28. September 2006 Globale Ungleichgewichte in den Leistungsbilanzen verschiedener Länder bedrohen die Weltwirtschaft. Davor warnen viele Fachleute bereits seit geraumer Zeit, darunter die Ökonomen des Internationalen Währungsfonds (IWF). Auf Dauer ließen sich das hohe Defizit in der amerikanischen Leistungsbilanz und die hohen Überschüsse anderer Staaten nicht aufrechterhalten. Das Risiko einer ungeordneten Anpassung werde größer: eines Kursrutsches des Dollar, eines Sprungs der Kapitalmarktzinsen und einer Rezession in Amerika, welche die Weltwirtschaft hinabziehen werde.
Die Fakten nehmen sich zunächst weit weniger dramatisch aus: Auf der einen Seite steht das in der Tat hohe Defizit in der amerikanischen Leistungsbilanz. Es ist in den vergangenen Jahren stetig gewachsen und beträgt inzwischen 6,6 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Auf der anderen Seite stehen die Überschußländer in Asien, vor allem China und Japan, und eine Reihe von ölexportierenden Staaten. Allein China erzielte im Waren- und Dienstleistungshandel mit Amerika 2005 einen Überschuß von mehr als 200 Milliarden Dollar. Dieses Jahr dürften es nochmals deutlich mehr sein. Hierzu hat beigetragen, daß China seit langem eine nennenswerte Aufwertung seiner Landeswährung Yuan nicht zuläßt. Auf diese Weise verschafft das Land sich einen Preisvorteil auf den Weltmärkten.
Das Defizit als Nebenwirkung des Wachstums
Das Defizit in der amerikanischen Leistungsbilanz ist aber vor allem Folge des schnellen Wirtschaftswachstums der vergangenen Jahre. Weil Amerika mehr konsumiert, als es selbst herstellt, muß es den zusätzlichen Bedarf über die Einfuhr decken. Das gilt für chinesische T-Shirts und Spielwaren ebenso wie für Öl aus Saudi-Arabien und Venezuela. Das Geld für diese Einkäufe stammt zu einem Großteil von ausländischen Investoren; sie tragen ihr Geld in der Hoffnung auf eine ansehnliche Verzinsung nach Amerika, sei es an die Börse oder in Form von Direktinvestitionen.
Es handelt sich um viele Milliarden Dollar jeden Tag. Einen erheblichen Beitrag zur Finanzierung des Defizits leisten seit Jahren auch ausländische Notenbanken, insbesondere die der Überschußländer. Die chinesische Zentralbank interveniert zur Schwächung des Yuan regelmäßig auf dem Devisenmarkt und sitzt inzwischen auf einem riesig hohen Berg von Währungsreserven, der vor allem aus amerikanischen Staatsanleihen besteht. China hat so die Haushaltsdefizite der amerikanischen Regierung in den vergangenen Jahren zu einem großen Teil finanziert.
Das Rezept ist bekannt
Der IWF hat kürzlich multilaterale Gespräche mit den führenden Wirtschaftsmächten angestoßen in der Absicht, das Risiko einer turbulenten Korrektur der Ungleichgewichte zu verringern. Das Rezept hierzu ist bekannt: Die Vereinigten Staaten müssen ihre Haushaltskonsolidierung vorantreiben und die private Ersparnis erhöhen. China muß seinen Wechselkurs flexibilisieren und die Binnenwirtschaft stärken. Europa und Japan müssen Strukturreformen umsetzen, um die Leistungsfähigkeit ihrer Volkswirtschaften und die Nachfrage nach amerikanischen Waren zu steigern. An der Umsetzung der Maßnahmen hat es bisher gemangelt.
Die ökonomische Zunft ist sich freilich nicht einig, wie wahrscheinlich das düstere Szenario einer drastischen Korrektur der globalen Ungleichgewichte ist. Kenneth Rogoff, Ökonom an der Harvard-Universität und ehedem Chefvolkswirt des IWF, hält eine solche Korrektur angesichts der steigenden Auslandsschuld Amerikas letztlich für unausweichlich. Eine Abwertung des Dollar von - handelsgewichtet - 20 bis 40 Prozent sei dann möglich.
Anders sieht es sein Harvard-Kollege Richard Cooper: Amerika habe einen Vorteil gegenüber dem Rest der Welt in "der Produktion marktfähiger Wertpapiere und darin, Forderungen mit geringem Risiko gegen riskantere Vermögenswerte zu tauschen". Es sei darum kaum überraschend, daß Sparer aus aller Welt einen kleinen, aber wachsenden Teil ihres Kapitals nach Amerika brächten. "Das Leistungsbilanzdefizit wird wohl noch für einige Jahre hoch bleiben", sagt Cooper.
Text: ctg. / F.A.Z., 29.09.2006, Nr. 227 / Seite 14
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa/dpaweb
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