11. Januar 2007 Als Vietnam im November die zwanzig Staats- und Regierungschefs des Asiatisch-Pazifischen Wirtschaftsforums (Apec) zu Gast hatte, fanden die Teilnehmer etwas Besonderes in der obligatorischen Konferenztasche: Neben den üblichen Werbebroschüren und Bildbänden über Land und Leute legten die Veranstalter ein hochwertiges Business-Hemd bei - aus vietnamesischer Produktion. Das Geschenk glich einer stummen Demonstration nach dem Motto: Das können wir, und bald werdet ihr mehr davon haben.
Die Textilindustrie Vietnams stand im Mittelpunkt der langwierigen Verhandlung über die Aufnahme in die Welthandelsorganisation (WTO), die im November abgeschlossen wurde und an diesem Donnerstag mit dem formalen Beitritt Vietnams Geschichte wird. Elf Jahre dauerte es, bis der am Ende 900 Seiten dicke Katalog der Beitrittsklauseln unterschriftsreif war. Fachleute sind sich einig, dass bisher keines der später zur WTO hinzugestoßenen Länder so strenge Auflagen erfüllen musste wie Vietnam - das nunmehr hundertfünfzigste Mitgliedsland der Organisation.
Bekleidung, Fischerei und Stahl
Bessere Wettbewerbsbedingungen für die hochkompetitive Textil-, Bekleidungs- und Schuhindustrie besaßen für Vietnam Priorität, weil dieser Schlüsselsektor für ein Viertel aller Exporte steht. Lange war der Weg zu den Auslandsmärkten von Sonderzöllen blockiert, die mehrere WTO-Staaten - darunter die EU - erhoben hatten. Auch die Fischereiindustrie, die ein weiteres Zehntel in der vietnamesischen Exportstatistik ausmacht, gilt als möglicher Gewinner der neuen WTO-Mitgliedschaft, ebenso die Stahlindustrie. Aber längst setzt Vietnam nicht mehr allein auf arbeitsintensive Produktion. In den vergangenen Jahren ist das Land auch als Produzent von Computerkomponenten hervorgetreten - und sogar mit hochqualifizierten Outsourcing-Angeboten.
Die neuen Marktzugangsmöglichkeiten hat sich die Regierung in Hanoi mit weitreichenden Öffnungen der eigenen Wirtschaft erkauft, die zum Teil über das hinausgehen, was WTO-Veteranen wie beispielsweise Indien zu gewähren bereit sind. Insbesondere der Agrarwirtschaft - deren wirtschaftliche Bedeutung zwar kontinuierlich sinkt, die aber noch immer viele Vietnamesen beschäftigt - drohen Fachleuten zufolge schwere Zeiten, wenn nun die internationalen Handelskonzerne dank geringerer Importzölle ins Land drängen und zugleich die staatlichen Zuschüsse aus der Hauptstadt abgebaut werden. Andererseits, sagt Oliver Massmann von der Europäischen Handelskammer in Vietnam (Eurocham), sei aber auch die einheimische Agrarproduktion nicht zu unterschätzen. Insofern ist schwer vorauszusagen, welche Auswirkungen die importierten Waren haben werden.
Importzölle sollen auf bis zu 5 Prozent sinken
Auch für Industrieprodukte und Dienstleistungen aus dem Ausland wird Vietnam nun die Tore weit öffnen. Mit Übergangsfristen von bis zu sieben Jahren will die Regierung in Hanoi die durchschnittlich auf 18 Prozent geschätzten Importzölle je nach Branche auf bis zu 5 Prozent senken. In der Telekommunikation sowie im Banken- und Versicherungsgeschäft hat Vietnam weitgehenden Beteiligungsmöglichkeiten zugestimmt. Ausländische Geldinstitute werden zudem von April an wie inländische behandelt, was ihnen unter anderem ermöglicht, eigene Filialnetze für die 85 Millionen Vietnamesen aufzubauen.
Positive Auswirkungen erwarten Analysten für die Börse, die in den vergangenen Jahren zwar eine Dauerhausse erlebte, aber bei lediglich ein paar Dutzend gelisteten Unternehmen noch immer vergleichsweise kleine Kapitalvolumina bewegt. Auf etwa 3 Milliarden Dollar wird die Marktkapitalisierung des Ho-Chi-Minh-Index geschätzt - das ist ein Titel, mit welchem dem kommunistischen Freiheitshelden, der erst die Franzosen, dann die Amerikaner in die Flucht schlug, ein fast ironisches Denkmal gesetzt wurde.
