Von Ingmar Höhmann
19. April 2007 Madrids Bürgermeister Alberto Ruiz-Gallardón ist derzeit fast häufiger auf Baustellen als im Rathaus zu finden. Im Wochentakt weiht der Politiker neue Gebäude ein. Mitte März konnte er verkünden, dass das höchste Bauwerk Spaniens jetzt in der Hauptstadt steht. 223 Meter aus Glas, Stahl und Beton, ein Wolkenkratzer der Superlative.
Der Torre Espacio wird allerdings nicht lange Zeit Rekordhalter sein, denn nebenan sind drei weitere Riesen im Bau, von denen ihn jeder Einzelne an Höhe überragen wird. Mit der "Cuatro Torres Business Area" entsteht ein Hochhauskomplex, der alles Bisherige in Spanien übertrifft. All das bedeutet viel Arbeit für Ruiz-Gallardón, denn egal ob Flughafen, Autobahn oder neue Wohnblocks: Madrid ist eine einzige riesige Baustelle.
Baufieber wie nie zuvor
Und nicht nur Madrid. In Spanien wütet das Baufieber wie nie zuvor. Neue Wohnungen, neue Museen, neue Geschäftsviertel: Die Städte glitzern und sehen immer mehr nach Business aus statt nach Siesta. Die Wirtschaft des Landes wächst und wächst und will einfach nicht damit aufhören.
Auch 2006 hat das Wirtschaftswachstum mit 3,9 Prozent wiederum alle Erwartungen übertroffen. Die Arbeitslosenquote, die vor zehn Jahren noch bei 20 Prozent lag, ist inzwischen auf rund acht Prozent gesunken. Spanien ist unbestritten Europas Wachstumsstar.
Wohnungspreise enorm gestiegen
Doch der Glanz des Wirtschaftswunders könnte schnell verblassen. Vor allem das, was nach außen hin so erfolgreich aussieht, die vielen neuen Wohnungen und Büros, könnte zum Auslöser werden. Der ungehemmte Bauboom hat eine enorme Preisblase erzeugt. Mittlerweile hält die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung die Wohnungspreise für um 30 Prozent überbewertet, andere Schätzungen sprechen gar von 50 Prozent. Die teuren Immobilien kann sich kaum jemand mehr leisten. Denn während die Löhne nur wenig gestiegen sind, schossen nach Angaben der spanischen Zentralbank in den vergangenen neun Jahren die Wohnungspreise inflationsbereinigt um 130 Prozent nach oben.
Das spanische Wachstum wurde lange Zeit durch einen Konsum- und Bauboom angetrieben, der längst alle Grenzen gesprengt hat. Die niedrigen Zinsen im Euro-Raum haben Millionen Spaniern zu billigen Krediten verholfen. Damit kaufen sie Wohnungen, Autos und teure Kleider in einem Ausmaß, wie es noch vor zehn Jahren undenkbar schien. Gleichzeitig sind seit der Jahrtausendwende etwa vier Millionen Einwanderer ins Land geströmt und haben die Binnennachfrage zusätzlich angeheizt.
Wirtschaft hängt am Bau
Jetzt, da die Zinsen im Euro-Raum steigen und viele Spanier bis zum Hals in Schulden stecken, stehen sowohl Konsum- als auch Bauboom vor dem Ende. Platzt die Blase, könnte das die ganze Wirtschaft in eine Krise stürzen.
Denn die hängt zum größten Teil vom Bausektor ab. "Die Situation der Wirtschaft ist insgesamt gesehen ziemlich schwach im Vergleich zu anderen Staaten in Europa. Wir erleben eine Konzentration in Bereichen, die kaum exportieren und sich vor allem um den Bau drehen", sagt Emilio Ontiveros, Wirtschaftsprofessor an der Universidad Autonoma in Madrid. "Es gibt Ansätze der Flexibilisierung, aber das ist ein sehr langsamer Prozess."
Land ohne starke Industrie
Selbst wenn es Spanien gelingen sollte, einen Immobiliencrash zu vermeiden und die Binnennachfrage halbwegs zu stabilisieren, wird das Land noch auf Dauer mit einer ganzen Menge weiterer Probleme zu kämpfen haben. Organisationen wie der Internationale Währungsfonds warnen seit Jahren vor den enormen Ungleichgewichten in der Wirtschaft.
