Rasanter Preisanstieg

Asien fürchtet die Inflation

Von Christoph Hein

Steigende Preise für Lebensmittel machen den Indern zu schaffen

Steigende Preise für Lebensmittel machen den Indern zu schaffen

26. März 2008 Für Frau Chodankar ist der Gang auf den Markt keine Freude mehr. "Die Zwiebeln haben sich im Preis mehr als verdoppelt. Auch Mehl und Frittieröl kosten viel mehr. Wenn das so weitergeht, muss ich noch meinen Goldschmuck versetzen", schimpft die Hausfrau und Mutter von drei Kindern auf dem Crawford Market in Bombay. Die Preise in Asien steigen rasant. Im Dreieck zwischen Sydney, Peking und Delhi wird die Inflation inzwischen als die größte Gefahr für wirtschaftliche Entwicklung und sozialen Frieden angesehen. Gepaart mit langsamerem Wachstum und schwächeren Ausfuhren, entsteht eine Mischung, die Politiker, Manager und Normalbürger gleichermaßen besorgt.

"Wir sehen den Inflationsdruck in der gesamten Region steigen. Er wird zur größten Herausforderung für die Volkswirtschaften", sagt Yiping Huang von der Citigroup in Hongkong. Wer wissen will, worum sich Asiens Wirtschafts- und Finanzpolitik dreht, der braucht nur einen Blick in den jüngsten Analystenkommentar der Singapurer DBS Bank zu werfen. "China: Inflationsbekämpfung", "Indien: Langsameres Wachstum, Inflation", "Philippinen: Wachsamkeit gegenüber Inflation"lauten die Überschriften. Im Stadtstaat Singapur ist die Preissteigerung die höchste seit einem Vierteljahrhundert, in China hat sie den höchsten Stand seit elf Jahren erreicht, in Vietnam legten die Preise im März um 19,4 Prozent im Jahresvergleich zu. Besserung ist nicht in Sicht: "Asiens Inflation wird in den kommenden Monaten weiter zulegen", heißt es bei Dresdner Kleinwort. Hand in Hand mit den steigenden Preisen geht die immer lautere Forderung nach höheren Löhnen. Sie belasten gerade die Exportwirtschaft.

Die Regierungen sehen nur einen Ausweg: Subventionen

Drückend lastet die Preissteigerung vor allem auf China. Ministerpräsident Wen Jiabao erklärte zum Abschluss des Volkskongresses gerade, "mit Macht" gegen die Inflation vorgehen zu wollen. Doch auch er kann keine Wunder vollbringen. Die aber braucht es: Die Preissteigerung in China, auch getrieben vom Winterdesaster im Februar, lag vergangenen Monat bei 8,7 Prozent. In Indien liegt die Rate bei 6,1 Prozent für die Kosumenten auf dem Lande. Schweinefleisch ist in China heute 60 Prozent teurer als vor einem Jahr. In Vietnam kostete Diesel im Februar 36 Prozent mehr als noch vor einem Jahr. In Indien hat sich der Preis für die Tonne Palmöl seit 2004 fast verdreifacht. "Wir stehen unter einem enormen Druck, die Inflation zu bekämpfen. Es ist ein täglicher Kampf. Ich versichere Ihnen, dass wir jedes uns zur Verfügung stehende Mittel ergreifen, sie im Zaume zu halten", sagt Indiens Finanzminister Palaniappan Chidambaram. Der Hausfrau Kurara Chodankar wird das wenig helfen. Allerdings bleibt ihr ein Wahlzettel, auf dem sie in Jahresfrist über die nächste Regierung der größten Demokratie der Welt mitentscheiden können wird. Und das bereitet Chidambaram Sorgen.

Andere verlassen sich schon nicht mehr auf den Wahlzettel. In Indonesien, dem bevölkerungsreichsten muslimischen Land der Erde, kam es in den vergangenen Wochen wegen steigender Preise immer wieder zu Zusammenstößen. Die Inflationsrate beträgt nun 7,4 Prozent. Immer mehr Menschen in Asien, wo die meisten Armen der Welt leben, können sich ihre gewohnten Mahlzeiten nicht mehr leisten. Dabei sind die Gründe für den Anstieg der Preise zahlreich: Die weltweite Rohstoffhausse lässt die Preise von Benzin bis Weizen rasch anziehen. Eine heranwachsende Mittelschicht entwickelt den Drang nach Mobilität und besserem Essen. In Erzeugerländern wie Australien herrscht Knappheit nach Dürren, in China trieben grassierende Schweineseuche und die Wetterkapriolen die Lebensmittelpreise.

Die Regierungen sehen nur einen Ausweg: Sie erhöhen die Subventionen für Grundnahrungsmittel und Treibstoff. So hat Indien seit Juni 2006 keine Preissteigerungen mehr für Diesel zugelassen - obwohl die Ölpreise im vergangenen Jahr um 57 Prozent zulegten. Mit solchen Methoden freilich spielen die Politiker mit dem Feuer. Denn sie verhindern Marktpreise, verleiten zu Spekulationen, zerstören Wettbewerb und wälzen Probleme auf den Steuerzahler ab.

Die Zinsen werden erhöht

Die Zentralbanken reihen unterdessen eine Zinserhöhung an die andere. China hat allein 2007 sechs Zinserhöhungen erlebt, Vietnam hat gerade erstmals nach 2005 die Zinsen anheben müssen. Ein Königsweg sind höhere Zinsen nicht. Schwingt doch immer die Angst mit, das dringend benötigte Wachstum abzuwürgen. Zugleich öffnen hohe Zinsen in Asien angesichts fallender Zinsen in Amerika Tür und Tor für spekulatives Geld - zumal der Außenwert der asiatischen Währungen steigt. Die Politiker fürchten das schnell bewegte Geld aus dem Westen: Denn es wandert genauso rasch wieder ab und führt damit zu raschen Einbrüchen an den Börsen.

Auch die Bekämpfung der Liquiditätsschwemme über den Devisenmarkt ist für die Asiaten schwierig - denn fast alle ihre Währungen sind nicht frei konvertierbar. Ein weiterer Anstieg gegenüber dem amerikanischen Dollar gefährdet zudem die Gewinne der Exporteure, das Herz von Asiens Wirtschaft. Kurara Chodankar wird bald noch mehr für Gemüse, Öl und Gewürze zahlen müssen. "Warum soll ich Politiker wählen, unter denen normalen Leute wie uns das Geld wegschmilzt?", fragt sie sich. Wenigstens bleibt ihr das Kreuz auf dem Wahlzettel. Chinesen bleibt auch dieses Ventil verwehrt.

Text: F.A.Z., 26.03.2008, Nr. 71 / Seite 13
Bildmaterial: dpa

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