Entwicklungshilfe

„Am stillen Tsunami sterben jeden Monat 150.000 Kinder“

Jeffrey Sachs, Ökonom an der Columbia-Universität

Jeffrey Sachs, Ökonom an der Columbia-Universität

20. Januar 2005 Jeffrey Sachs widerlegt das Vorurteil, nach dem Ökonomen kaltherzig sind. Der Wirtschaftsprofessor der Columbia-Universität hat sich in die Dienste der Vereinten Nationen gestellt. Als Millenniumsbeauftragter reist er durch die Welt, um für das gleichnamige Aktionsprogramm zu werben. Es sieht unter anderem vor, den Anteil der extrem armen Menschen und Hungernden bis zum Jahr 2015 zu halbieren.

Herr Sachs, wird die Hilfe für die von der Flutwelle betroffenen Länder zu Lasten der Millenniumsziele der Vereinten Nationen gehen?

Die Flutwelle hat den Menschen die Augen geöffnet, wie wichtig Hilfe ist und daß die reichen und armen Länder zusammenhängen. Sie hat auch den Menschen die mit den Millenniumszielen verbundenen Herausforderungen aufgezeigt.

Nochmals: Wird die Hilfe für Indonesien nicht auf Kosten anderer Länder geleistet?

Kurzfristig ist es möglich, daß Gelder umgelenkt werden. Aber die Summen, um die es in Asien und in Afrika geht, können nicht miteinander verglichen werden. Die Hilfe für die Flutopfer macht wenige Milliarden Dollar aus. Um die Millenniumsziele zu verwirklichen, brauchen wir zusätzliche Gelder im höheren zweistelligen Milliardenbereich.

Braucht die Menschheit stets Katastrophen, um auf die armen Länder aufmerksam zu werden?

Auf der Welt gibt es viele Menschen, die von Malaria geplagt werden oder die hungern. Sie erscheinen auf keinem Bildschirm. Ich nenne das den stillen Tsunami. Jeden Monat sterben in Afrika so viele Kinder an Malaria, wie Menschen bei der Flutwelle ums Leben kamen: 150000 Kinder, wenn nicht sogar mehr. Dabei gibt es Lösungen für das Elend.

Sie fordern vor allem mehr Mittel für die armen Länder. Es gibt aber gerade in Afrika genügend Beispiele für Länder, denen wie Tansania stets überdurchschnittlich geholfen wurde, aber deren Pro-Kopf-Einkommen seit Jahrzehnten stagniert.

In Tansania hat sich die Entwicklungshilfe positiv auf das Gesundheitswesen, die Bildung und die Verringerung der Analphabetenrate ausgewirkt. Man muß zudem die Historie sehen. Erst erhielten die armen Länder erhebliche Mittel, aber nicht als Zuschüsse, sondern als Darlehen. Das hat auch mit dazu beigetragen, daß diese Länder in eine Verschuldungskrise geraten sind. Dann hat man den armen Ländern Strukturanpassungsprogramme aufgezwungen. Beispielsweise hatte Tansania seine Ausgaben zu kürzen. Als Folge davon ist dort die Qualität der Infrastruktur, der Bildung und des Gesundheitswesens drastisch zurückgegangen. Nach den damaligen Vorstellungen reichte es aus, die Märkte zu liberalisieren und den Gürtel enger zu schnallen, um die armen Länder in die Lage zu versetzen, ihre Schulden zurückzuzahlen. Das war falsch, wie sich gezeigt hat. Die Krise verschärfte sich, die Aids-Epidemie weitete sich aus, das Leiden wuchs.

Hat nicht in den vergangenen vier, fünf Jahren ein Umdenken stattgefunden?

Genau, man hat erkannt, daß Schulden erlassen werden müssen und die finanzielle Entwicklungshilfe ausgebaut werden muß. Unsere Ausgangsfrage bei den Vereinten Nationen war: Ist die Entwicklungshilfe verschwendet worden, oder ist sie nur falsch eingesetzt worden? Wir kamen zu dem Ergebnis, daß die von Armut betroffenen Länder zuwenig Geld erhalten. Ein typisch afrikanisches Land bekommt durchschnittlich je Kopf rund 25 Dollar Entwicklungshilfe. Das reicht auf jeden Fall nicht. Deshalb brauchen wir mehr Geld. Wenn ein Feuerwehrmann allein ein brennendes Wohnviertel nicht löschen kann, dann sollte man mehr Feuerwehrleute zur Brandstelle schicken. Das gilt auch für die Entwicklungshilfe.

Was heißt das konkret?

Für uns ist von Interesse, was wir benötigen, um die Millenniumsziele zu verwirklichen. Unsere Berechnungen haben ergeben, daß man durchschnittlich je Kopf 110 Dollar braucht, um Infrastrukturmaßnahmen, Schulen, Malarianetze und andere überlebenswichtige Hilfen zu finanzieren. Dies können die armen Länder nicht allein, da dieser Betrag rund 30 Prozent ihres Bruttoinlandsprodukts entspricht. In manchen Ländern betragen die Steuereinnahmen nur 15 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Dennoch sollten sich diese Länder an der Finanzierung dieser 110 Dollar je Kopf beteiligen. Trotzdem bleibt eine Finanzierungslücke von rund 65 Dollar, die es zu schließen gilt. Augenblicklich liegt die Entwicklungshilfe bei 25 Dollar pro Kopf. Es bleibt also eine Lücke von 40 bis 50 Dollar je Kopf.

