16. Januar 2006 Die Angst geht um: Alle Industrie könnte bald aus Deutschland verschwinden. Und dorthin ziehen, wo es billiger geht - in Asien oder Osteuropa. "Wir haben keine Sonderverantwortung für deutsche Standorte", sagt Continental-Chef Manfred Wennemer. Und schließt das Pkw-Reifenwerk in Hannover-Stöcken.
Wie Conti machen es viele. Aber nicht alle. Michelin, dessen Reifen sich nicht sonderlich vom Conti-Gummi unterscheiden dürften, produziert weiterhin in Alteuropa. "Dank effizienter Prozesse und guter Mitarbeiter lohnt sich hierzulande die Produktion trotz des Kostenwettbewerbs", sagt Konzernchef Edouard Michelin.
Warum verlagert ein Unternehmen, warum bleibt es?
Selbst T-Shirts und Pullover, welche die meisten Menschen längst an asiatische Billignäherinnen verloren glaubten, lassen sich immer noch erfolgreich in Europa fertigen. Oder in Amerika: New York, mutmaßlich jenes Pflaster auf der Welt mit den höchsten Löhnen, Steuern und Mieten, zählt immer noch gut 30.000 Jobs in der Textil- und Bekleidungsindustrie.
Globalisierung läuft nicht nach dem Lehrbuch. Oder anders: Die Standortentscheidungen in Zeiten globaler Produktion richten sich nicht nur nach den Lohnniveaus. Das belegt eine neue Studie aus dem renommierten Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Cambridge. Die Forscher wollten wissen: Warum verlagert eine Firma ihre Fertigung (Offshoring)? Warum bleibt sie? Warum entscheidet ein Manager, Teile seines Produkts an Fremde zu vergeben (Outsourcing)? Warum macht er lieber alles selbst?
Endmontage statt kommunistischer Kombinatsstrukturen
"Lego-Wirtschaft" nennt die MIT-Studie die globalen Produktionschancen. Was damit gemeint ist: Heute läßt sich der gesamte Fertigungsprozeß eines Produktes in beliebig viele Teile zerlegen. Da Transportwege schnell und billig geworden sind, spielt es häufig keine Rolle, wer welche Teile an welchen Orten produziert. "Unternehmen können frei entscheiden, wie und wo sie ihr Endprodukt aus den Legosteinen zusammenbauen", sagt Suzanne Berger, die Leiterin des MIT-Forschungsprojekts.
Zu Zeiten der alten Massenproduktion ähnelten die großen internationalen Konzerne in ihrer Organisationsstruktur den Kombinaten im Kommunismus: Zu Ford gehörten noch in den vierziger Jahren neben der kompletten Fahrzeugfertigung eigene Elektrizitätswerke, Feuerwehren, Papiermühlen, Zeitungskioske oder Knabenschulen. Heute beschränken sich die meisten Autohersteller auf die Endmontage; alle Innereien kommen von den Zulieferern.
Globalisierungsmythen werden relativiert
Dell, der Computerhersteller, vergibt sämtliche Arbeit an asiatische Unternehmen; die Endmontage in Amerika dauert gerade viereinhalb Minuten. An einem Apple iPod stammt außer Marke und Designidee gar nichts Physisches mehr von Apple: Die Montage besorgen die Taiwaner. Bei IBM-Laptops, heute nicht mehr als ein Schriftzug auf chinesischen Lenovo-Computern, ist es genauso (siehe Schaubild).
Fünf Jahre lang haben die MIT-Wissenschaftler Interviews geführt und mit den Vorständen von 500 Unternehmen in Ostasien, Europa und Amerika gesprochen. Das Ergebnis relativiert die gängigen Globalisierungsmythen: Dell, Apple, Lenovo/IBM sind nur eine Spielart der neuen Lego-Wirtschaft. Tradition und Fertigungsgewohnheiten zählen für unternehmerische Entscheidungen mehr, als viele denken. Sony, eines der vielen Gegenbeispiele, hält bis heute erfolgreich daran fest, Playstation und vieles andere nur in Fabriken herzustellen, die zu hundert Prozent Sony gehören. Samsung, der koreanische Elektronikkonzern, macht es genauso.
Verlorene Branchen müssen nicht für immer verloren bleiben
Mehr noch: Branchen, die einmal verloren wurden, müssen nicht für immer verloren sein. Beispiel Textil und Bekleidung. Zara, das spanische Modeunternehmen, welches mit über 600 Kaufhäusern in ganz Europa H & M in die Schranken weist, macht buchstäblich alles selbst: weben, nähen, zuschneiden, designen - inklusive der Logistik. Hergestellt werden die Zara-Klamotten nicht in Vietnam, sondern in der spanischen Region Galicien.
Zaras Erfolg heißt Geschwindigkeit. Alle zwei Wochen wechselt das Angebot in den Shops; mit Zulieferern aus Asien wäre das in dieser Zeit nicht zu schaffen. Und der große wirtschaftliche Erfolg rechtfertigt auch die höheren Lohnkosten in Europa.
Was folgt ist tröstlich, aber nicht beruhigend
Was folgt daraus? Für die MIT-Forscher ist die Botschaft tröstlich. "Löhne sind nicht alles, und die neue Wirtschaftswelt ist nicht flach", sagt Suzanne Berger. Die Lego-Wirtschaft der Globalisierung läßt die Strategiemöglichkeiten der Unternehmen vielfältiger werden. Es ist nicht so, daß alle Produktion nach Asien verschwindet und für Europäer oder Amerikaner nur bleibt, einander die Haare zu schneiden, Kinder zu hüten und Vorgärten umzugraben.
Ein Beruhigungsbuch für Traditionalisten ist die MIT-Studie freilich nicht. "Im Gegenteil", sagt Berger: "Nur kreative Unternehmer und Arbeitnehmer werden im globalen Wettbewerb ihre Standorte verteidigen."
Das globale Spiel
Als in den achtziger Jahren schon einmal die Angst umging, die Asiaten (vor allem Japan) könnten die amerikanische Wirtschaft entmachten, erschien am Massachusetts Institute of Technology (MIT) die Studie Made in America(1989). Das Ergebnis: Industrieproduktion ist kein Auslaufmodell. Kein Job ist mehr sicher, lautet auch heute die Angst, der das MIT abermals empirisch nachging. Die gute Nachricht: Die Angst ist übertrieben. Nachzulesen in: Suzanne Berger: How We Compete. What Companies Around the World Are Doing to Make it in Today's Economy. Currency/Doubleday. Dezember 2005, 27,50 Dollar.
Auch das Beratungsunternehmen McKinsey hat sich gefragt, wie Unternehmen auf die Möglichkeit globaler Produktion reagieren können. Herausgekommen ist ein Kompendium, welches alle Einflußfaktoren globaler Standortentscheidungen beschreibt. Eberhard Abele, Jürgen Kluge, Ulrich Näher: Handbuch Globale Produktion. Hanser Verlag, Januar 2006. 49,90 Euro.
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 15.01.2006, Nr. 2 / Seite 35
Bildmaterial: F.A.Z., F.A.Z. - FOTO DIETER RUECHEL
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