Von Patrick Welter
11. April 2006 Die Stimmung in der deutschen Wirtschaft hat sich in den vergangenen Monaten rapide verbessert. Aber folgt die Entwicklung den weichen Umfragen? Bislang können Konjunkturforscher nur spekulieren.
Wegen der Streiks im öffentlichen Dienst liegen noch keine Daten für die Industrieproduktion und den Auftragseingang in der Industrie im Februar vor. Das Bild über die tatsächliche Wirtschaftsentwicklung in den ersten Monaten dieses Jahres bleibt somit vage. Das Verarbeitende Gewerbe trägt zwar nur einen vergleichsweise geringen Teil zum Bruttoinlandsprodukt bei. Die großen Schwankungen der Industrieproduktion aber machen sie zu einem der wichtigsten Faktoren der konjunkturellen Entwicklung.
Nach derzeitigem Wissensstand lag die Produktion im Verarbeitenden Gewerbe im Januar 1,3 Prozent höher als im Dezember. Der kräftige Anstieg schreibt die deutliche Aufwärtsentwicklung fort, die seit Januar 2005 zu beobachten ist. Der Export ist im Januar und Februar kräftig gestiegen, was auf eine weitere Industrieexpansion hinweist, ebenso wie der stark gestiegene Import, der auf eine steigende Nachfrage hierzulande hindeutet. Auch die Kreditvergabe der deutschen Banken hat sich zum Jahresanfang deutlich verbessert. Zudem läßt der rasante Anstieg des Ifo-Geschäftsklimaindex vermuten, daß die Aufwärtsentwicklung in der Industrie sich bis April fortgesetzt hat. Dafür spricht, daß die befragten Unternehmen ihre aktuelle Geschäftslage stetig besser beurteilten.
Konjunkturforscher nehmen den Ifo noch nicht für bare Münze
Konjunkturforscher haben dennoch Zweifel an dem rasanten Anstieg des Ifo-Index. Nähmen wir dessen Entwicklung für bare Münze, ist für dieses Jahr eine Wachstumsrate von 2,5 und mehr Prozent möglich, heißt es. In den Prognosen steckt das noch nicht drin: Am weitesten haben sich bislang die Ökonomen des Instituts für Weltwirtschaft in Kiel vorgewagt, die Deutschland ein Wirtschaftswachstum von 2,1 Prozent in diesem Jahr prognostizieren. Viele Ökonomen aber bleiben skeptisch und behalten ihre Prognosen bei, die mehrheitlich bei etwa 1,5 bis 1,7 Prozent liegen.
Ein Grund für die Zurückhaltung ist, daß die prächtige Entwicklung im Verarbeitenden Gewerbe womöglich weniger stark auf die Gesamtwirtschaft durchschlagen wird als in früheren Konjunkturzyklen. Die Ökonomen der Deutschen Bank bringen diesen Gedanken auf die Formel, daß die hiesige Wirtschaft sich zweiteile: in einen starken, vom Export gezogenen Industriesektor und in einen schwachen Wirtschaftssektor, der an der Binnennachfrage hängt. Sichtbar wird diese Veränderung an der Entwicklung der Wirtschaftszweige. Die Bruttowertschöpfung im Produzierenden Gewerbe ohne Bau stieg in den vergangenen vier Jahren um 10 Prozent. Das entspricht ziemlich genau dem Anstieg in den zwei Jahren 1999 und 2000. Im Gegensatz zu damals blieb die Entwicklung in anderen Wirtschaftszweigen und vor allem in Handel, Gastgewerbe und Verkehr aber deutlich hinter dem industriellen Aufschwung zurück.
Verzögerungen müssen aufgearbeitet werden
Inhaltlich gründet die These der zweigeteilten Wirtschaft darin, daß viele Unternehmen sich im Zuge der Globalisierung vom deutschen Markt abgekoppelt haben. Sie lassen Vorprodukte im Ausland - zum Beispiel im preiswerten Osteuropa - fertigen und verkaufen ihre Produkte in die ganze Welt. Behelligen Regierung oder Gewerkschaften die Unternehmen zu sehr mit hohen Steuern, Regulierungen oder Tariflohnforderungen, verlagern diese die Produktion vermehrt ins Ausland.
