Globalisierung

Nicht auf Kosten des Westens

T-Shirt aus asiatischer Produktion für ein Sechstel des Preises.

T-Shirt aus asiatischer Produktion für ein Sechstel des Preises.

28. September 2006 Im Westen werden sie gelegentlich als „Angreiferstaaten“ bezeichnet - China, Indien und andere Entwicklungsländer, die mit Wucht in die Weltwirtschaft drängen. Das Sprachbild legt nahe, daß die industrialisierten Staaten der westlichen Welt verlieren, wenn Milliarden Chinesen und Inder versuchen, durch Außenhandel ihren Lebensstandard zu verbessern. Fakten bestätigen diese Ängste nicht.

Bislang jedenfalls sind etwa die Vereinigten Staaten und die Europäische Union von einer Verschiebung der wirtschaftlichen Gewichte in der Welt wenig betroffen. Die Anteile Amerikas und der EU an der Weltwirtschaft schwanken, nominal auf Basis des amerikanischen Dollar gemessen, seit den achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts um 25 bis 30 Prozent. Der Aufstieg Chinas, das trotz des rasanten Wachstums zuletzt knapp 6 Prozent der Weltwirtschaft auf sich vereint, hat das relative Gewicht der Wirtschaftsmächte bislang kaum berührt.

Wohlstandszuwachs nicht auf Kosten des Westens

Das Starren auf regionale Verschiebungen in der Welt verdeckt, daß ein geringerer Anteil einzelner Staaten noch lange nicht mit einer schrumpfenden Wirtschaft und sinkendem Lebensstandard gleichzusetzen sind. Denn der Kuchen wird größer, zum gegenseitigen Vorteil. So hat das Bruttoinlandsprodukt (BIP) je Kopf in China sich nach Berechnungen des Internationalen Währungsfonds von 1980 bis 2005 mehr als verzwanzigfacht, wobei die Kosten des Lebensunterhalts berücksichtigt sind. Der enorme Wohlstandszuwachs ging nicht auf Kosten des Westens: In den Vereinigten Staaten hat sich das BIP je Kopf im gleichen Zeitraum fast vervierfacht und in Deutschland gut verdreifacht.

Gerade durch das Angebot und die Nachfrage der neuen Mitspieler wächst die Weltwirtschaft unverdrossen weiter. Die Wachstumsraten des globalen BIP lagen in den vergangenen Jahren mit rund 5 Prozent so hoch wie seit Beginn der siebziger Jahre nicht mehr. Die westlichen Industriestaaten und Deutschland als Exportweltmeister im Güterhandel profitierten von der höheren Nachfrage. Ohne diesen Anschub vor allem für den Maschinenbau, in dem die deutsche Industrie große Vorteile besitzt, hätte die hiesige Wirtschaft in den vergangenen Jahren nicht nur stagniert, sondern wäre geschrumpft.

Einfuhrpreise im Durchschnitt unverändert

Der Vergleich Deutschlands mit Amerika legt offen, daß Wachstumsschwächen in westlichen Industriestaaten nicht die Schuld der asiatischen Niedriglohnländer sind. Obwohl die Vereinigten Staaten der Importkonkurrenz aus China oder Indien nicht weniger ausgesetzt sind als Europa, wächst die dortige Wirtschaft seit Jahren erheblich schneller als etwa die deutsche und hat eine geringere Arbeitslosigkeit.

Am deutlichsten zeigen sich die Vorteile der Globalisierung in den niedrigen Preisen, an denen sich die Verbraucher in den westlichen Industriestaaten erfreuen. Nach einer Analyse des Instituts der deutschen Wirtschaft stiegen die Verbraucherpreise in Deutschland von 1990 bis 2005 um mehr als 30 Prozent. Die Einfuhrpreise aber blieben im Durchschnitt nahezu unverändert. Den Konsumenten nutzt der Preisvorteil der Importgüter direkt. Ein einfaches T-Shirt kostet bei einem der verbliebenen Bekleidungshersteller, der auch in Zukunft nur in Deutschland produzieren will, 17 Euro. Aus asiatischer Produktion bekommt man für dafür in Markenqualität mindestens sechs T-Shirts.

Text: pwe. / F.A.Z., 29.09.2006, Nr. 227 / Seite 14
Bildmaterial: F.A.Z., picture-alliance/ dpa/dpaweb

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