24. Mai 2005 Billiglohnkonkurrenz, erhöhter Wettbewerbsdruck, Zwang zur Verlagerung der Produktion nach Osten: Als vor gut einem Jahr zehn neue Staaten der Europäischen Union beitraten, befürchteten nicht nur viele Arbeitnehmervertreter, sondern auch Teile der deutschen Wirtschaft das Schlimmste.
Wer die derzeitige deutsche Diskussion über die angeblichen Folgen der Erweiterung verfolgt, muß den Eindruck bekommen, die damaligen Befürchtungen hätten sich mehr als bestätigt. Doch in Wirklichkeit ist offenbar das Gegenteil der Fall: Die deutschen Unternehmen jedenfalls sehen die Folgen der Erweiterung mittlerweile deutlich gelassener als vor einem Jahr.
Auswirkungen auf Wettbewerb weniger stark als erwartet
Zu diesem Befund kommt das arbeitgebernahe Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) in einer Sonderauswertung von zwei seiner Konjunkturumfragen in diesem Frühjahr. Das IW hat darin über 1.000 Unternehmen zu ihren Erfahrungen mit der Erweiterung befragt.
Das zentrale Ergebnis lautet: Die Erweiterung hat sich - im Positiven wie im Negativen - weniger stark auf die Wettbewerbsposition der Unternehmen ausgewirkt als erwartet. Viele damals gehegte Befürchtungen waren unberechtigt. "Die populistischen Argumente gegen eine Öffnung der EU, die derzeit gerade in Deutschland beliebt sind, stehen auf einem wackeligen empirischen Fundament", sagt IW-Direktor Michael Hüther. "Wir täten deshalb gut daran, die wirtschaftlichen Folgen der Erweiterung etwas nüchterner zu betrachten." Hüther räumt indes ein, daß nicht nur die deutsche Wirtschaft die Gefahren der Erweiterung überschätzt habe. "Die Ergebnisse haben uns selbst überrascht."
Rationalisierungsdruck geringer als befürchtet
Besonders deutlich hat sich in den Unternehmen die Einschätzung des Rationalisierungsdrucks geändert, der von der Erweiterung ausgeht. Hatte vor einem Jahr noch ein rundes Drittel einen stärkeren Druck erwartet, berichten jetzt nur knapp 20 Prozent davon, daß sich der Rationalisierungsdruck erhöht hat. Fast die Hälfte der Unternehmen sagt dagegen, sie seien durch die Erweiterung nicht zu Rationalisierungen gezwungen.
Ähnlich berichten die Firmen über ihre Erfahrungen mit dem Konkurrenzdruck durch den Import von Gütern aus Mittel- und Osteuropa. Vor einem Jahr sprach ein rundes Drittel der Unternehmen davon, dieser Druck werde stark zunehmen. Auch diese Befürchtung hat sich relativiert. Nur 15 Prozent der befragten Firmen berichten von gestiegenem Konkurrenzdruck durch Importe, mehr als die Hälfte berichtet, dieser habe sich seit der Ost-Erweiterung nicht verändert.
Nur geringer Teil profitiert von Nachfrage aus neuen EU-Ländern
Dieses Ergebnis scheint einer anderen, ebenfalls in der vergangenen Woche veröffentlichten Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) zu widersprechen. Die DIW-Ökonomen berichten von einem deutlichen Zuwachs des Imports der "alten" EU-Staaten aus den beigetretenen Ländern. Das DIW fügt indes hinzu, daß dies vor allem Ausdruck der bereits seit längerem wachsenden realwirtschaftlichen Verflechtung von "alten" und "neuen" EU-Staaten ist. Auch die Ausfuhr aus den 15 bisherigen Mitgliedstaaten in die zehn neuen ist gestiegen.
Freilich profitiert - so lehrt die IW-Umfrage - nur ein vergleichsweise geringer Teil der Unternehmen von der gestiegenen Nachfrage aus den neuen EU-Ländern besonders. 5,3 Prozent berichten von einem starken Nachfrageplus aus den Beitrittsstaaten, 62,4 Prozent sagen, die Nachfrage habe sich nicht verändert.
