24. Mai 2007 Nicht erst seit der Verleihung des Friedensnobelpreises im vergangenen Jahr ist der 66 Jahre alte Ökonom Muhamad Yunus der ungekrönte Star in der entwicklungspolitischen Szene. Mit seiner Grameen Bank ist es ihm gelungen, zahlreiche Arme in Bangladesch aus ihrer hoffnungslosen Lage zu befreien. Mit kaum mehr als einer Handvoll Dollar ermöglicht er ihnen seit mehr als dreißig Jahren, als Miniunternehmer zu wirtschaften. Das Konzept der Kleinkredite hat mittlerweile zahlreiche Nachahmer in der ganzen Welt gefunden.
Herr Yunus, erhielten wir von Ihnen einen Kredit?
Nein, Sie wären zu reich. Meine Grameen Bank hat eine Prüfliste erstellt, an der wir uns bei der Vergabe von Krediten orientieren. Zunächst schauen wir uns das Haus des potentiellen Kreditnehmers an. Schläft er auf dem Boden, besitzt er keine Möbel und regnet es herein, erhält er einen Kredit, denn er ist arm. Hat das Haus jedoch mehr als einen Raum, ist das Dach dicht, dann kann er auf einen Kredit noch warten. Unsere Regeln sind sehr strikt. Wir erhalten von den Kreditnehmern jedoch keine Sicherheiten. Dennoch zahlen 99 Prozent der Schuldner ihre Kredite zurück.
Warum sind 97 Prozent Ihrer Schuldner Frauen?
Ich begann meine Arbeit, als ich vor mehr als 30 Jahren 42 Menschen 27 Dollar lieh. Damals merkte ich schnell, dass die Banken nicht bereit waren, armen Menschen Geld zu leihen. Deshalb war es zu Beginn mein Ziel, nur Armen Geld zu geben. Die Hälfte der Schuldner sollten Frauen sein. Doch es war anfangs schwer, dafür überhaupt nur eine Frau zu finden. Sie meinten nur: Gib das Geld besser meinem Mann. Ich brauchte sechs Jahre, bis 50 Prozent meiner Schuldner weiblich waren. Dann merkten wir schnell, dass unser Geld bei den Frauen in besseren Händen war.
Warum?
Wenn wir den Männern das Geld geben, dann machen sie zwar vergleichbar gute Geschäfte wie die Frauen. Doch mit dem Gewinn wollen die Männer sich vergnügen, sie betrinken sich in Bars. Frauen dagegen nutzen das Geld, um in ihre Kinder und das Haus zu investieren. Männer leben mehr in der Gegenwart, Frauen denken stärker an die Zukunft ihrer Familie. Als wir das merkten, vergaben wir zunehmend Kredite an Frauen.
Was kann man für die Entwicklungspolitik aus Ihren Erfahrungen lernen?
Für mich steht immer eine Frage im Mittelpunkt: Was ändert sich durch die Entwicklungshilfe im Leben eines armen Menschen? Einfach nur eine Straße zu bauen ist für mich keine Entwicklungspolitik. Aber wenn sich ein armer Mensch statt einer künftig zwei Mahlzeiten täglich leisten kann, dann ist das für mich eine perfekte Entwicklungspolitik. Lassen Sie mich das an einem Beispiel verdeutlichen. Zu Beginn meiner Arbeit in Bangladesch traf ich Frauen, die nur ein Kleid hatten und ihre Unterkunft nicht verlassen konnten, nachdem sie es gewaschen hatten. Wenn sie zwei Kleider haben, dann ist das eine gelungene Entwicklungshilfe.
Immer wieder wird behauptet, dass man vor allem mehr Geld braucht, um die Armut zu besiegen. Stimmt das?
Geld ist natürlich ein zentraler Faktor. Auch für einen Mikrokredit braucht man Geld. Doch Sie können Milliarden an Dollar haben, ohne dass sich die Situation der Armen verbessert. Wenn Sie den hungrigen Menschen immer wieder das Essen bringen, dann ist das kein gutes Beispiel für eine gelungene Entwicklungshilfe, weil es sie abhängig macht. Ähnliches gilt für die armen Länder. Wir haben deshalb einmal die Hilfeleistungen für Bangladesch überprüft.
Was war das Ergebnis?
Drei Viertel des für Bangladesch vorgesehenen Geldes blieben im Geberland hängen. Der Rest ging an die öffentliche Verwaltung in meinem Land. Da versickert viel Geld in dunklen Kanälen. Die Behörden in Bangladesch sind besonders korrupt. Was haben die armen Menschen davon? Vielleicht profitieren sie von der gebauten Brücke, vielleicht auch nicht. Von den Maßnahmen sollten jedoch immer die Armen profitieren, sonst bringt das Geld nichts.
Wie sollte man stattdessen vorgehen?
