größer als Landwirtschaft und Industrie zusammen. Ist das tragfähig?
Nein. Ein solches Entwicklungsmodell ist ganz bestimmt nicht tragfähig. So etwas ist in der ganzen Wirtschaftsgeschichte der Menschheit noch nie von Erfolg gekrönt gewesen. Und wir merken hierzulande auch warum: Man kann nämlich die geringqualifizierten Arbeitskräfte aus der Landwirtschaft nicht einfach so ins Dienstleistungsgewerbe stecken.
Für hochkomplexe Dienstleistungen gilt das sowieso, aber auch für die einfacheren Dienstleistungen. Ein indischer Feldarbeiter kann nicht locker Hamburger bei McDonald's verkaufen. Dazu müsste er erst einmal vernünftiges Englisch sprechen. Diese Problematik hat mittlerweile auch die indische Regierung verstanden. Deshalb bemüht sie sich seit etwa zwei Jahren - und insbesondere der Finanzminister -, die Industrie auf die Beine zu bringen. Zum ersten Mal seit wohl zwanzig Jahren hören wir, dass der neue Haushalt diesem Ziel gewidmet sein soll.
Hat China Indien da etwas voraus?
Ja. China wird zwar mittelfristig das Problem bekommen, dass der Übergang zur Dienstleistungsgesellschaft nur in einem wirklich freien Land gelingen kann. Kreativität braucht Offenheit. Und die fehlt in China. Aber jetzt, auf der gegenwärtigen Entwicklungsstufe, hat Indien aufgrund seines bisherigen Entwicklungsmodells im Vergleich mit China eine ernstzunehmende Schwäche.
Die Chinesen haben frühzeitig ihre Industrie ausgebaut und so den Wandel von einer agrarischen zu einer nichtagrarischen Wirtschaft auf eine sichere Grundlage gestellt. So wurden dort viele Arbeitsplätze für geringqualifizierte Menschen geschaffen. Das hat geholfen, die Armut wirksam zu bekämpfen - wenigstens so weit, dass ein gewisses Existenzminimum für die meisten Bürger gewährleistet ist. In Indien ist das nicht geglückt.
Woran liegt das?
Das hat viel mit den komplizierten, langwierigen Genehmigungsverfahren hierzulande zu tun und natürlich mit der Regulierung des Arbeitsmarkts - mit dem Kündigungsschutz, der den Unternehmen ihre Flexibilität nimmt, und mit dem staatlichen Mindestlohn. Niemand wird schließlich in einem Land wie Indien, in dem der Produktionsfaktor geringqualifizierte Arbeit reichlich vorhanden ist, Arbeiter zu Löhnen wie in einem kapitalintensiv produzierenden Land beschäftigen. Die Löhne sind gerade für geringqualifizierte Arbeit drei- bis viermal so hoch wie der markträumende Preis. Das ist völlig absurd! Wir haben uns mit diesen Regulierungen selbst den Weg verstellt, um die geringqualifizierten Menschen aus der Landwirtschaft in einfache Jobs in der Industrie zu bringen.
Wie soll nun die Industrie auf die Beine gebracht werden? Mit Subventionen?
Subventionen - in einem armen Land wie Indien ist das nicht das Thema. Es geht eher um eine Liberalisierung der Wirtschaft. Da ist schon einiges geschehen. Wir haben eine Verkürzung der Genehmigungsverfahren erlebt, auch eine Senkung der Zölle und Steuern. Das hat wenigstens einen Teil der indischen Industrie dem internationalen Wettbewerb ausgesetzt, und das ist hilfreich.
Aber die Investoren halten sich weiter zurück. Sie wissen, dass die Gewerkschaften hierzulande einigermaßen mächtig und radikal sind. Auch haben wir allmählich keine Reserven an qualifizierter Arbeit mehr. Manche Unternehmen nehmen die Ausbildung der Leute schon selbst in die Hand, auch wenn das nun wirklich nicht ihre Kernkompetenz ist - aber die Regierung hat es nun einmal verschlafen, den Ausbildungsmarkt zu öffnen und dort mehr Wettbewerb zuzulassen.
Was ist die Konsequenz?
