Weltwirtschaftsbericht

Die Kluft zwischen Arm und Reich wächst

Von Claus Tigges

11. Oktober 2007 Die meisten Menschen in der Welt leben heutzutage besser als vor zwei Jahrzehnten. Allerdings nimmt die Ungleichheit in der Einkommensverteilung in vielen Ländern und Regionen zu. Es ist darum die Aufgabe der Politik, dafür zu sorgen, dass die Gewinne der Globalisierung gleichmäßiger verteilt werden. Dafür plädiert der Internationale Währungsfonds (IWF) in seiner neuen Ausgabe des Weltwirtschaftsberichts. Er macht sich darin gleichwohl nicht für höhere Steuern oder Abgaben zur Umverteilung der Einkommen stark, sondern für eine bessere Aus- und Fortbildung.

„In den vergangenen 20 Jahren ist die Ungleichheit in der Einkommensverteilung vielerorts gewachsen. Gleichzeitig sind die Pro-Kopf-Einkommen in nahezu allen Regionen gestiegen, und zwar auch die der ärmsten Bevölkerungsschichten“, schreiben die IWF-Ökonomen. Den Armen gehe es absolut gesehen besser als früher, wenngleich die Einkommen der verhältnismäßig Wohlhabenden noch schneller gestiegen seien.

Geringqualifizierte leiden

Als wichtigsten Grund für die zunehmende Einkommensungleichheit bezeichnet der Fonds den technischen Fortschritt: Der Einsatz moderner Maschinen mache die Arbeit gut ausgebildeter Fachkräfte wertvoller, die mit den neuen Techniken umgehen können. Das schlage sich in deren Löhnen und Gehältern nieder. Auf der anderen Seite litten darunter Menschen mit einem geringen Qualifikationsgrad, weil ihre Arbeit durch technische Errungenschaften ersetzt werde.

Der IWF widerspricht in dem Bericht der häufig von Globalisierungsgegnern vorgebrachten These, dass das schnelle Wachstum des internationalen Handels viele Menschen ärmer mache. Es treffe auch nicht zu, dass vom Handel mit Waren und Dienstleistungen in erster Linie Reiche profitierten. In den Entwicklungs- und Schwellenländern trügen sowohl ein höherer Export als auch eine Verringerung von Zöllen zu einer besseren Verteilung der Einkommen über die verschiedenen Bevölkerungsschichten hinweg bei.

Leichteren Zugang zu Bankdienstleistungen schaffen

Zwei Entwicklungen, die ebenfalls unter die Überschrift „Globalisierung“ fallen, haben nach Einschätzung des IWF allerdings zur wachsenden Ungleichheit der Einkommensverteilung beigetragen: der Anstieg ausländischer Direktinvestitionen, weil dadurch, ähnlich wie im Fall des technischen Fortschritts, der Wert gut qualifizierter Arbeitskräfte steigt; und die enge Verflechtung der internationalen Finanzsysteme, weil Reiche meist besser in der Lage seien, die günstigen Bedingungen an den Kapitalmärkten zu nutzen.

„Es müssen Wege gefunden werden, wie sowohl den Geringqualifizierten als auch den Beziehern niedriger Einkommen geholfen werden kann, vom technischen Fortschritt und von der Globalisierung zu profitieren“, verlangt der Währungsfonds. Eine Verbesserung der Aus- und Fortbildungsmöglichkeiten zähle ebenso dazu wie ein leichterer Zugang zu Bankdienstleistungen und den Finanzmärkten. „Darüber hinaus wäre es sicher hilfreich, wenn die Politik Arbeitnehmern den Übergang von schrumpfenden zu wachsenden Wirtschaftszweigen erleichterte.“

Text: F.A.Z., 11.10.2007, Nr. 236 / Seite 16
Bildmaterial: F.A.Z.

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