Ausländische Geschäftsleute sind voll des Lobes
Die Hinterlassenschaften Onkel Hos beschränken sich in Vietnam keineswegs auf kuriose Namen. Noch immer leidet die Wirtschaft strukturell unter dem kommunistischen Erbe, das sich nicht zuletzt in den rund 6000 Staatsunternehmen widerspiegelt, von denen seit Beginn des Doi-Moi-Reformprozesses vor zwanzig Jahren erst ein gutes Drittel privatisiert wurde. Die kommunistische Einheitspartei beschleunigt die Liberalisierung - und bemüht sich zugleich, sozialistische Traditionen zu retten. Insbesondere das System der Staatsgewerkschaften erweist sich zunehmend als überfordert, die neuen Arbeitsbeziehungen zu moderieren. Dies hat sich bereits in größeren Streiks niedergeschlagen. Gleichwohl ist eine Entwicklung zu erkennen, bei der das System langsam von den Rändern her reformiert wird, beobachtet Felix Schmidt, der als Leiter der sozialdemokratischen Friedrich-Ebert-Stiftung in Hanoi eng mit den Gewerkschaften zusammenarbeitet.
Trotz dieser Reibungen sind ausländische Geschäftsleute voll des Lobes für das Land. Mehr als 5 Milliarden Euro investierten internationale Unternehmen im vergangenen Jahr - pro Kopf gerechnet, ziehen die Vietnamesen damit mehr Investitionen an als die Chinesen und Inder. Allein Deutschland ist mit rund 200 Unternehmen im Lande präsent. Die Regierung in Hanoi nehme die Ratschläge von Investoren an und setzte sie in die Praxis um, erklärt Massmann den vietnamesischen Erfolg. Verglichen mit anderen Ländern, die Investoren kaum zuhören, ist das ein sehr positives Beispiel. Der Fachmann, der im Hauptberuf das amerikanische Rechtsberatungsunternehmen Baker&McKenzie in Hanoi vertritt, hebt vor allem die Bemühungen der Regierung hervor, jene Rechtshürden abzubauen, die einer Gleichbehandlung vietnamesischer und ausländischer Unternehmen im Wege stehen. Um seine Vorteile voll ausspielen zu können, müsse Vietnam aber sein Rechtssystem weiter verbessern, sagt er.
Fast 8 Prozent Wirtschaftswachstum
Die Parallelen zu China sind unübersehbar, auch wenn der große Nachbar im Norden nach Einschätzungen von Landeskennern in der Entwicklung zehn Jahre vorauseilt. In beiden Volksrepubliken versucht eine kommunistische Einheitspartei eine wettbewerbsorientierte Wirtschaft gleichzeitig zu entfesseln und unter Kontrolle zu halten. Beide Staaten setzen auf hohe Auslandsinvestitionen, billige Arbeitskräfte und den Export. Mit durchschnittlich fast 8 Prozent Wirtschaftswachstum ist Vietnam nach China (und derzeit ungefähr gleichauf mit Indien) Asiens dynamischste Volkswirtschaft.
Beiden vom Konfuzianismus geprägten Gesellschaften wird überdies eine in Disziplin und Ehrgeiz gründende Arbeitsmoral zugute gehalten. Die Sehnsucht nach wirtschaftlichem Vorankommen scheint dabei über das Verlangen nach mehr politischer Freiheit zu triumphieren. Das entledigt freilich nicht der Risiken, die dem historisch beispiellosen Transformationsprozess kommunistischer Marktwirtschaften innewohnen. Gleichwohl werde Vietnam von den ausländischen Investoren als einer der politisch stabilsten Staaten Asiens wahrgenommen, bilanziert Massmann.
In mancherlei Hinsicht hat das mitunter so titulierte kleine China die Nase vorn. Seine Bevölkerung ist jünger, und noch sind die Löhne geringer als in China. Zudem haben Investoren nicht in gleicher Weise mit Piraterie und Kopierkriminalität zu kämpfen. Nicht zuletzt das Engagement europäischer Unternehmen werde weiter wachsen, wenn die vietnamesische Regierung die Verpflichtungen aus dem WTO-Vertrag umsetze, meint Massmann. Als besonders attraktiv gelten zur Zeit die Infrastruktur sowie der Telekommunikationsmarkt. Die Einschränkung der Redefreiheit hat die Lust am mündlichen Austausch mitnichten gebremst: Noch vor acht Jahren telefonierte nur jeder zehnte Städter mit einem Mobiltelefon - inzwischen benutzt es fast jeder zweite.
Text: job. / F.A.Z., 11.01.2007, Nr. 9 / Seite 10
Bildmaterial: AFP, AP, picture-alliance/ dpa, REUTERS
Bayern LB: Fahrenschon verteidigt sich gegen ![]()
Bettelei ist schließlich kein Verbrechen
| Name | Kurs | in % |
| DAX | 5.626,18 | −1,10% |
| TecDAX | 803,49 | −1,15% |
| MDAX | 7.208,97 | −1,11% |
| SDAX | 3.468,49 | −0,56% |
| REX | 376,86 | +0,01% |
| Eurostoxx 50 | 2.812,83 | −1,28% |
| Dow Jones | 10.270,10 | −0,15% |
| Nasdaq 100 | 1.766,06 | −0,38% |
| S&P500 | 1.091,94 | −1,03% |
| Nikkei225 | 10.004,70 | −1,34% |
| EUR/USD | 1,4719 | +0,12% |
| Rohöl Brent Crude | 75,14 $ | −0,34% |
| Gold | 1.146,75 $ | 0,00% |
| Bund Future | 123,60 € | +0,21% |