Von Philip Plickert
29. April 2008 Ein gespaltenes Bild zeigt sich derzeit den Konjunkturbeobachtern: Auf der einen Seite präsentiert sich die deutsche Wirtschaft trotz aller belastenden Faktoren weiter erstaunlich robust; auf der anderen Seite wächst die Sorge vor einer merklichen Abschwächung der Konjunktur. Noch sitzt die deutsche Wirtschaft auf einem dicken Auftragspolster, das etwa ein halbes Jahr gute Auslastungen der Kapazitäten verspricht. Dann wird aber die volle Wucht des dreifachen Schocks der Rezession in Amerika, der drastischen Verteuerung von Rohöl auf mehr als 115 Dollar je Barrel sowie des Euro-Kurses auf mehr als 1,55 Dollar auch die hiesige Konjunktur drücken.
Alles deutet darauf hin, dass wir derzeit wie in einem Spätherbst letzte warme Tage erleben und dann der Aufschwung von kalten Winden verweht wird. Zuletzt haben Regierung und Wirtschaftsforschungsinstitute ihre Prognosen deutlich gesenkt: In diesem Jahr erwarten sie nur noch 1,7 oder 1,8 Prozent Wachstum des Bruttoinlandsprodukts (BIP), obwohl es einen zusätzlichen Arbeitstag gibt, im nächsten Jahr dürften es 1,2 bis 1,4 Prozent sein - weniger als das Potentialwachstum.
Industrie steigert Produktion, Einzelhandel büßt ein
Auch die Stimmung in den Unternehmen, die in den ersten drei Monaten des Jahres noch ein Zwischenhoch erreichte, trübt sich ein: Im April fiel der vom Ifo-Institut erhobene Geschäftsklimaindex von 104,8 auf 102,4 Punkte. Das war der niedrigste Wert seit 26 Monaten, aber immer noch ein historisch vergleichsweise hohes Niveau. Erfreulicherweise setzt sich der Beschäftigungsaufbau fort, denn der Arbeitsmarkt läuft typischerweise der Konjunktur hinterher: Obwohl das Wachstum schwächer wird, könnte die Zahl der Arbeitslosen im September oder Oktober dieses Jahres erstmals seit 1992 unter die Marke von 3 Millionen fallen.
Das erste Quartal 2007 hat Konjunkturbeobachter positiv überrascht. Nach Schätzung der Institute dürfte das BIP saisonbereinigt um gut 0,6 Prozent gegenüber dem Vorquartal gestiegen sein. Die Industrie ist mit viel Schwung ins neue Jahr gestartet und hat ihre Produktion um geschätzte 2 Prozent ausgeweitet. Der ungewöhnlich milde Winter half der Bauwirtschaft, die mit plus 6 Prozent einen überaus starken Quartalsanstieg verbuchte.
Dagegen sind die Einzelhandelsumsätze zurückgegangen. Die Stimmung im deutschen Einzelhandel, in dessen Geschäfte rund 40 Prozent des privaten Konsums geht, ist nach der Ifo-Umfrage im April wieder dramatisch abgestürzt. Erwartet wird, dass die weiterhin rasch steigenden Lebenshaltungskosten, bedingt durch die Verteuerung von Heizöl, Kraftstoffen und Nahrungsmitteln, den Verbrauchern die Kauflaune nehmen.
Sparstrumpf statt Konsum
Damit scheint sich das merkwürdige Muster des 2005 begonnenen konjunkturellen Aufschwungs fortzusetzen. Auf der Nachfrageseite kamen die Impulse fast ausschließlich vom Export und den Investitionen. 2007 nahm der Export um 7,8 Prozent zu, die Ausrüstungen stiegen um 8,2 Prozent. Zusammen trugen sie mit einem Plus von 1,6 Prozent und 0,6 Prozent mehr als vier Fünftel zum BIP-Wachstum von 2,5 Prozent bei. Die privaten Konsumausgaben hingegen sanken im Jahr der Mehrwertsteuererhöhung real um 0,4 Prozent, was einen negativen Beitrag von minus 0,3 Prozent ergab. Damit fiel der private Verbrauch als Stütze der Binnenkonjunktur entgegen den Erwartungen auch lange nach dem Steuerschock aus.
Der Sprung der Inflationsrate auf 3 Prozent zum Jahresende 2007 sowie Nachrichten von der Finanzkrise haben die Bürger offenbar stark verunsichert. Die Sparquote stieg zuletzt auf 11,9 Prozent, was auch das Bedürfnis nach mehr privater Altersvorsorge widerspiegelt. Während kurzfristig negative psychologische Faktoren den Konsum bremsen können, wird dieser mittelfristig, das zeigen ökonometrische Studien, vom verfügbaren Einkommen der Bevölkerung bestimmt. Nach Erwartung der meisten Konjunkturforscher wird das verfügbare Einkommen dieses Jahr deutlich höher ausfallen. Zum einen nimmt die Zahl der Beschäftigten seit zwei Jahren stetig zu - Anfang 2008 waren es erstmals mehr als 40 Millionen. Und zum anderen werden die Löhne dieses Jahr voraussichtlich kräftiger steigen, zudem weitet der Staat die Sozialleistungen wieder aus. Per Saldo erwarten die Institute eine moderate Zunahme des privaten Konsums um 0,8 Prozent.
Abschwung trotz robusten Exports
Viele Beobachter sind überrascht, wie robust sich bislang der Export trotz aller widrigen Umstände entwickelt hat. Nach den jüngsten Daten vom Februar ist die Ausfuhr mit real plus 6,7 Prozent wieder stärker als die Einfuhr mit real plus 5,1 Prozent gestiegen. Die kräftige Abwertung des Dollar trifft die Exportwirtschaft nicht so stark wie befürchtet, da mittlerweile 80 Prozent ihres Geschäfts in Euro abgerechnet werden. Der Anteil der Ausfuhr in die Vereinigten Staaten ist auf 7,5 Prozent gesunken. Osteuropa und die Schwellenländer haben den Ausfall der amerikanischen Nachfrage bislang überkompensieren können.
Dennoch wird die exportorientierte deutsche Volkswirtschaft über direkte wie indirekte Effekte die Rezession in Amerika in den kommenden Monaten immer stärker zu spüren bekommen. Eine Abkoppelung erscheint allenfalls zu einem gewissen Grad möglich. Aus Sicht der Unternehmen, die bislang noch an der Kapazitätsgrenze arbeiten, verringert dies die Notwendigkeit von Erweiterungsinvestitionen. So wird sich mit einiger zeitlicher Verzögerung auch in Deutschland der Aufschwung dem Ende zuneigen.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: F.A.Z.
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