Was heißt das für die reichen Länder?

Die reichen Länder sollten zunächst 0,5 Prozent ihres Bruttoinlandsprodukts für Entwicklungshilfe zur Verfügung stellen. Das würde reichen, um die Millenniumsziele zu verwirklichen. Berücksichtigt man zusätzlich weitere notwendige Hilfsmaßnahmen, dann sind wir bei den vereinbarten 0,7 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Das halten bisher nur sehr wenige Länder ein.

Wie sehen Sie die Rolle Deutschlands?

Die deutsche Regierung hat sich zu den Millenniumszielen bekannt und entwirft auch gute entwicklungspolitische Konzepte. Sie hat sich auch dazu bekannt, das Finanzierungsziel von 0,7 Prozent zu erreichen. Die Vereinten Nationen fordern von Deutschland nur das, was die Bundesregierung versprochen hat. Worte und gute Wünsche reichen nicht aus. Allerdings sehe ich, daß Deutschland wegen der deutschen Einheit noch Budgetprobleme hat. Daher sollte Deutschland, aber auch ganz Europa einen Zeitplan vorlegen, wie sie bis zum Jahr 2015 das Ziel von 0,7 Prozent erreichen wollen.

Was passiert, wenn sich in den Industrieländern nichts ändert?

Die Investitionen in den Entwicklungsländern sind zu gering, um mit dem Bevölkerungswachstum Schritt zu halten. Als Folge davon vergrößert sich die Armut, nimmt die Umweltzerstörung zu und breiten sich Krankheiten aus. Die Tragödie der ärmsten Länder besteht darin, daß gerade sie die höchsten Bevölkerungswachstumsraten aufweisen. Wenn wir jedoch mehr Geld in diese Länder investieren, dann wird auch das Bevölkerungswachstum zurückgehen.

Was halten Sie von dem Schlagwort "Handel, nicht Hilfe"?

Das ist ein unpassender Spruch, der nichts mit der Wirklichkeit gemein hat. Sowohl Handel als auch Entwicklungshilfe werden benötigt. Die ärmsten Länder müssen ihre Infrastruktur aufbauen, um am Handel teilnehmen zu können.

Deutschland leistet Transferzahlungen von rund 4 Prozent seines Bruttoinlandsprodukts für den Aufbau in den neuen Bundesländern, und trotzdem springt dort die Wirtschaft nicht an.

Ich stimme Ihnen zu, daß finanzielle Hilfe alleine nicht ausreicht, um die Armut zu besiegen. Hand in Hand mit der Entwicklungshilfe wird es auch soziale und kulturelle Veränderungen geben, etwa die Anerkennung der Rechte der Frauen. Doch wir fordern von der deutschen Regierung auch nicht, daß sie die Lebensverhältnisse in Tansania in den nächsten fünfzehn Jahren auf das deutsche Niveau bringt. Wir wollen nur, daß die ärmsten Länder die Möglichkeit erhalten, sich zu entwickeln. Und das muß finanziell unterstützt werden.

Die hohen Wachstumsraten in Ländern wie China und Indien sind nach Meinung von Fachleuten das Resultat einer erfolgreichen Politik in diesen Ländern und nicht das Ergebnis der Entwicklungshilfe.

Das stimmt so nicht. Die wirtschaftlichen Erfolge Chinas und Indiens sind in großem Maße das Ergebnis einer grünen Revolution, die in diesen Ländern vor rund 30 bis 40 Jahren stattgefunden hat. Die Grundlage hierfür hat beispielsweise die Rockefeller-Stiftung geschaffen, die wissenschaftliche und technologische Entwicklung in der Landwirtschaft stark unterstützt hat. Diese grüne Revolution brauchen wir jetzt auch in Afrika. Die reichen Länder sollten nicht vergessen, daß sie in ihrer Geschichte auch Hilfe von anderen Ländern erhalten haben.

In Deutschland ist eine Diskussion im Gange, ob China und Indien weiterhin Entwicklungshilfe erhalten sollten. Sollte sich Deutschland künftig auf andere Länder konzentrieren?

Ja. Jedes Land sollte die Entwicklungshilfe erhalten, die es benötigt. China benötigt keine Entwicklungshilfe mehr. China sollte vielmehr in Zukunft nicht mehr Empfängerland, sondern Geberstaat sein. Indien wird in diesem Jahrzehnt noch Hilfe benötigen, doch das Land befindet sich auf einem guten Weg.

Trotzdem leben in China noch sehr viele arme Menschen.

Das stimmt. Doch die Zahl der Armen geht rasch zurück. Dieses Land braucht keine Hilfe mehr. Dagegen nimmt die Zahl der Armen in Afrika dramatisch zu. Allerdings sollte man schlecht regierten Ländern wie Zimbabwe nicht helfen. In Afrika gibt es jedoch viele Länder, die nichts besitzen und dennoch gut regiert werden.

Das Gespräch führten Matthias Müller und Manfred Schäfers



Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20.01.2005, Nr. 16 / Seite 13
Bildmaterial: AP

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