Kommentar

Vor dem Fürstenthron

15. Februar 2004 Vor sechs Jahren hat Deutschland für die Europäische Währungsunion die D-Mark und die führende Rolle der Bundesbank in der Geldpolitik Europas hingegeben. 2006 wird der Deutsche Otmar Issing das Direktorium der Europäischen Zentralbank turnusgemäß verlassen. Ist es vorstellbar, daß die Deutschen dann schon auf einen Führungsposten in der EZB verzichten? Kaum. Im Wahljahr 2006 wird kein deutscher Politiker dem Bürger erklären wollen, warum die größte Volkswirtschaft im Euro-Raum kein Direktoriumsmitglied mehr stellt. Damit gewinnt das hinter den Kulissen begonnene Gerangel um den geldpolitischen Einfluß ernsthafte Züge. Freilich stehen die Bemühungen großer Euro-Staaten um eine ständige Vertretung im Führungsgremium der Notenbank dem Konzept einer europäischen Geldpolitik ebenso entgegen wie der frühere Machtpoker der Franzosen um den Präsidentenposten. Die EZB setzt die Geldpolitik für den gesamten Euro-Raum, nicht für einzelne Mitgliedstaaten. Das politische Geschacher fördert den Eindruck, die Direktoriumsmitglieder seien abhängige Vertreter ihrer Herkunftsländer. Die EZB hat es allerdings selbst in der Hand gegenzuhalten. Wie riet doch der ehemalige Bundesbankpräsident Karl Otto Pöhl dem EZB-Präsidenten Jean-Claude Trichet? Es komme die Zeit des "Mannesmuts vor Fürstenthron". Das gilt für alle EZB-Direktoriumsmitglieder, unabhängig von ihrer Nationalität.

Text: pwe. / Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16.02.2004, Nr. 39 / Seite 13

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