Von Christian Siedenbiedel
16. März 2008 Die Notenbankchefs klangen nach ihrem Treffen am Montag in Basel beunruhigt. Nicht nur, dass Amerika längst in eine Rezession geschlittert ist. Auch die gestiegene Inflation in vielen Ländern macht ihnen zu schaffen. Wenn beides zusammenkommt, ist das der Albtraum der Ökonomen. Er heißt Stagflation.
Das Kunstwort aus Stagnation und Inflation hat der britische Finanzminister Iain Macleod 1965 geprägt. Er beschrieb damit eine Situation, in der die Preise steigen und die Wirtschaft nicht wächst. Jetzt hört man den geheimnisvoll klingenden Begriff wieder überall. Er hat es sogar bis in die Bild-Zeitung gebracht, die vorschlägt, ihn zum Unwort des Jahres 2008 zu wählen. Übertrieben? Norbert Walter, Chefvolkswirt der Deutschen Bank, meint immerhin: Die Gefahr einer Stagflation ist da."
Die seltene Karriere eines ökonomischen Fachbegriffs
Was diese Gefahr bedeutet, zeigt ein Blick in die Geschichte der Stagflation. Die Stagflation hat wirtschaftswissenschaftliche Denkgebäude zum Einsturz gebracht und Minister zum Rücktritt gezwungen. 1972 schaffte das Wort es sogar bis in den Bundestagswahlkampf in Deutschland - was für einen ökonomischen Fachbegriff eine seltene Karriere ist.
Die Stagflation ist deshalb so bemerkenswert, weil sie die Wirtschaftspolitik hilflos macht. Reagieren Notenbank und Regierung mit niedrigeren Zinsen und höheren Staatsausgaben, was gewöhnlich die Konjunktur anschiebt, galoppiert ihnen die Inflation davon. Machen sie das Gegenteil und verknappen Geld und Staatsausgaben, um die Inflation einzudämmen, bricht ihnen die Konjunktur weiter ein. Ein Dilemma.
In Deutschland gab es diese Situation nach dem ersten Ölpreisschock 1973. Die Opec verknappte damals wegen politischer Spannungen im Nahen Osten die Ölförderung. Innerhalb kürzester Zeit verdoppelten sich die Preise für Benzin auf 90 Pfennig (0,46 Euro) je Liter, was als unendlich viel galt. Die Inflationsrate stieg auf fast sieben Prozent. Als Ausgleich setzten die Gewerkschaften kräftige Tariferhöhungen durch: 1973 und 1974 wuchsen die Löhne im Schnitt jeweils um mehr als zwölf Prozent. Zugleich rutschte das Wirtschaftswachstum unter ein Prozent.
Möller wollte nicht als Inflationsminister in die Geschichte eingehen
Bis dahin hatten Wirtschaftspolitiker in einer naiven Interpretation des britischen Ökonomen John Maynard Keynes geglaubt, man könne Wirtschaftswachstum und Beschäftigung durch Inflation erkaufen. Legendär ist der Satz des damaligen Finanzministers Helmut Schmidt aus dem Jahre 1972, ihm seien fünf Prozent Inflation lieber als fünf Prozent Arbeitslosigkeit. In der Stagflation bekam er beides.
Schon seinen Vorgängern als Finanzminister, Alex Möller und Karl Schiller, hatte der kräftige Anstieg des Preisniveaus bei niedrigen Wachstumsraten zu schaffen gemacht. Möller war 1971 von seinem Amt zurückgetreten, weil er nicht als Inflationsminister in die Geschichte eingehen wollte. Schiller übernahm für kurze Zeit Finanz- und Wirtschaftsressort. Im Juli 1972 trat auch er zurück - und gab zumindest offiziell ähnliche Gründe für den Rücktritt an wie Möller.
