Von Bettina Schulz, Norbert Kuls und Benedikt Fehr
22. Mai 2008 Wachsende Besorgnis über ein Abgleiten der Weltwirtschaft in eine Phase andauernder Stagflation hat den jüngsten Aufschwung an den Aktienmärkten jäh abbrechen lassen. Nachdem der Ölpreis für die Sorte WTI am Donnerstag seinen rasanten Anstieg auf mehr als 135 Dollar je Barrel (159 Liter) fortgesetzt hat, ist die Einschätzung verflogen, dass die Finanzmarktkrise überstanden sei. Stattdessen konzentrieren sich die Marktteilnehmer zunehmend auf die Gefahr einer bevorstehenden Stagflation. So wird in der Fachwelt eine Phase schwachen Wirtschaftswachstums bei gleichzeitig deutlich steigender Inflation bezeichnet.
An der Wall Street verlor der Dow-Jones-Index am Mittwoch 1,8 Prozent, am Donnerstag sorgten unerwartet gute Zahlen vom Arbeitsmarkt zunächst für eine leichte Kurserholung. Der Euro-Stoxx-50-Index für die wichtigsten Kurse im Euro-Raum verlor am Mittwoch 0,7 Prozent. Der unerwartete Anstieg des Ifo-Konjunkturbarometers habe positiv überrascht und den Kursabschwung gebremst, berichteten Händler. Am Donnerstag drehte der Index im Schlepptau der Wall Street leicht ins Plus.
Nicht nur der hohe Ölpreis und die stetig steigenden Preise an den Märkten für Rohstoffe und Grundnahrungsmittel alarmieren die Marktteilnehmer. Beunruhigt reagierten die Märkte vor allem auch darauf, dass die amerikanische Notenbank Fed ihre Prognose für das Wirtschaftswachstum in diesem Jahr auf eine Spanne von nur noch 0,3 bis 1,2 Prozent herabgesetzt hat; noch vor drei Monaten war sie von einem Wirtschaftswachstum von 1,3 bis 2 Prozent ausgegangen. Gleichzeitig schraubte die Fed ihre Inflationsprognose von 2,1 bis 2,4 Prozent nun deutlich auf 3,1 bis 3,4 Prozent in die Höhe, wie sich aus dem Protokoll der Fedsitzung vom 29. und 30. April ergibt.
In dem Gesprächsprotokoll signalisiert die Fed, dass die Leitzinsen in nächster Zeit stabil bleiben werden. Die Geldpolitiker sorgen sich wegen des Anstiegs der Inflation; das Votum für die jüngste Leitzinssenkung sei deshalb eine knappe Entscheidung gewesen, heißt es. Die Fed hatte die Zinsen Ende April um 0,25 Prozentpunkte auf 2 Prozent zurückgenommen. Falls es noch Zweifel daran gegeben haben sollte, dass die Fed eine Pause angedeutet hat - diese Zweifel sind nun verschwunden, sagte Christopher Low, Chefökonom beim Wertpapierhaus FTN Financial. Die Fed rechnet mit erhöhter Inflation und einem bedeutsamen Anstieg der Arbeitslosigkeit.
Trotz des abflauenden Wirtschaftswachstums belief sich der Anstieg der Verbraucherpreise in den Vereinigten Staaten im April auf 3,9 Prozent. In Großbritannien ist die Inflation auf 3 Prozent und im Euro-Raum auf 3,3 Prozent geklettert. Dies ist deutlich mehr, als es die Inflationsziele der Bank von England und der Europäischen Zentralbank (EZB) erlauben. Die jüngste Entwicklung hat Erinnerungen an die Stagflation in den siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts wachgerufen, als die damalige Ölkrise gepaart mit einer zu expansiven Geldpolitik der Notenbanken zu einer Stagnation des Wirtschaftswachstum bei zweistelligen Preissteigerungsraten führte.
EZB-Präsident Jean-Claude Trichet hat unlängst darauf hingewiesen, dass die Lohn-Preis-Spirale in den siebziger Jahren dauerhafte Massenarbeitslosigkeit in Europa ausgelöst habe. Damit sich dies nicht wiederhole, müsse die Inflationsbekämpfung derzeit höchsten Vorrang haben. Aufgrund dieser Warnungen sind die Spekulationen, das die EZB demnächst ihren Leitzins zur Stimulierung der Konjunktur senken könnte, weitgehend verflogen. Als Folge ist die Rendite zweijähriger Bundesanleihen seit ihrem Tief Mitte Februar von 2,9 auf zuletzt 4,2 Prozent gestiegen.
Üblicherweise ebbt die Inflation in Zeiten schwachen Wirtschaftswachstums ab, da die geringere Nachfrage den Spielraum der Unternehmen zu Preiserhöhungen verringert. Anders als bei früheren Konjunkturflauten sorgt die starke Nachfrage der Schwellenländer nach Öl, Rohstoffen und Grundnahrungsmitteln aber für einen Inflationsschub auf der ganzen Welt. Anders als bei den letzten drei amerikanischen Rezessionen befindet sich die Welt daher in einem inflationären und nicht deflationären Umfeld. Anders auch als während der vergangenen Rezessionen hat die Fed dieses Mal die Zinsen wesentlich schneller und aggressiver gesenkt als zuvor.
Der Grund für die Stagflation ist eine zu laxe weltweite Geldpolitik der Notenbanken, warnt Joachim Fels, Chefvolkswirt bei Morgan Stanley. Während die globale Inflation derzeit etwa 5 Prozent ausmache, liege der globale Geldmarktzins nur bei 4,3 Prozent. Der reale Zins sei somit negativ, was die Inflation anheize. Gleichzeitig bemühen sich Länder wie die Vereinigten Staaten, mit einer expansiven Fiskalpolitik auf die konjunkturelle Flaute zu reagieren. Ähnlich wie in den siebziger Jahren exportieren die Vereinigten Staaten ihre zu laxe Geldpolitik in viele Länder, die ihre Währungen an den abwertenden Dollar gekoppelt haben. Über hohe Importpreise treibt dies auch in diesen Ländern die Teuerung an.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: F.A.Z.
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