Anders als in Deutschland hat Spanien keine starke Industrie, die in die Bresche springen könnte. Ganz im Gegenteil: Die spanischen Unternehmen verlieren seit Jahren an Wettbewerbsfähigkeit - und haben am Wirtschaftswunder kaum Anteil gehabt. Nur fünf Prozent der 2006 geschaffenen Jobs entstanden nach Angaben der Europäischen Kommission in der Industrie.
Spanien schafft fast nur Niedriglohnjobs
Das Hauptproblem ist die mangelnde Produktivität. Auf einem Diskussionsforum in Madrid fand der Präsident der Europäischen Zentralbank, Jean-Claude Trichet, deutliche Worte: "Die Produktivität in Spanien befindet sich nicht auf dem Level einer industrialisierten Wirtschaft. Die Zuwachsraten übersteigen kaum null Prozent."
Nach Daten des spanischen Statistikamtes stieg die Arbeitsproduktivität im vergangenen Jahr nur um 0,8 Prozent, im Servicebereich und im Bau pendelte die Rate sogar in den Minusbereich. Auch das ist nichts Neues: Die in Spanien neu geschaffenen Arbeitsplätze sind fast nur Niedriglohnjobs - und die sind weder besonders sicher noch besonders produktiv.
Kaum Hightech
Besserung ist nicht in Sicht. Um auf dem Weltmarkt mithalten zu können, brauchen die Firmen neue Produkte. Doch die lassen immer häufiger auf sich warten. Grund dafür sind die geringen Investitionen in Forschung und Entwicklung.
Von einem Hightech-Land ist Spanien weit entfernt. In einer EU-Studie über das Forschungsniveau belegen die Südeuropäer gerade einmal Platz 16, einen Platz vor Zypern, und in der gleichen Gruppe mit den Agrarländern Rumänien und Bulgarien. Die Universitäten tun sich schwer, ihre Forschungsergebnisse den Unternehmen schmackhaft zu machen. Wer in Spanien Geld übrig hat und investieren will, steckt derzeit alles in Stein und Beton, weil das die größten Profite verspricht. "Die Rentabilität der Investitionen im Bausektor ist so hoch, dass wenig Anreiz gegeben ist, mehr in risikoreichere Gebiete zu investieren", klagt José Martí Pellón, Wirtschaftsprofessor an der Universidad Complutense in Madrid. "Da ist einfach mehr Risikokapital nötig. Bislang bekommen die Unternehmen nicht die notwendige Unterstützung, um Forschung voranzutreiben."
Regierung bleibt ungebrochen optimistisch
Die fehlende Innovationskraft der Industrie stellt das Land vor ein Problem. Denn während die Betriebe ihre Produkte im Ausland immer schwieriger an den Mann bringen können, kaufen die Spanier selbst ungehemmt außerhalb der eigenen Grenzen ein. Seit 1998 baut sich in der Leistungsbilanz ein enormes Defizit auf, das mit jedem Jahr größer wird und schon neun Prozent des Bruttoinlandsproduktes erreicht hat. Selbst die Einnahmen aus dem boomenden Tourismus reichen nicht mehr aus, um die Lücke zu schließen. Zudem verliert der Standort Spanien an Attraktivität. Zunehmend ziehen sich ausländische Investoren von der Iberischen Halbinsel zurück. Trotz alledem: Die Regierung bleibt ungebrochen optimistisch. Wirtschaftsminister Pedro Solbes prophezeit für dieses und das kommende Jahr Wachstumsraten von 3,4 und 3,3 Prozent.
Ganz anders hingegen sieht es die britische Großbank HSBC. Chef-Ökonom Stephen King verwirrte im Januar ganz Spanien, als er nur noch 2,4 Prozent Wachstum in Aussicht stellte. Die steigenden Zinsen würden sich kräftig auf den privaten Konsum und die überbordende Baubranche niederschlagen, sagte King. Für die Pressekonferenz hatte er auch den entsprechenden Titel ausgesucht, mit dem er auf optimistischere Prognosen anspielte: "Zu schön, um wahr zu sein."
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 15.04.2007, Nr. 15 / Seite 40
Bildmaterial: AP, F.A.Z., picture-alliance / dpa/dpaweb
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