China

Chinesen im Aktienfieber

Von Folker Dries

09. Januar 2007 Die chinesischen Sparer sind im Aktienrausch. Der Aktienkurs der China Life Insurance hat sich am Dienstag bei der Börsenpremiere in Schanghai mehr als verdoppelt. Auf Basis des Schlusskurses errechnet sich für den größten Lebensversicherer Chinas ein Marktwert von 141 Milliarden Dollar. Damit hat das Unternehmen europäische Versicherungskonzerne wie ING, Allianz oder Axa weit hinter sich gelassen. Nur mehr die American International Group (AIG) weist mit 186 Milliarden Dollar einen höheren Marktwert auf.

Allerdings ist das spektakuläre Börsendebüt der China Life vor allem ein Knappheitsphänomen: Das Staatsunternehmen hat nur gut 5 Prozent seines Aktienkapitals für umgerechnet 3,6 Milliarden Dollar an der Festlandbörse verkauft. Dem stand in der Plazierungsphase eine fast fünfzigmal höhere Nachfrage gegenüber. Zwar wird ein Viertel des Aktienkapitals schon seit Ende 2003 an der Börse Hongkong gehandelt. Diese H-Aktien können die Festlandchinesen aufgrund der Kapitalverkehrskontrollen aber nicht erwerben. Die in Schanghai notierten A-Aktien weisen denn auch in der Regel eine Knappheitsprämie gegenüber den H-Aktien auf. Im Fall der China Life erreichte diese Prämie am ersten Handelstag 50 Prozent. Mit anderen Worten: In Schanghai ist der Versicherer rechnerisch die Hälfte mehr wert als in Hongkong.

Fondsbranche wird mit Ersparnissen überflutet

In Hongkong gab die H-Aktie von China Life zeitgleich zur Börseneinführung in Schanghai sogar um fast 5 Prozent nach. Fachleute rechnen damit, dass sich der Kurs in Schanghai bald kräftig korrigieren wird. Schon auf Basis ihrer Hongkong-Notierung gilt die China Life als eine der teuersten Versicherungsaktien der Welt. Das Unternehmen wird an der Börse ungefähr mit dem Neunfachen seines Buchwertes bewertet. Bei den großen europäischen Versicherern liegt dieser Faktor nur bei knapp zwei. Die Aktienbegeisterung in China ist spätestens im vergangenen Jahr entbrannt, als die Regierung das inländische Verbot von Aktienneuemissionen aufhob und damit die Tür zur Teilprivatisierung vieler Staatsunternehmen weit aufschlug.

Um ausländische Investoren zu gewinnen, werden die Gesellschaften zwar stets in Hongkong eingeführt. Die dann oft folgende Plazierung in Schanghai sorgt in der Regel aber für kräftigen Kursauftrieb, weil die noch junge Fondsbranche Chinas derzeit mit Ersparnissen chinesischer Kleinanleger überflutet wird. Der Composite-Index der Börse Schanghai stieg in den vergangenen zwölf Monaten um 130 Prozent, eine Wertentwicklung, die sonst nur noch kleine Exotenbörsen erreichten.

Wie stark auch das ausländische Interesse an dem Wachstumsmarkt China ist, zeigte sich schon im vergangenen Jahr bei den Börsengängen der beiden Großbanken ICBC und Bank of China. ICBC, die größte chinesische Bank, plazierte bei ihrer Premiere in Hongkong und Schanghai Aktien im Wert von 22 Milliarden Dollar. Das ist seither der größte Börsengang aller Zeiten. ICBC ist zudem nach dem Börsenwert die größte Bank außerhalb Amerikas geworden. Inzwischen gibt es in China insgesamt sieben Aktiengesellschaften, die eine Börsenkapitalisierung von umgerechnet mehr als 100 Milliarden Dollar haben. Zum Vergleich: Die größten deutschen Aktiengesellschaften Allianz und Eon sind umgerechnet jeweils knapp 90 Milliarden Dollar wert.

Text: F.A.Z., 10.01.2007, Nr. 8 / Seite 11
Bildmaterial: Bloomberg, F.A.Z.

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