F.A.Z.-Konjunkturbericht

Amerika wirft seinen Schatten über den Euro-Raum

Von Philip Plickert

30. Januar 2008 Die lange befürchtete zweite Welle der Kreditkrise ist gekommen. Vergangene Woche brachen die Kurse an den Börsen der Welt kräftig ein. Allgemein besteht die Sorge, dass in den Bilanzen der Banken und einiger Versicherer noch größere Posten an faulen Krediten verborgen sind als bislang geglaubt.

Angst vor einer amerikanischen Rezession

Zugleich wächst die Angst vor einer Rezession in den Vereinigten Staaten. Eilig haben sich der amerikanische Präsident und die Parteien im Kongress nun auf ein keynesianisch anmutendes Paket zur Konjunkturankurbelung geeinigt, das Steuererleichterungen von fast 150 Milliarden Dollar vorsieht. Das Volumen des Notfallplans wie auch die überraschend drastische Zinssenkung der amerikanischen Notenbank Fed zeigen jedoch überdeutlich, wie real die Rezessionsgefahr ist.

Entscheidend wird sein, wie stark und dauerhaft der Rückgang der wirtschaftlichen Aktivität sein wird: Nach klassischer Definition liegt eine Rezession vor, wenn das Bruttoinlandsprodukt (BIP) über zwei Quartale schrumpft. Dies halten die meisten Volkswirte angesichts der steigenden Arbeitslosigkeit und der fallenden Häuserpreise für wahrscheinlich, auch wenn die Fed von einem zwar viel schwächeren, doch weiter positiven Wachstum ausgeht. Die Frage ist, ob sich die amerikanische Wirtschaft zur Jahresmitte wieder fängt oder ob sie in eine Abwärtsspirale gerät.

Die Stimmung trübt sich ein

Ein amerikanischer Schwächeanfall zöge ohne Zweifel die Wirtschaft im Euro-Raum nach unten, eine völlige Abkoppelung erscheint den meisten Volkswirten nicht möglich. Zwar könnten die aufstrebenden Schwellenländer den Ausfall an amerikanischer Nachfrage zum Teil ausgleichen, aber auch sie leiden darunter. Die Stimmung der Europäer hat sich seit Monaten eingetrübt, wie der vom Institut NTC Economics ermittelte Einkaufsmanagerindex zeigt. Am stärksten ist dieser konjunkturelle Frühindikator im Januar für den Dienstleistungssektor zurückgegangen, worin sich die neuerliche Verschärfung der Finanzmarktkrise widerspiegelt. Das Verarbeitende Gewerbe bewegt sich immerhin noch auf moderatem Expansionskurs.

Bedenkt man die belastenden Faktoren - den hohen Euro-Wechselkurs, die verteuerten Rohstoffe und die nachlassende internationale Dynamik -, so erscheinen die Einkaufsmanager der Industrie aber noch vergleichsweise zuversichtlich. Die laufende Produktion hat nach einer Delle im November offenbar wieder etwas Schwung bekommen, auch der Export zeigt sich trotz der Euro-Aufwertung bislang robust. Hingegen deutet der schwächere Zuwachs der Auftragseingänge auf eine merkliche Wachstumsbremsung.

Noch immer lahmt der Konsum

Das vergangene Jahr war für die Wirtschaft im Euro-Raum recht erfolgreich. Noch liegen keine offiziellen Zahlen zur Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung von Eurostat vor, doch dürfte die nach unten revidierte Prognose der Europäischen Kommission von rund 2,5 Prozent BIP-Wachstum erreicht worden sein. Mit real 2,5 Prozent Zuwachs entwickelte sich Deutschland etwa wie der Durchschnitt, Frankreich blieb mit voraussichtlich 1,8 bis 1,9 Prozent darunter. Die vorliegenden deutschen Zahlen zeigen, dass die Konjunktur weiterhin überwiegend von den Exporten und Investitionen getragen wurde, während der private Konsum - anders als erhofft - infolge des Mehrwertsteuerschocks und der neu aufkommenden Inflationssorgen weiterhin lahmte.

In einem normalen Konjunkturzyklus müsste auf der Verwendungsseite der private Konsum nun die führende Rolle übernehmen. Im vergangenen Jahr ist die Zahl der Arbeitslosen im Euro-Raum um gut eine Million gesunken; die Zahl der Erwerbstätigen stieg voraussichtlich sogar um fast 2 Prozent oder mehr als 2,5 Millionen. Die bessere Beschäftigungslage und höhere Lohnabschlüsse sprechen für ein Anziehen des privaten Konsums in diesem Jahr. Allerdings sind die Verbraucher verunsichert, da die Inflationsrate zum Jahresende erstmals seit sechs Jahren mehr als 3 Prozent betrug.

Teuerungssorgen sollten abflauen

Die Teuerung wird sich nach Erwartung der EZB im Jahresverlauf aber wieder abschwächen. Dies liegt zum einen daran, dass in Deutschland der Schub der Mehrwertsteuer endgültig in die Statistik des Jahresvergleichs eingegangen ist. Zum anderen werden die Energiepreise nach Ansicht der meisten Fachleute in diesem Jahr nicht weiter über ihr derzeitiges Niveau steigen. Lässt die Inflationssorge also wieder nach, sollte die Konsumnachfrage im Jahresverlauf deutlich anziehen und die Binnenkonjunktur stützen. Das ist das Hauptargument der Konjunkturoptimisten.

Die Unsicherheit in allen Prognosen bleibt jedoch hoch. Eine wichtige Frage wird sein, wie stark die andauernde Finanzkrise die Finanzierungsbedingungen der Unternehmen verschlechtert. Bisher gibt es noch keine Anzeichen für eine Kreditklemme: Noch im Dezember wurden im Euro-Raum trotz steigender Zinsen gut 11 Prozent mehr Darlehen an den privaten Sektor vergeben; zudem sitzen die Unternehmen auf dicken Gewinnpolstern, die sie für Investitionen einsetzen können. Der Euro-Raum erscheint daher weit weniger verletzlich durch die Kreditkrise. Er wird zwar vom weltwirtschaftlichen Abschwung erfasst, doch ist eine Rezession nicht in Sicht.



Text: F.A.Z., 30.01.2008, Nr. 25 / Seite 14
Bildmaterial: F.A.Z.

 
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NamePunkteProzent
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DowJones 8.451,19 -1,49
Nasdaq 1.649,51 +0,27
STOXX 50 2.421,87 -7,86
Nikkei 225 8.276,43 -9,62
S&P 500 Zert. 8,83 -10,45
Euro/Dollar 1,34 +0,00
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Gold 847,40 +0,00
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