05. August 2008 Ölpreisschock, Euro-Aufwertung, Abschwung der Weltwirtschaft und Finanzkrise - unter dem Druck dieser vier Belastungen geht der Aufschwung der europäischen Wirtschaft in die Knie. Die von manchen erhoffte konjunkturelle Abkoppelung von der Weltwirtschaft, die unter der Schwäche in Amerika leidet, erscheint nicht mehr möglich.
Es wird eine harte Landung geben, aber keine Bruchlandung, sagt Jörg Krämer, der Chefvolkswirt der Commerzbank. Einigen Ländern in Europa droht sogar eine Rezession, etwa Spanien, Portugal, Italien, Dänemark, Großbritannien und Irland.
Scharfer Gegenwind
Die Konjunktur im Euro-Raum wird zwar einknicken; eine Rezession werde es aber nicht geben, hoffen die Ökonomen des Internationalen Währungsfonds (IWF). Der Euro-Raum spürt erheblichen Gegenwind, sagt der Direktor seiner Europaabteilung, Alessando Leipold. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) des Währungsraums werde dieses Jahr um 1,7 Prozent steigen, 2009 sei mit 1,2 Prozent Zuwachs zu rechnen. Diese Prognose sei allerdings mit großer Unsicherheit behaftet, und die Aussichten könnten sich noch weiter eintrüben.
In Deutschland überrascht, dass der Abschwung bislang so langsam und so mild war", sagt Krämer. Er führt dies darauf zurück, dass es hierzulande in den vergangenen Jahren keine Übertreibungen gab. Anders als Spanien, Irland und Großbritannien, deren Häusermärkte überhitzt waren und nun stark nach unten korrigieren, droht daher kein Risiko. Doch alle Frühindikatoren - der Auftragseingang sowie Unternehmens- und Verbraucherumfragen - weisen nun in Deutschland wie in ganz Europa so steil nach unten, dass an einer scharfen Bremsung der Konjunktur kein Zweifel mehr besteht.
Ölpreis noch immer unterschätzt
Die vielen schlechten Indikatoren zeigen für den Euro-Raum eine Stagnation an, warnt Holger Schmieding, der Europa-Chefvolkswirt der Bank of Amerika. Die größte Belastung ist der dramatische Anstieg des Ölpreises; dessen Effekt wird immer noch unterschätzt. Den Kaufkraftentzug durch die Ölimportrechnung beziffert Schmieding auf rund 1 Prozent des BIP.
Auch andere wichtige importierte Rohstoffe haben sich im vergangenen Jahr teils drastisch verteuert. Der Kaufkraftentzug bedeutet eine erhebliche Schwächung des Konsums, sagt Schmieding. Ein Teil der Kaufkraft, die in die Rohstoffländer fließt, kommt jedoch in Form von Aufträgen von dort zurück. Von diesem Recycling der Petrodollar profitiert die deutsche Wirtschaft überproportional, weil ihre Exportgüter, besonders hochspezialisierte Maschinen, in den Rohstoff- und Schwellenländern stark gefragt sind.
Deutschland kann den Euro-Raum noch stützen
Im ersten Quartal 2008 wuchs die Wirtschaftsleistung im Euro-Raum noch überraschend stark. Mit 0,7 Prozent Zuwachs des BIP zum Vorquartal war das Wachstum im Winter besser als im Herbst 2007, als die Wirtschaftsleistung nur um 0,4 Prozent zulegte. Allerdings hatte der Beitrag der deutschen Wirtschaft, die rund 28 Prozent Anteil am BIP des Euro-Raums ausmacht, den Gesamtwert nach oben gehoben. Frankreich, die zweitgrößte Volkswirtschaft im Euro-Raum (BIP-Anteil von gut 21 Prozent), hält sich noch recht stabil, wobei der Konsum, der lange die Binnennachfrage stützte, zuletzt deutlich schwächer wurde.
In Italien, der drittgrößten Volkswirtschaft (BIP-Anteil knapp 18 Prozent), lahmt die Wirtschaft bereits seit einem Jahr deutlich. Spaniens Wirtschaft, die viertgrößte im Euro-Raum (Anteil 12 Prozent), kühlt dramatisch schnell ab. Außerhalb des Euro-Raums, diesem als Außenhandelspartner aber eng verbunden, steht Großbritannien, das stärker als andere in den Sog der amerikanischen Krise gerät.
Die deutsche Industrie sitzt noch auf einem recht guten Auftragspolster, doch das schrumpft bedenklich schnell, sagt Andreas Rees, Chefvolkswirt der Bank Unicredit. Zwar ist die deutsche Industrie nach jahrelanger Lohnzurückhaltung deutlich wettbewerbsfähiger geworden, was ihre Stellung auf dem Weltmarkt gestärkt hat. Angesichts der starken Exportabhängigkeit trifft eine weltwirtschaftliche Krise die Deutschen besonders hart. Die Unternehmen sollten sich daher auf eine lange Durststrecke einstellen.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: F.A.Z.