17. April 2008 Die weltweite Finanzmarktkrise ist nach Ansicht der führenden Wirtschaftsinstitute noch lange nicht ausgestanden. Die Vereinigten Staaten stünden am Rande einer Rezession. Es ist kaum abzusehen, wie weit die Immobilienpreise und die Aktienkurse noch fallen und wann sie ihren Tiefpunkt erreichen werden, schreiben die Experten in ihrem am Donnerstag veröffentlichten Frühjahrsgutachten. Auch seien weitere Liquiditätskrisen großer Finanzinstitute denkbar.
Immerhin verteilen die Forscher ein paar Trostpflaster für Deutschland. Die Banken hierzulande hätten die Krise im internationalen Vergleich gut weggesteckt. Das deutsche Bankensystem habe sich als relativ robust erwiesen.
Wie bereits am Vortag bekannt geworden, rechnen die Ökonomen mit einem Wirtschaftswachstum in Deutschland von 1,8 Prozent für 2008 und von 1,4 Prozent für 2009. Die Regierung geht von 1,7 Prozent 2008 aus. Das Wachstum flacht sich dem Gutachten zufolge zwar ab. Aber ein Abgleiten in die Rezession ist unwahrscheinlich, sagte Joachim Scheide vom Kieler Institut für Weltwirtschaft (IfW) am Donnerstag in Berlin.
Ungewöhnlich hohe Zahl von Arbeitstagen 2008
Dass der Zuwachs 2008 höher prognostiziert werde als 2009, liege fast ausschließlich an der ungewöhnlich hohen Zahl von Arbeitstagen in diesem Jahr, erklärte Scheide. Die konjunkturelle Dynamik ist tatsächlich im Jahr 2009 höher. Im Herbst waren die Institute noch von einem Wachstum des Bruttoinlandsprodukts (BIP) von 2,2 Prozent in diesem Jahr ausgegangen. In ihrer Frühjahrsprognose gaben sie jetzt erstmals auch eine mittelfristige Vorhersage ab. Danach dürfte im Zeitraum 2007 bis 2012 das BIP um durchschnittlich 1,5 Prozent im Jahr zunehmen.
Die Gutachter warfen der Bundesregierung Stillstand oder sogar Rückschritt in der Wirtschaftspolitik vor. Scheide forderte die Koalition auf, keine weiteren Mindestlöhne einzuführen, die Arbeitsmarktreformen fortzusetzen und heimliche Steuererhöhungen zurückzunehmen.
Weniger als drei Millionen Arbeitslose im kommenden Jahr
2009 werden laut Gutachten im Jahresschnitt weniger als drei Millionen Deutsche arbeitslos sein. Für eine nach wie vor positive Grundtendenz der Konjunktur spricht die Lage auf dem Arbeitsmarkt, heißt es in dem Gutachten. Die Zahl der Arbeitslosen werde 2008 voraussichtlich um rund 560.000 auf etwa 3,2 Millionen abnehmen. 2009 werde dann die Zahl der Arbeitslosen erstmals seit 1991 im Jahresdurchschnitt unter die Marke von drei Millionen sinken.
Das positive Bild der wirtschaftlichen Lage wird aber nach Ansicht der Ökonomen durch die hohe Inflationsrate getrübt. Sie rechnen damit, dass die Verbraucherpreise in diesem Jahr um 2,6 Prozent über Vorjahresniveau liegen werden. Im Jahr 2009 soll der Anstieg bei 1,8 Prozent liegen. Das Bruttoinlandsprodukt der Welt dürfte 2008 mit 2,7 Prozent merklich langsamer zulegen als in den vergangenen Jahren.
Bloß kein Konjunkturprogramm wie in Amerika
Die Institute raten der Bundesregierung davon ab, ein Konjunkturprogramm ähnlich wie in den Vereinigten Staaten aufzulegen. Uneins sind sich die Wirtschaftsforscher über die Auswirkungen von Mindestlöhnen: Fünf Institute befürchten negative Auswirkungen auf die Beschäftigung. Dagegen sagte Udo Ludwig vom Institut für Wirtschaftsforschung Halle: Probiert es mal mit einem niedrigen Mindestlohn.
Die Gemeinschaftsdiagnose wurde erstmals von acht Instituten erstellt. Beteiligt sind das Kieler IfW-Institut, das Münchner Ifo-Institut, das IWH aus Halle, das RWI Essen, das IMK aus Düsseldorf und das Züricher KOF sowie die beiden Wiener Institute Wifo und IHS.
Text: FAZ.NET
Bildmaterial: dpa, reuters
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