05. Mai 2004 Langsam, aber beharrlich kommt die wirtschaftliche Erholung im Euro-Raum voran. Auf dem Weg aufwärts haben die Europäer in den vergangenen Monaten manche Enttäuschung erlebt. Die Produktion im verarbeitenden Gewerbe hat am Jahresanfang nachgegeben, und die Einzelhändler haben den Verkaufsschub vom Januar nicht halten können. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) dürfte nach Schätzungen von Bankvolkswirten im ersten Vierteljahr kaum schneller als in der zweiten Jahreshälfte 2003 gewachsen sein. Offizielle Angaben liegen noch nicht vor.
Hinzu kommen Sorgen über den mittlerweile auch in heimischer Währung steigenden Ölpreis und die höheren Rohstoffpreise, die erst zuletzt leicht fielen. Zusammen mit schwächeren Aktienmärkten ist das die Mischung, die Unternehmen, Konsumenten und auch Volkswirte nachdenklich stimmt und zumindest kurzfristig verunsichert.
EZB setzt weiter auf moderate Erholung
Dagegen hält die Europäische Zentralbank (EZB), die an diesem Donnerstag abermals über den Leitzins für den Euro-Raum entscheidet, wie ein Fels in der Brandung an ihrem Szenario einer moderaten wirtschaftlichen Erholung fest. Dafür gibt es gute Gründe. Die Weltwirtschaft wächst außerhalb des Euro-Raums kräftig.
Der Euro hat in den vergangenen Wochen gegenüber dem amerikanischen Dollar nicht mehr aufgewertet. Als Folge des vergangenen Wertzuwachses lag der Euro-Kurs zwar im ersten Quartal gegenüber den wichtigsten Handelspartnern real um rund 7 Prozent höher als im Vorjahreszeitraum. Die damit einhergehende Dämpfung des Exports wird freilich durch den ausländischen Nachfrageschub mehr als ausgeglichen.
Positive Umfragen
Optimistisch stimmt auch, daß die Konjunkturumfragen im Euro-Raum im April ein positives Bild zeichnen. Die Unternehmen des verarbeitenden Gewerbes fassen nach der anhaltend gedämpften Stimmung im ersten Quartal wieder Zuversicht. Die Umfragen der Europäischen Kommission und auch der für Reuters erhobene Einkaufsmanagerindex zeigen an, daß die Produktion sich deutlich erholt hat.
Die Auftragsbücher haben sich vor allem dank ausländischer Bestellungen weiter gefüllt. Das läßt für das zweite Quartal auf eine spürbare Belebung der Konjunktur hoffen, wenn auch die Produktionserwartungen der Unternehmen zuletzt noch stagnierten und wenn auch die Kapazitätsauslastung im April noch einmal leicht zurückging.
Zunahme bei Investitionsnachfrage noch zweifelhaft
Noch unsicher ist, ob die Industrie Unterstützung von einer zunehmenden Investitionsnachfrage erhält. Der Zuwachs der Bruttoanlageinvestitionen im Schlußquartal 2003 gründete überwiegend in Bauinvestitionen, nicht aber in Ausrüstungsinvestitionen. Bei letzteren staut sich zwar unabdingbar ein Bedarf an Ersatzanschaffungen auf, dessen Auflösung die Konjunktur beleben könnte.
Inwieweit die Unternehmen aber dazu schon bereit sind, ist angesichts der allgemeinen Verunsicherung etwa in Deutschland, dem größten Staat im Euro-Raum, über den Fortgang des politischen Reformkurses fraglich. Die großen deutschen Forschungsinstitute zumindest haben ihre Prognose für das Investitionswachstum im Euro-Raum in diesem Jahr von plus 1,9 Prozent im Herbst auf nun 2,3 Prozent angehoben. Sie setzen darauf, daß die Erholung in den kommenden Monaten von dieser Seite her gestützt wird.
Problem Konsum
Vom privaten Konsum läßt sich dies noch nicht sagen. Der reale Einzelhandelsumsatz ist in den ersten beiden Monaten des Jahres gewachsen. Die Aufwärtsbewegung des Verbrauchervertrauens stockte jedoch, was die große Unsicherheit der Verbraucher widerspiegelt. Konjunkturforscher verschieben ihre Erwartung einer durchgreifenden Besserung des Konsums allmählich auf das kommende Jahr. Dabei gibt es durchaus positive Signale.
So hat sich die Stimmung im Einzelhandel nach den Umfragen der Kommission bis zuletzt gebessert. Auch hat sich die Sorge nicht bewahrheitet, daß die Terroranschläge in Madrid im März das Konsumklima belasten würden. Selbst die spanischen Konsumenten waren im April zuversichtlicher gestimmt als zuvor. Die Preiserwartungen der Konsumenten im Euro-Raum sind zuletzt gefallen. Möglicherweise ist dies ein weiterer Schritt zum Abbau der hohen "gefühlten Inflation", die nach Mutmaßung der EZB den Verbrauch hemmt.
Vom Arbeitsmarkt her wird der Konsum in den kommenden Monaten keine Entlastung erfahren. Die Zahl der Arbeitslosen im Euro-Raum ist im März saisonbereinigt weiter gestiegen. Immerhin sind die Beschäftigungserwartungen der Unternehmen im nerarbeitenden Gewerbe und im Einzelhandel weiter im Aufwärtstrend. Doch führt kein Weg daran vorbei, daß eine durchgreifende Besserung am Arbeitsmarkt kräftigeres Wirtschaftswachstum als zuletzt voraussetzt.
Geldpolitik schiebt
Die Wachstumserwartungen für den Euro-Raum sind zuletzt überall nach unten revidiert worden, als Folge des erwarteten schwachen ersten Quartals. Die deutschen Institute senkten ihre Projektion von 1,7 auf 1,6 Prozent in diesem Jahr und erwarten für 2005 einen BIP-Zuwachs von 2 Prozent. Das läge am unteren Rande des inflationsneutralen Potentialwachstums von 2 bis 2,5 Prozent.
Den Verbraucherpreisanstieg setzen die Institute mit jahresdurchschnittlich 1,7 und 1,8 Prozent an. Das liegt im Bereich der Preisstabilität, wie sie die EZB versteht, und spricht gegen eine Zinssenkung. Diese könnte ohnehin nur ein überwiegend psychologisches Signal setzen: Beim jetzigen Leitzins von 2 Prozent liegt der reale Zinssatz bei null Prozent. Unverändert schiebt die Geldpolitik die Konjunktur an, auch wenn das Kreditwachstum bis zuletzt schwach blieb.
Trotz der ruhigen Preisperspektiven zeigen sich Zeichen eines beginnenden Preisdrucks auf der Erzeugerstufe. Die Preiserwartungen der Unternehmen weisen nach Umfragen deutlich nach oben. Die gewerblichen Preise für den Inlandsabsatz sind im März den dritten Monat in Folge, und zwar um 0,6 Prozent gegenüber dem Vormonat, gestiegen, als Folge der höheren Energie- und Rohstoffpreise. Auch in der Vorjahresrate, die durch Basiseffekte verzerrt ist, zeichnet sich der Aufstieg der Erzeugerpreise schon ab. Noch ist dieser Preisdruck nach oben verhalten, doch beobachtet ihn die EZB aufmerksam.
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 05.05.2004, Nr. 104 / Seite 15
Bildmaterial: F.A.Z.
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