Finanzkrise

Die Banken wissen nicht, was sie tun

Von Thomas Schmitt

20. März 2008 Kaum ein Tag vergeht derzeit ohne eine neue Hiobsbotschaft aus der Bankenwelt. Heute allein sind es schon zwei: Die seit langem gebeutelte Mittelstandsbank IKB kann Kreditpakete nicht verkaufen. Die Folge: Noch höhere Verluste in diesem Jahr als ohnehin schon. Noch schlimmer ist der Fall der Credit Suisse. Das Management räumt absichtliche Manipulationen einzelner Mitarbeiter ein. Die Folge: Die Bilanz für das vergangene Jahr muss revidiert werden. Das ist ein Skandal.

Kein Wunder also, dass in solch einem Umfeld derzeit beinahe jedes, nur halbwegs plausible Gerücht an den Börsen sofort aufgenommen wird und in großen Kursbewegungen mündet. Meistens nach unten. Gestern traf es da die britische Bank HBOS, der nachgesagt wurde, dass sie in Liquiditätsschwierigkeiten sei. Die Aktie brach ein. Ein Beschleuniger dieser Spekulationen war übrigens mit einer negativen Analyse der Konkurrent JP Morgan. Das ist genau jene Bank, die erst kurz zuvor in Amerika den Konkurrenten Bear Stearns zum Spottpreis übernommen hat. Ohne JP Morgan wäre Bear Stearns zusammengeklappt.

„Denn sie wissen nicht, was sie tun“

„Denn sie wissen nicht, was sie tun“. Schon im Dezember wendeten wir den Titel des Halbstarkenfilms mit James Dean auf die gesamte Bankenwelt an. Wir haben nicht übertrieben. Aber wer hätte gedacht, dass dieser Vergleich auch Monate später noch so treffend sein würde?

Mitarbeiter im Stress: In Frankfurts Banken möchte niemand als „low performer...

Banken gehen mit Geld um, wir wollen ihnen vertrauen. Doch seit einem Jahr nehmen die Zweifel beinahe Tag für Tag zu, ob das vernünftig von uns ist. Denn die Banken erledigen ihre Aufgaben schlecht.

Für nahezu jedes große Finanzinstitut ist es zur Regel geworden, alle paar Wochen neue Hiobsbotschaften zu verkünden. Das beste Beispiel dafür ist die die IKB, die zu den ersten Opfern der Kreditkrise zählte. Die Düsseldorfer hatten sich mit fragwürdigen Kreditanlagen und merkwürdigen Gesellschaften außerhalb ihrer Bankbilanz verspekuliert. Mittelbar muss seitdem hierzulande über die öffentliche Bank KfW der Staat ständig eingreifen, um eine größere Krise und einen Kollaps der Bank zu vermeiden.

Das IKB-Muster ist inzwischen weltweit zum Vorbild geworden. Die Engländer waren die nächsten. Ein wenig langsam zwar, doch am Ende stützte die dortige Notenbank doch die Hypothekenbank Northern Rock.

Der Kollaps der Investmentbank Bear Stearns hat schließlich vor kurzem belegt, dass selbst amerikanische Banken mit jeder Hilfe des Staates rechnen dürfen, wenn sie in Not geraten. Die Zentralbank ist ja ohnehin seit Monaten im Dauereinsatz, indem sie Milliarde auf Milliarde in das Finanzsystem pumpt, damit die Geldgeschäfte weiter laufen.

Die Liste der Negativbeispiele aus der Bankenwelt füllt inzwischen viele Seiten. Neben Bear Stearns war der Niedergang der französischen Société Génénerale der größte Schock. Ein einziger Händler verursachte Milliardenverluste, indem er seine Transaktionen und Verluste in Milliardenhöhe so geschickt verschleierte, bis es nichts mehr zu verschweigen gab.

Was kommt denn noch?

Ob Citigroup oder Merrill Lynch, ob UBS oder Deutsche Bank - jedes große Finanzinstitut erweckt Zweifel, ob ihre Chefs wirklich auf der Höhe ihrer Zeit sind. Erst stellen sie alles als gar nicht so schlimm hin, und kurze Zeit später verkünden sie - entsprechend ärgerlich natürlich - dann doch die nächste Hiobsbotschaft. Schuld sind übrigens immer die anderen in der eigenen Bank - egal ob manipuliert, getrickst oder etwas verschwiegen haben. Was ist eigentlich mit den Chefs selbst?

Die Wahrheit über das ganze Ausmaß der Bankenkrise dringt auf diese Weise nur nach und nach in die Öffentlichkeit. Und bei jeder neuen Milliarde, die noch irgendwo abgeschrieben wird, schwingt das Gefühl mit: Das hätten die doch auch schon viel früher sagen können. Und die Frage: Was kommt denn noch? Verschweigen uns die Banken vielleicht absichtlich das ganze Ausmaß der Misere?

Sie können offenbar nicht anders, weil sie für viele neuartige Finanzprodukte, die jetzt Probleme verursachen, noch keine Beurteilungsmaßstäbe besitzen - erschreckenderweise anscheinend auch nach fast einem Jahr Krise noch nicht. Das erleichtert offenbar noch immer Tricksereien und Manipulationen in vielfältiger Form. Mit anderen Worten: Die Bankchefs wissen noch immer nicht in vollem Umfang, was ihre Leute eigentlich getan haben und was sie immer noch tun.

Den Vorständen geht es da nicht besser als vielen Investoren. Diese wussten auch nicht wirklich, was sie da an neuartigen, zerstückelten und wieder verpackten Krediten gekauft hatten. Solange das System funktionierte, man einander vertraute und alle Seiten profitierten, musste sich darüber auch keiner Gedanken machen.

Seit jedoch viele neuartige Finanzkonstruktionen nicht mehr handelbar sind, haben alle zusammen ein gewaltiges Problem. Denn aus dem vertrauensvollen Miteinander ist ein misstrauisches Gegeneinander geworden. Banken gegen Banken. Investoren gegen Investoren. Banken gegen Investoren.

Diese Situation ist Gift für die gesamte Geldbranche, der Kollaps von Bear Stearn ist dafür der beste Beleg. Die Profis machen einen jämmerlichen Eindruck, und die Zuschauer reiben sich verwundert die Augen: Was ist denn da bloß los? Erst Freund, dann Feind. Wer soll das noch verstehen?

Leider ist aus dieser verfahrenen Situation unverändert nur eins zu schließen: Es kann noch Monate dauern, bis diese Kreditkrise verarbeitet ist. Natürlich, so schlau waren wir vor drei Monaten auch schon. Hinzufügen wäre heute nur die Bitte: Liebe Banken, lasst es nicht Jahre dauern. Ostern ist daher ein guter Zeitpunkt, um darauf zu hoffen, dass die Banken bald endlich wissen, wieviel faule Eier sie wohin gelegt haben.

Die in dem Beitrag geäußerte Einschätzung gibt die Meinung des Autors und nicht der FAZ-Redaktion wider.



Text: @stt
Bildmaterial: Company data, Goldman Sachs Research estimates, Datastream, Goldman Sachs Research estimates, dpa, F.A.Z., Reuters, Worldscope, Goldman Sachs Research estimates

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