Für die Deutschen ist das eine gute Entwicklung: So werden Wirtschaftspolitiker und Gewerkschaften gezwungen, sich mehr der Standortqualität zu widmen. Aus der kurzfristigen konjunkturellen Sicht hingegen erhöht diese Entwicklung die Unsicherheit über die Aussichten. Entscheidend für die kommenden Monate und die Wachstumsrate im Gesamtjahr wird sein, inwieweit der Aufschwung in der Industrie auf die Beschäftigung, damit auf die Einkommen und so auf binnenorientierte Branchen übergreift. Einiges gibt da Anlaß zur Hoffnung. So könnte die Bauwirtschaft eine Talsohle gefunden haben, von der aus es aufwärtsgeht. Im Jahresverlauf 2005 stieg die Bruttowertschöpfung. Im ersten Quartal 2006 dürfte das Bauhauptgewerbe zwar als Folge des heftigen Winters kaum zum Wachstum beigetragen haben; die Verzögerungen auf den Baustellen müssen indes in diesen Monaten aufgearbeitet werden.
Beschäftigungsentwicklung bleibt problematisch
Das Konsumklima und die Ifo-Umfragen im Einzelhandel zur Geschäftslage und zu den Erwartungen lassen eine Tendenz zur Besserung im Konsum erkennen. Der Einzelhandelsumsatz ist im Januar und Februar im Trend gestiegen. Problematisch bleibt hingegen die Beschäftigungsentwicklung, die bislang keinen rechten Aufwärtstrend erkennen läßt, der einen dauerhaften Konsumschub erwarten ließe. Das kann noch kommen; typischerweise läuft die Entwicklung am Arbeitsmarkt der Konjunkturentwicklung hinterher. Unternehmensumfragen weisen immerhin auf einen gewissen Beschäftigungsaufbau hin. Offen aber ist, ob die Lohnabschlüsse in den laufenden Tarifrunden diese Erwartungen zerstören.
Die Zweiteilung der deutschen Wirtschaft bedingt auch, daß zu hohe Lohnsteigerungen hierzulande schneller als früher zu einer Verlagerung der Produktion in andere Länder führen. Als sicher kann schon jetzt gelten, daß eine Besserung im Konsum in diesem Jahr im kommenden Jahr arg gedämpft würde: Nach Berechnungen des Statistischen Bundesamts wird die Mehrwertsteuererhöhung die Inflationsrate 2007 um 1,4 Prozentpunkte steigen lassen und die Realeinkommen schmälern.
Streikschaden
Der F.A.Z.-Konjunkturindikator wird in diesem Monat deutlich später veröffentlicht als üblich. Grund sind die Streiks im öffentlichen Dienst. Weil das Statistische Landesamt in Nordrhein-Westfalen derzeit keine Daten zur Entwicklung in der Industrie vorlegen kann, wird das Statistische Bundesamt gesamtdeutsche Daten zur Entwicklung des Auftragseingangs und der Industrieproduktion im Februar nach derzeitigem Stand frühestens am 24. April veröffentlichen. Eigentlich sollten diese Daten schon Ende vergangener Woche vorliegen. Der Auftragseingang ist ein wichtiger Teilindikator des F.A.Z.-Konjunkturindikators, so daß auch dieser erst später berechnet werden kann.
Text: F.A.Z., 11.04.2006, Nr. 86 / Seite 14
Bildmaterial: F.A.Z.
Schwarzes Ende einer schwarzen ![]()
Ist die Altersvorsorge in Gefahr?
Wie die Finanzkrise die Grundlagen unseres Denkens in Frage stellt
| Name | Punkte | Prozent |
|---|---|---|
| Dax | 4.544,31 | -7,01 |
| TecDax | 516,75 | -4,81 |
| DowJones | 8.451,19 | -1,49 |
| Nasdaq | 1.649,51 | +0,27 |
| STOXX 50 | 2.421,87 | -7,86 |
| Nikkei 225 | 8.276,43 | -9,62 |
| S&P 500 Zert. | 8,83 | -10,45 |
| Euro/Dollar | 1,34 | -1,18 |
| Bund Future | 114,67 | -1,44 |
| Gold | 847,90 | -7,69 |
| Öl | 76,65 | -7,49 |