Energiepreise

Schlechte Chancen für niedrigen Ölpreis

18. August 2005 Die amerikanische Investmentbank Goldman Sachs hat ihre langfristige Prognose des Ölpreises am Donnerstag auf 60 Dollar für die Sorte WTI erhöht.

Ähnlich wie zahlreiche andere Analysten hatte die Bank zuletzt vorhergesagt, daß der Ölpreis in diesem und im kommenden Jahr bei 50 und 55 Dollar liegen werde, längerfristig aber auf 45 Dollar fallen könnte. Die amerikanische Bank sagt aber jetzt, daß sich die Mineralölbranche mit neuen Investitionen zurückhalte, obwohl der Ölpreis auf mehr als 60 Dollar gestiegen sei. Am Donnerstag notierte der Preis für Öl der Sorte WTI bei 63,60 Dollar, nachdem er am 12. August auf einen Rekord von 67,10 Dollar gestiegen war.

Goldman Sachs sagt, künftige Investitionen würden zurückgehalten, weil die Unternehmen mit einer viel größeren Kostenunsicherheit konfrontiert seien. Die Risikoprämie, die notwendig sei, um diese Unsicherheit abzufedern, liege bei 15 Dollar und erkläre damit einen langfristigen Ölpreis von 60 Dollar.

Kostenreduktion der Konzerne war ein Fehler

Goldman Sachs hat im Frühjahr am Markt für Aufmerksamkeit gesorgt, als die Bank zwei Ölpreisprognosen veröffentlichte: eine „normale“ Prognose, bei der ein künftiger Ölpreis von 50 bis 55 Dollar vorhergesagt wurde; und eine sogenannte „Super-Spike“-Prognose, die implizierte, daß der Ölpreis auf bis zu 105 Dollar steigen müsse. Nur dann werde die Ölnachfrage gedrosselt und würden so viele neue Explorationsvorhaben gestartet, daß der Markt wieder Reservekapazitäten habe, wie dies in den achtziger und neunziger Jahren der Fall gewesen sei.

Nachdem in der vergangenen Woche die Internationale Energieagentur ihre Schätzungen für die Produktion der Nicht-Opec-Länder reduziert hat und auch von Seiten der Opec, des Kartells der Ölexporteure, die Produktionszahlen der Nicht-Opec-Länder gekürzt wurden, wurde am Markt Kritik an der Investitionspolitik der börsennotierten Mineralölkonzerne in den OECD-Ländern laut. In den neunziger Jahren hätten die Mineralölgesellschaften so getan, als ob der niedrige Ölpreis dauerhaft bleibe.

Die Unternehmen hätten deshalb drastisch die Kosten gesenkt, fusioniert und Fachpersonal abgebaut, kritisiert Barclays. Dies hätte zu den jetzigen Kapazitätsengpässen wesentlich beigetragen. Diese von den Kapitalmärkten angespornte Kostenreduktion der börsennotierten Mineralölkonzerne sei ein Fehler gewesen. Jetzt dauere es lange, bis die Kapazitäten wieder ausgeweitet werden könnten.

Zu wenig Investitionen in neue Kapazitäten

Die Sorge am Markt ist, daß wegen dieser Zeitverzögerung die Schätzungen über die künftige Produktionskapazität der Nicht-Opec-Länder und der Raffinerien am Markt überzogen sind. Nicht alle Marktteilnehmer sehen die Lage so kritisch. Lehman Brothers ist optimistischer und prognostiziert, daß im Winter genügend neue Kapazitäten an den Markt kämen und daher der Ölpreis wieder auf 55 Dollar fallen werde, mittelfristig sogar wieder auf 50 Dollar sinken könne.

Wie schwierig all diese Schätzungen sind, zeigt ein Blick auf die Prognosen, die vor exakt einem Jahr, im August 2004, gestellt wurden. Damals prognostizierten viele Analysten, daß der Ölpreis in diesem Jahr bei 35 Dollar notieren oder sogar unter diese Marke sinken werde. Die drastische Nachfrage Chinas, die Störungen der Raffinerien durch Wirbelstürme und der Yukos-Skandal wurden im vergangenen Jahr als Sondereffekte eingestuft, die den damaligen Preisauftrieb als nur vorübergehend erscheinen ließen. Geopolitische Spannungen, wie die wachsende Kritik der Vereinigten Staaten an dem Nuklearprogramm des Iran, wurden vom Markt ignoriert.

Aber nicht nur außergewöhnliche Ereignisse spielten bei der Fehleinschätzung eine Rolle. Es wurde außerdem nicht gesehen, daß über Jahre zu wenig in neue Kapazitäten investiert worden ist und daß die volle Kapazitätsauslastung der amerikanischen Raffinerien ihrerseits zu Wartungsproblemen und Produktionsausfällen führen würde.

Text: bes., F.A.Z., 19.08.2005
Bildmaterial: F.A.Z.

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