Von Philip Plickert
03. Dezember 2007 Der Fortgang des Aufschwungs im Euro-Raum erscheint zunehmend unsicher. Bislang weisen die Statistiken ein robustes Wachstum aus. Doch die Warnsignale werden stärker. Vor allem die zweite Welle der Hypothekenkrise wirft einen dunklen Schatten auf die Konjunktur, auch im Euro-Raum. Nach Schätzungen rechnen die Banken mit Verlusten von bis zu 400 Milliarden Euro durch Kreditausfälle. Dadurch steigt die Rezessionsgefahr in den Vereinigten Staaten, wovon sich die Wirtschaft diesseits des Atlantiks nur teilweise abkoppeln könnte. Weiterhin ist mit einem schwachen Dollar-Kurs zu rechnen, was die europäischen Exporte belastet. Auch der steile Anstieg des Rohölpreises auf fast 100 Dollar trübt die Aussichten.
Handfeste Warnsignale gibt es von den wichtigen konjunkturellen Frühindikatoren. Der vom englischen NTC-Institut erstellte Einkaufsmanagerindex ist im Oktober auf den niedrigsten Stand seit zwei Jahren gefallen. Auch der Ifo-Index zum Geschäftsklima im Euro-Raum ist im vierten Quartal deutlich gesunken. Vor allem die Erwartungen für die kommenden sechs Monate haben die befragten Wirtschaftsfachleute nach unten revidiert. Insbesondere in Belgien, Spanien, Österreich, Italien und Irland rechnen sie nun mit einer deutlichen Abkühlung. Auch in Frankreich und den Niederlanden ist der Optimismus zurückgegangen. Für Deutschland weist der am Dienstag veröffentlichte Ifo-Geschäftsklimaindex überraschend eine leichte Verbesserung aus - zuvor war er sechs Mal in Folge gefallen.
Schwache Frühindikatoren - robuste Daten
Die schwächeren Indikatoren von NTC und Ifo messen die Erwartungen in Unternehmen und geben einen recht zuverlässigen Ausblick auf die mittelfristige Entwicklung. Auch der Auftragseingang im verarbeitenden Gewerbe war im Sommer erheblich schwächer. Soweit die harten Daten der Produktion jedoch vorliegen, sieht die Konjunktur überwiegend noch sehr robust aus. Die Kreditkrise hat bislang kaum Spuren in der Realwirtschaft hinterlassen, obwohl die Finanzierungskosten für Unternehmen um mehrere Zehntelprozentpunkte gestiegen sind. Im dritten Quartal ist die Wirtschaft im Euro-Raum sogar stärker gewachsen als im ersten Halbjahr 2007. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) legte im Sommer preis- und saisonbereinigt 0,7 Prozent gegenüber dem Frühjahr zu, nach 0,3 und 0,8 Prozent in den Vorquartalen.
Die detaillierten Ergebnisse zur Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung für das dritte Quartal liegen noch nicht vor. Allerdings zeigen Ergebnisse aus Deutschland und Frankreich, den beiden wichtigsten Volkswirtschaften des Euro-Raums, dass die Binnenkonjunktur diesmal stärker war und das Wachstum maßgeblich trug. Eine auffällige Veränderung hat sich im Außenhandel ergeben: Zumindest in Deutschland gab der Außenbeitrag im Sommer rechnerisch keinen positiven Impuls mehr. Hier deutetet sich an, dass die Volkswirtschaften des Euro-Raums künftig weit weniger auf eine Wachstumsdynamik von außen vertrauen können.
Abkoppelung von Amerika kaum möglich
Sollte die amerikanische Wirtschaft in eine Rezession tauchen, was immer mehr Fachleute für wahrscheinlich halten, ist fraglich, ob der Euro-Raum sich davon abkoppeln kann. Die Europäische Zentralbank und andere Institutionen vertreten die Meinung, dass dies möglich wäre. Sie verweisen auf das dynamische Wachstum in China und in Indien wie auch in vielen Rohstoffländern. Allerdings ist zu bedenken, dass deren Entwicklung ebenfalls eng mit Amerika verknüpft ist; ein Abschwung in den Vereinigten Staaten würde auch die Schwellenländer treffen. Zudem zeigen die Zahlen der deutschen Exportwirtschaft, die eine treibende Kraft des europäischen Aufschwungs war, dass beispielsweise Chinas Anteil an den Ausfuhren mit gut 3 Prozent noch deutlich weniger Gewicht hat als Amerikas Anteil von rund 9 Prozent.
Der hohe Euro-Kurs wird zunehmend eine Belastung. Die Marke von annähernd 1,50 Dollar empfinden viele Exporteure als Schmerzgrenze und sagen heftige Umsatzrückgänge voraus, falls die Gemeinschaftswährung gegenüber dem Dollar noch mehr zulegt. Zwar sind die Geschäfte zum Teil gegen Wechselkursrisiken abgesichert, doch funktioniert dieser Schutz nur für ein paar Monate. Hinzu kommen die steigenden Kosten für Rohstoffe, besonders für Öl. Nach gängigen Konjunkturmodellen dämpft ein dauerhafter Anstieg des Ölpreises um 10 Dollar das Wachstum der deutschen Volkswirtschaft um bis zu 0,2 Prozentpunkte, für den gesamten Euro-Raum dürfte ein Dämpfer ähnlicher Größenordnung realistisch sein.
Sanfte Landung in Sicht
Die Hoffnung, dass der Aufschwung auch im kommenden Jahr trägt und nicht in einen Abschwung umschlägt, ruht auf der Binnenkonjunktur, besonders auf dem privaten Verbrauch. Die deutlich gestiegene Beschäftigung im Euro-Raum sorgt für ein insgesamt höheres Einkommen. Ob die Menschen jedoch zuversichtlich bleiben und mehr konsumieren, bleibt angesichts steigender Risiken abzuwarten. Die im Euro-Raum auf 2,6 Prozent gestiegene Inflation verleidet vielen die Kauflaune. Somit sind alle Wachstumsvorhersagen für das kommende Jahr recht unsicher. Wenn alles gutgeht, behalten die Optimisten recht, die der Wirtschaft im Euro-Raum 2008 gut 2,2 Prozent Zuwachs nach geschätzten 2,5 Prozent in diesem Jahr zutrauen. Das wäre eine sanfte Landung.
Text: F.A.Z., 30.11.2007, Nr. 279 / Seite 14
Bildmaterial: F.A.Z.
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