Je länger die Stagflation dauerte, desto stärker sorgte sie für eine Umkehr im Denken. Das an sich unerfreuliche Konjunktur-Phänomen verhalf einer Denkschule zum Durchbruch, die bis dahin im Schatten des Keynesianismus gestanden hatte. Der Schweizer Ökonom Karl Brunner rief 1973 die "monetarische Revolution" aus. Sie berief sich auf Milton Friedman und forderte eine berechenbare Wachstumsrate der Geldmenge - statt der früheren Versuche, Wirtschaftspolitik mit der Notenpresse zu betreiben.
Vieles ist gleich - aber manches eben doch auch ganz anders
Am Ende der Ära der Stagflation fand der Monetarismus ein Echo in der Politik. Der amerikanische Präsident Ronald Reagan und die britische Premierministerin Margaret Thatcher leiteten daraus in den achtziger Jahren ihre Reformen der sogenannten angebotsorientierten Wirtschaftspolitik ab. Unter großen Opfern wurde die Inflation in Amerika besiegt. Notenbank-Präsident Paul Volcker erhöhte so brutal die Zinsen, dass die Vereinigten Staaten in eine Rezession stürzten. Mit dieser Rosskur gelang es schließlich, die Inflationserwartungen zu brechen.
Heute, mehr als drei Jahrzehnte nach der Stagflation der Siebziger, ist vieles gleich - aber manches eben doch auch ganz anders. Im Vergleich zur Helmut-Schmidt-Zeit drohe heute höchstens ein Stagflatiönchen, sagen die Experten. Auffällige Parallelen gibt es zwar bei den Ursachen der Situation. Wie damals ist der Ölpreis stark gestiegen. Wieder haben die Amerikaner einen Krieg (diesmal den Irak-Krieg, damals den Vietnam-Krieg) zu großen Teilen aus dem Haushalt bezahlt. Das Defizit wurde aus dem amerikanischen Kapitalmarkt mit Hilfe großzügiger Geldversorgung finanziert, erinnert sich Helmut Schmidt in seinem Buch Menschen und Mächte. Dadurch stiegen die Preise in den Vereinigten Staaten, der Dollar verlor an Kaufkraft, die Handelsdefizite wurden chronisch.
Gleichwohl sind die Unterschiede zu den siebziger Jahren nicht zu übersehen. So können sich die Wechselkurse heute frei bewegen. Bis 1973 waren sie durch das System von Bretton Woods eng aneinander gekoppelt. Außerdem ist das Ziel der Geldwertstabilität heute stärker in der Geldpolitik verankert. Auch die Höhe der Inflationsraten ist nicht vergleichbar. Auf gut 13 Prozent kamen die Vereinigten Staaten damals, Deutschland auf fast sieben. Im Vergleich dazu sind die 2,8 Prozent in Deutschland und 3,3 Prozent im Euroraum moderat.
Die Lohn-Preis-Spirale
Ein wichtiges Element der Stagflation in den siebziger Jahren war außerdem die Lohn-Preis-Spirale. Je mehr Inflation die Gewerkschaften erwarteten, desto höher wurden die Lohnforderungen. Und je höher die Löhne, desto stärker mussten die Unternehmen die Preise erhöhen. Dieser Baustein zu einer echten Stagflation fehlt heute noch, meint Ulf Krauss von der Landesbank Hessen-Thüringen.
Allerdings warnt Deutsche-Bank-Ökonom Norbert Walter: Ich sehe Risiken, dass es zu solchen Zweitrunden-Effekten kommen könnte. Immerhin begründete die Gewerkschaft Verdi ihre Forderung nach acht Prozent mehr Lohn für den öffentlichen Dienst mit der hohen Inflation. Und die Bahn kündigte an, wegen der Lohnerhöhung um elf Prozent für die Lokführer müsse sie die Preise für Fahrkarten anheben. Das klingt fast schon wie damals.
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 16.03.2008, Nr. 11 / Seite 45
Bildmaterial: AP, F.A.Z.
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