Zahl der Produktionsverlagerungen in den Osten überschaubar
Daß der politische Vollzug des EU-Beitritts keine wirtschaftlichen Erdbeben auslösen würde, hatten vor einem Jahr die meisten ökonomischen Beobachter erwartet. Ihre Begründung lautete, daß die wirtschaftliche Integration schon vor dem Beitritt weit fortgeschritten war. Andererseits sind bestimmte Elemente der Integration, etwa die vollständige Freizügigkeit, auch nach dem Beitritt noch längst nicht vollendet. Die nicht zu leugnenden realwirtschaftlichen Veränderungen, die von der Ost-Erweiterung ausgehen, vollziehen sich also nicht auf einmal, sondern Schritt für Schritt.
Auch die Zahl der Unternehmen, die wegen der Ost-Erweiterung eine Produktionsverlagerung nach Mittel- und Osteuropa erwägen, ist laut IW überschaubar. Starke Anreize hierfür gaben bislang nur rund 9 Prozent der Befragten zu Protokoll. Vor einem Jahr war dieser Anteil mit 11 Prozent noch etwas höher. Für 71 Prozent der Betriebe sei eine Abwanderung dagegen derzeit kein Thema, berichten die Institutsökonomen. Dabei seien keine bedeutenden Unterschiede zwischen Großunternehmen und Mittelständlern erkennbar.
Alles in allem also "halb so wild"
Die Studie liefert auch keine Belege dafür, daß ostdeutsche Unternehmen besonders unter der EU-Erweiterung leiden. Der Anteil der ostdeutschen Betriebe, der wegen der Erweiterung an zusätzliche Rationalisierungsschritte denke, liege nur wenig über dem - ohnehin nicht sehr hohen - Gesamtdurchschnitt, berichtet das Institut. Auch werde der Konkurrenzdruck durch den Import aus Osteuropa in den neuen Bundesländern nur unwesentlich stärker wahrgenommen als im Bundesdurchschnitt.
Die These, daß vor allem die Nachbarbundesländer von Polen und Tschechien unter der Erweiterung litten, lasse sich nicht bestätigen, sagt Hüther. Unterstützt werde dieser Befund durch eine Umfrage der sächsischen Industrie- und Handelskammern. Demnach gab in diesem Frühjahr nur ein Drittel der Unternehmen in Sachsen an, daß sich die größer gewordene EU auf ihr Geschäft auswirke. Dabei erkannten 21 Prozent der Unternehmen positive und 15 Prozent negative Auswirkungen.
Alles in allem seien die Folgen der Erweiterung also "halb so wild", meinen die IW-Ökonomen. Freilich erwiesen sich nicht nur die Befürchtungen als übertrieben, sondern auch manche Hoffnung. So hatten vor einem Jahr zumindest einige Unternehmen gehofft, die Ost-Erweiterung werde den Arbeitskräftemangel in Deutschland abschwächen. Mittlerweile sind 85 Prozent der Meinung, daß sich dieser Mangel durch die Erweiterung nicht beheben läßt.
Eine Kurzfassung der IW-Ergebnisse ist abrufbar unter http://www.iwkoeln.de/Publikationen/frs_publikationen.htm.
Text: wmu., F.A.Z., 24.05.2005, Nr. 118 / Seite 27
Bildmaterial: F.A.Z.
Störfall Krümmel: Eine Zehntelsekunde zu wenig ![]()
Kreditvergabe: Deutschland will Eigenkapitalregel aufweichen
Heraeus Quarzglas baut 210 Stellen ab
| Name | Kurs | in % |
| DAX | 4.651,82 | −1,20% |
| Eurostoxx 50 | 2.343,88 | −1,37% |
| Dow Jones | 8.324,87 | +0,53% |
| MDAX | 5.609,43 | −1,62% |
| Nasdaq 100 | 1.441,01 | −0,36% |
| Nikkei225 | 9.680,87 | −1,38% |
| REX | 365,96 | +0,19% |
| SDAX | 2.808,59 | −1,57% |
| S&P500 | 898,72 | +0,26% |
| TecDAX | 611,93 | −1,06% |
| Bund Future | 121,88 € | +0,25% |
| EUR/USD | 1,3978 | −0,02% |
| Gold | 932,50 $ | +0,32% |
| Rohöl Brent Crude | 64,10 $ | −1,46% |