FAZ.NET-Spezial: Globalisierung

Angst vor China

Von Holger Steltzner

Sie sind zahlreich und sie sind gebildet: Chinesische Studenten

Sie sind zahlreich und sie sind gebildet: Chinesische Studenten

29. September 2006 Wohlstand ist nicht mehr das Privileg des Westens. China und Indien machen den traditionellen Industrieländern die wirtschaftliche Führungsposition in der Welt streitig. China ist heute schon die viertgrößte Wirtschaftsnation der Erde. Die chinesische Volkswirtschaft wächst so rasant, daß sie sich in nur neun Jahren verdoppeln könnte. Hierfür bräuchte Deutschland, die noch drittgrößte Wirtschaftsmacht der Welt nach den Vereinigten Staaten und Japan, ein halbes Jahrhundert, wenn die gegenwärtigen Wachstumsraten einfach fortgeschrieben würden.

Die wirtschaftliche Dynamik der aufstrebenden Volkswirtschaften aus Asien oder Osteuropa wird in Europa und auch in Amerika zunehmend als Bedrohung empfunden. Das ist verständlich. Schließlich verfolgen viele Beschäftigte mit Sorge, wie Unternehmen Arbeitsplätze von West nach Ost verlagern. Nicht nur viele ungelernte Arbeiter, sondern immer öfter auch qualifizierte Angestellte müssen im Westen mehr für weniger Geld arbeiten, wenn sie ihre Arbeitsplätze behalten wollen.

700.000 Jungingenieure jährlich

Sie sind gut ausgebildet und sie sind viele: Inder und Chinesen

Sie sind gut ausgebildet und sie sind viele: Inder und Chinesen

Noch gelten China und Indien nur als billige Werkbänke der Weltwirtschaft. Doch knüpfen beide Länder zusehends an ihre glanzvolle Vergangenheit als Kultur- und Wissensnationen an. In China und Indien verlassen jährlich 700.000 Ingenieure die Hochschulen, doppelt so viele wie in der Europäischen Union. In Deutschland aber, dem Land der Maschinenbauer und Konstrukteure, fehlen Nachwuchsingenieure. Warum studieren hierzulande trotz hoher Arbeitslosigkeit so wenige junge Menschen Ingenieurwissenschaften, obwohl die Berufsaussichten so gut sind?

Die Debatte über die Verlagerung von Arbeitsplätzen wird mit fragwürdigen Zahlenspielen angeheizt, indem 4,5 Millionen Arbeitslose in Deutschland mit 4,5 Millionen Arbeitsplätzen in Beziehung gesetzt werden, die deutsche Unternehmen im Ausland geschaffen haben. Dieser Vergleich unterstellt, die Auslandsinvestitionen schadeten der heimischen Wirtschaft. Die Bundesbank hat die Direktinvestitionen seit den neunziger Jahren untersucht und kommt zum gegenteiligen Ergebnis. Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs spielte Mittelosteuropa als Investitionsziel keine Rolle.

Vom Welthandel profitieren auch Verbraucher und Investoren

Das änderte sich erst durch deren Beitritt zur EU. In China haben sich die Direktinvestitionen deutscher Unternehmen zwar verzehnfacht, doch sie machen noch immer nur ein Prozent aus. Mit 90 Prozent dominieren Investitionen in den europäischen und amerikanischen Partnerländern das Auslandsengagement deutscher Firmen. Mehr Beschäftigung im Ausland gehe nicht einher mit Arbeitsplatzverlusten im Inland, die stärkere Auslandspräsenz habe die deutsche Wirtschaft wettbewerbsfähiger gemacht, folgert die Bundesbank.

Auch viele deutsche Konsumenten haben nicht das Gefühl, daß sie ärmer werden, wenn sie in den Textil- oder Elektroniksupermärkten billige Ware aus Fernost kaufen und somit China oder Indien zu Wohlstand verhelfen. Vom Welthandel profitieren viele, neben Arbeitern und Produzenten im Osten auch Verbraucher und Investoren im Westen. Ein großer Gewinner des Handels ist der Exportweltmeister Deutschland, nicht nur die Dax-Konzerne, sondern auch der Mittelstand.

Langfristig führt kein Weg an der Aufwertung vorbei

Als Beleg für die vermeintliche Überlegenheit einer staatlich gelenkten Marktwirtschaft, die sich in der Volksrepublik China nur unter Führung und in den Grenzen der Kommunistischen Partei entfalten darf, gilt manchen auch die Anhäufung riesiger Devisenreserven. Doch die asiatische Finanzierung des amerikanischen Leistungsbilanzdefizits ist kein Mißtrauensvotum, sondern kann auch als Ausdruck des Glaubens an die größte Volkswirtschaft der Welt gelesen werden.

Vor allem aber sind China, Taiwan und Japan deshalb zu den größten Gläubigern Amerikas aufgestiegen, weil sie börsentäglich die Aufwertung ihrer Währungen gegenüber dem Dollar über die Devisenmärkte verhindern, um so der eigenen Exportindustrie kurzfristige Wettbewerbsvorteile zu verschaffen. Doch langfristig führt an der Aufwertung von Yuan und Yen kein Weg vorbei, wodurch zugleich Abschreibungen auf die Dollarreserven fällig werden, ohne daß damit zwangsläufig ein Crash an den Devisenmärkten verbunden sein muß.

Eine Festung gegen Asien wäre außenpolitisch fahrlässig

Es gibt populistische und wahltaktische Gründe dafür, die unfairen chinesischen Handelspraktiken und fortlaufenden Verstöße gegen Urheberrechte auszuschlachten. Doch wäre die Errichtung einer Freihandelszone von Europa bis Amerika der falsche Weg, um das Lohn- und Sozialdumping in Asien zu verhindern. Es wäre auch außenpolitisch fahrlässig, wenn die Bundeskanzlerin Angela Merkel in ihrer EU-Ratspräsidentschaft eine Festung gegen Asien zimmern wollte, anstatt sich auf den Abschluß der Welthandelsrunde zu konzentrieren.

Vor dem Aufstieg Chinas wurde in Deutschland die Angst vor Japan und Korea geschürt. Davon ist heute nicht mehr die Rede. Warum suchen wir die Antwort auf unsere Probleme immer draußen und nicht bei uns selbst? Deutschland und Japan sind nach dem Krieg durch Wettbewerb und Handel zu Wohlstand gekommen, nur über die Märkte werden wir ihn bewahren; in einer Festung Europa könnte er verlorengehen.

Altkanzler Helmut Schmidt kennt wie kaum ein zweiter im Westen China und die chinesische Führung von Mao bis heute. In seinem neuen Buch „Nachbar China“ warnt er: „Einige deutsche Publizisten und Politiker meinen, China müsse doch endlich demokratischer werden.“ Doch: „Weder der jüdische noch der christliche Gott hat einen von ihnen ermächtigt, die Kultur der westlichen Nationen für überlegen und China westlichen Belehrungen für bedürftig zu erklären oder umgekehrt Angst vor China zu verbreiten.“

Text: F.A.Z., 29.09.2006, Nr. 227 / Seite 11
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa, picture-alliance/ dpa/dpaweb

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