Sogar einheimische Unternehmer denken darüber nach, ihre Produktion ins Ausland zu verlagern. Das gilt nicht nur für die komplexen, sondern sogar auch schon für die einfacheren Dienstleistungen. Besonders attraktiv für Call-Center beispielsweise sind die Philippinen. Die dortige Bevölkerung spricht einfach ein viel besseres Englisch als die unqualifizierten Kräfte aus Indien.
Genauso will es schon auch etwas bedeuten, wenn ein Unternehmer wie Lakshmi Mittal, der zwar britischer Staatsbürger, aber immerhin indischen Ursprungs ist, bis vor zwei Jahren nicht einmal im Traum darüber nachdachte, hierzulande zu investieren. Auch jetzt ist er nur dabei, in Gesprächen mit der indischen Regierung die Möglichkeiten zu sondieren. Und das Konglomerat Tata, die größte private Unternehmensgruppe des Landes, überlegt eher, im Ausland noch Beteiligungen zu erwerben, als weiter im Inland zu expandieren. Das alles wirft kein gutes Licht auf den Stand der Reformen in Indien. Da muss noch einiges geschehen.
Ausländische Investoren klagen auch viel über die ungenügende Infrastruktur in Indien.
Ja. Auch da stellen wir uns wieder selbst ein Bein. Viele Unternehmen sind bereit, selbst für die Infrastruktur zu sorgen und beispielsweise Straßen zu bauen, für die sie dann eine Maut berechnen. Aber das ist nicht erwünscht. Das Gleiche gilt für die Energieversorgung. Da haben wir einen staatlichen Monopolisten. Es gibt ständig Stromausfälle. Aber niemand darf die Lücken füllen, über einen kleinen Dieselgenerator im Garten hinaus, für den Eigenbedarf. Und der verschmutzt die Luft. Das ist völlig ineffizient.
Wir leiden unter lauter hausgemachten, politisch verursachten Engpässen. Die Inder sind da findig und basteln sich informelle Alternativen. Da wir nicht in einem autoritären Staat wie China oder einst die Sowjetunion leben, werden die damit verbundenen Regelbrüche sogar akzeptiert, ohne dass es uns Kopf und Kragen kostet. Das hat immerhin die Kultur des dynamischen Unternehmertums bei uns überleben lassen. Aber richtig reich werden kann so niemand. Ein selbsttragendes Wachstum kommt allein in der informellen Wirtschaft nicht zustande.
Wenn man nun Indien und China vergleicht - wer hat die besseren Chancen?
Das ist nicht so einfach zu beantworten. China hat schon das größere Transformationsproblem, weil es die Marktwirtschaft erst wieder neu erlernen muss. Aber die Reformen dort sind beeindruckend. So paradox es klingen mag - ein besonderer Antriebsmotor dort ist die fehlende demokratische Legitimität der Regierung. Sie steht unter erheblichem Druck, sich mit einer Hebung des Wohlstands in der Bevölkerung Legitimität zu verschaffen, und handelt danach. Die indische Regierung hingegen ist demokratisch legitimiert und ruht sich darauf ein wenig aus. Außerdem ist sie viel offener für den Einfluss von Interessengruppen aller Art. Die Auswüchse der Patronage gehen hier schon sehr weit.
Hilft da nicht die politische Dezentralisierung, die in den vergangenen Jahren in Indien stattgefunden hat?
Schon. Eine Menge. Dabei war diese durchaus kein gewollter Prozess, sondern sie ergab sich aus der zunehmenden Fragmentierung der indischen Gesellschaft. Wir haben jetzt viel mehr regionale Parteien als früher, und die Kongress-Partei (INC) hat ihre frühere Dominanz verloren. Es gibt jetzt wirklich politischen Wettbewerb, und der Föderalismus erlebt in Indien eine echte Chance. Ebenso die Marktwirtschaft.
Zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit schickt sich eine demokratische Volkswirtschaft an, mit zweistelligen Raten zu wachsen. Das ist eine Folge des Wettbewerbs - des wirtschaftlichen und des politischen. Da wird China mittelfristig nicht mithalten können, wenn es sein politisches System nicht grundlegend wandelt. Man kann ein solches Riesenreich wie China nicht dauerhaft so autoritär steuern wie den Stadtstaat Singapur.
Das Gespräch führte Karen Horn.
Text: F.A.Z., 28.02.2007, Nr. 50 / Seite 14
Bildmaterial: privat
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