Wir müssen vollkommen umdenken. Natürlich sind Brücken für mein Land wichtig, da gebe ich ja der Weltbank recht. Doch wenn man eine Brücke bauen will, dann sollte den Auftrag ein Straßenbauunternehmen erhalten, dessen Eigentümer die armen Einheimischen sind. Sie erhalten durch die Brücke die Möglichkeit, Einnahmen zu erzielen. Wenn Menschen die Brücke nutzen wollen, müssen sie dafür zahlen. Wenn nicht, müssen sie den Fluss eben auf andere Weise überqueren. Zentral an meiner Idee ist, dass die Armen die Eigentumsrechte an dieser Brücke erhalten, denn dann kümmern sie sich auch um den Erhalt ihrer Einnahmequelle. Zur Finanzierung dieser großen Infrastrukturprojekte brauchen wir jedoch ausländische Gläubiger. Die Banken in meinem Land sind da derzeit noch überfordert, diese Kredite zu stemmen.
Was erwarten Sie von dem G-8-Gipfel in Heiligendamm?
Wichtig wäre, sich darauf zu verständigen, wie man die Millenniums-Ziele verwirklichen kann. Dabei sollte auch die Vergabe von Kleinkrediten eine zunehmende Rolle in der Diskussion über die künftige Entwicklungspolitik spielen. Die reichen Industriestaaten sollten in Heiligendamm einen Fonds für Afrika beschließen, aus dem sich die Mikrokredite speisen lassen. Aber die Weltbank sollte den Fonds nicht verwalten. Das ginge schief, das zeigt die Geschichte. Die Zusammenarbeit von Mikrokreditbanken und Weltbank war bisher nicht erfreulich. Deshalb hat die Grameen Bank nie Geld von der Weltbank angenommen, denn sie versteht unsere Arbeit nicht.
Sollte man die Weltbank schließen?
Nein, schließlich stecken ja gute Absichten hinter der Weltbank.
Doch gute Absichten allein reichen nicht aus ...
... deswegen muss der nächste Präsident der Weltbank, wer auch immer das ist, die gesamte Institution neu gestalten. Wenn man sie an ihrem eigenen Anspruch misst, die Armut in der Welt zu besiegen, dann war sie nicht sehr erfolgreich. Deshalb darf man sie nicht so lassen, wie sie ist. Der nächste Präsident muss sie zu einer Bank für die Armen machen.
Was sollte sich der nächste Präsident zum Ziel setzen?
Zunächst sollte er ein Datum nennen, bis wann die Armut aus der Welt verschwinden soll. Das sollte bis 2030 geschehen. Spätestens dann sollte man die Armut in Museen verbannt haben.
Wer schwebt Ihnen als neuer Weltbank-Präsident vor?
Ich weiß es nicht. Das bestimmt allein der amerikanische Präsident. Der bisherige Amtsinhaber Paul Wolfowitz erhielt den Job doch nur, weil er ein Freund von George W. Bush ist. Für den Posten hatte er keine Qualifikation. Die Eigner der Weltbank sollten an der Wahl eines Kandidaten stärker beteiligt werden, denn es geht auch um das Geld der Steuerzahler in den Mitgliedstaaten.
Stört es Sie, dass die ganze Welt nur noch über Afrika redet und nicht mehr über Ihr Heimatland Bangladesch?
Nicht wirklich. Viel wichtiger als Entwicklungshilfe ist für Bangladesch, dass für uns die Märkte der Industrieländer offen sind. Wir leiden vor allem unter den hohen Zöllen der Vereinigten Staaten. Es gibt keinen Grund, weshalb sie Produkte aus Bangladesch mit den höchsten Tarifen belasten. Das ist töricht. Schließlich können wir nur amerikanische Maschinen kaufen, wenn wir zuvor Baumwolle an Amerika geliefert haben.
Wie wichtig ist für Sie ein Ergebnis in der aktuellen Welthandelsrunde?
Das ist ein entscheidender Punkt. Jetzt muss man dafür sorgen, dass Land für Land die Zollsätze sinken. Das ist ein sehr schmerzhafter Prozess. Handel ist keine Einbahnstraße, denn vom Welthandel profitieren alle, auch die armen Länder. Doch derzeit bestimmen noch die Industriestaaten zu Lasten der Armen die Regeln.
Brauchen wir Standards für den Handel?
Lassen Sie das die Konsumenten entscheiden. Der deutsche Käufer soll die Produkte kaufen, die mit seinen Moralvorstellungen übereinstimmen. Der Unternehmer in Bangladesch wird spätestens dann über seine Produktionsbedingungen nachdenken, wenn sich die deutschen Konsumenten weigern, seine Güter zu kaufen.
Das Gespräch führten Matthias Müller und Manfred Schäfers.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Andreas Pein
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