Statistisches Bundesamt

Höchste Inflation seit 1994

Von Lukas Weber

29. Dezember 2007 Kurz vor dem Ende des Jahres bestätigt das Statistische Bundesamt die Wahrnehmung der Bürger: Die Verbraucherpreise sind 2007 so stark gestiegen wie schon lange nicht mehr. Auf der Basis der Zahlen aus sechs Bundesländern (Nordrhein-Westfalen, Baden-Württemberg, Bayern, Hessen, Sachsen und Brandenburg) berechnen die Statistiker einen Jahresdurchschnitt von 2,2 Prozent. Eine ähnlich hohe Teuerungsrate hat es zuletzt im Jahr 1994 gegeben, damals waren es 2,7 Prozent. Nach dem stürmischen Preisauftrieb im Jahresverlauf ist im Dezember allerdings etwas Ruhe eingekehrt. Die Inflationsrate, die im November mit 3,1 Prozent im Jahresvergleich noch den höchsten Stand seit Januar 1994 erreicht hatte, ist im Dezember auf 2,8 Prozent gesunken.

Ein Teil der Preissteigerung im ablaufenden Jahr ist als Folge der Mehrwertsteuererhöhung zu Anfang des Jahres allerdings von der Politik hausgemacht. Insgesamt sind die Preise damit stärker gestiegen als die Löhne. Zwar haben die Bruttoentgelte der Arbeitnehmer im laufenden Jahr um rund 3 Prozent zugelegt; nach Abzug der Steuern und Abgaben bleiben davon aber nur noch knapp 2 Prozent übrig.

EZB warnt vor Lohn-Preis-Spirale

Die Entwicklung in Deutschland fügt sich in dieser Hinsicht in die Gesamtdaten für Europa ein. Die Europäische Zentralbank (EZB) hat deshalb in den vergangenen Tagen immer wieder vor einer lange andauernden Inflation im Euro-Raum und der Gefahr einer Lohn-Preis-Spirale gewarnt. Deren Präsident Jean-Claude Trichet hatte die Befürchtung geäußert, erst im Verlauf des nächsten Jahres werde sich die Teuerung schrittweise abschwächen. Am Freitag prognostizierte auch das Direktoriumsmitglied Jürgen Stark einen unveränderten Inflationsdruck. Die EZB rechne für die kommenden Monate weiterhin mit erhöhten Inflationsraten, sagte Stark der „Börsen-Zeitung“. Zwar sei dies ein von Sonderfaktoren getriebenes temporäres Phänomen. Aber es könne „durchaus sein, dass die Rohstoffpreise sich in bestimmten Regionen nicht so entwickeln wie erhofft. Dann bleibt auch der Aufwärtsdruck bei der Inflation ein Thema.“

Tatsächlich haben im zu ende gehenden Jahr vor allem die kräftig gestiegenen Preise für Energie und Lebensmittel den Verbrauchern die Kauflaune geraubt. Gerade die sind als Güter des täglichen Bedarfs wichtig für die gefühlte Inflation, während sich sinkende Preise zum Beispiel für Unterhaltungselektronik aus dem Warenkorb der Statistiker nur dann auswirken, wenn man gerade Geräte kauft. Heizöl und Benzin zum Beispiel waren um ein Fünftel bis ein Viertel teurer als vor Jahresfrist. Hinzu kommen die gestiegenen Preise für Strom. Beim Öl macht sich allerdings auch ein statistischer Effekt bemerkbar: Ende 2006 waren die Preise zum Teil erheblich gesunken - entsprechend fällt ein Jahr später die Teuerungsrate aus.

23 Minuten für ein Kilo Schweinekotelett

Hinsichtlich der Lebensmittel sind jetzt sogar die Bauern und ihr Landwirtschaftsminister in Erklärungsnotstand gekommen. Bundesernährungsminister Horst Seehofer (CSU) und der Deutsche Bauernverband erklärten, zwar hätten hauptsächlich die Milcherzeugnisse (Milch plus 20, Butter fast 50 Prozent) spürbar zum Anstieg der Inflationsrate beigetragen. Denn im November waren Nahrungsmittel rund 5,4 Prozent teurer als im Vorjahresmonat. Die Preise für Lebensmittel seien aber über Jahre hinweg deutlich langsamer gestiegen als die Verbraucherpreise insgesamt. „Sie haben damit maßgeblich zur Dämpfung des Anstiegs der Lebenshaltungskosten beigetragen“, sagte Seehofer. Der jährliche Verbraucherpreisanstieg für Nahrungsmittel habe zwischen 1991 und 2006 bei 0,9 Prozent gelegen, also deutlich unter der allgemeinen Inflationsrate.

Der Bauernverband erklärt das gleiche Phänomen mit einer Art Schweineindex: „Musste ein Arbeitnehmer für ein Kilogramm Schweinekotelett 1970 noch 96 Minuten arbeiten, hat er dies heute in etwa 23 Minuten verdient.“ Seehofer wies bei dieser Gelegenheit auf das neue Gesetz zur Bekämpfung des Preismissbrauchs bei Energieversorgung und Lebensmitteln hin. Großen Handelsunternehmen sei es nicht mehr erlaubt, Lebensmittel des täglichen Bedarfs unter Einstandspreis anzubieten. Das soll verhindern, dass kleine Geschäfte aus dem Markt gedrängt werden. Den Preisanstieg dämpft es nicht.

Text: Web./F.A.Z., 29.12.2007, Nr. 302 / Seite 11
Bildmaterial: F.A.Z.

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